Mode:Nerds wurden plötzlich zu Milliardären - und trugen Rollkragenpulli

Das Kerngeschäft ist und bleibt der Anzug. Als weiteren Grund für das sinkende Interesse an ihm sieht Gildo Zegna nicht nur das ständige Unterwegssein der Menschen. Er sagt: "Wir halten uns heute kaum noch an Kleiderordnungen. Das ist gut und schlecht zugleich." Womit wir bei der Frage wären, wie es so weit kommen konnte.

Noch in den Vierziger- und Fünfzigerjahren war es für Männer ja undenkbar, in etwas anderem als einem wollenen Tagesanzug vor die Tür zu treten. Dann aber kamen ein paar Jungs in den USA auf die unerhörte Idee, mit Rock 'n' Roll, Blue Jeans und Bikerjacken gegen das Establishment zu rebellieren. Es folgten so gut wie dekadenweise neue Jugendkulturen: die Hippies in Schlaghosen und kurzen T-Shirts, die Punks in zerschlissenen Jeans, die Gothics in schwarzem Leder, die Hip-Hopper in Hoodies. Was sie trugen, wurde cool, landete irgendwann auf dem Laufsteg und fällt heute gar nicht mehr auf.

Dem Anzug hat das den Besitzanspruch auf die Männermode streitig gemacht. Daran konnten am Ende auch die Yuppies der Achtziger nichts ändern. Sie erhoben den Zweiteiler zuletzt noch mal zum Symbol für wirtschaftlichen Erfolg (siehe Michael Douglas in "Wall Street"). Es war die Zeit, als Giorgio Armani das Innenfutter aus seinen Sakkos trennte und sich Anzüge erstmals sensibel um die Körper ihrer Träger legten.

Die Chefetagen blieben von all dem vorerst unberührt. Bis das Internet zum Jahrtausendwechsel so richtig boomte. Nerds, die in Garagen und Hinterzimmern Start-ups gründeten, wurden plötzlich Milliardäre und trugen dabei Rollkragen- und Kapuzenpullover: Steve Jobs bei Apple, Mark Zuckerberg bei Facebook und Kevin Systrom bei Instagram zum Beispiel. Seit solche Leute weit vorne auf den Reichen-Listen auftauchen, wird alles immer digitaler, also schneller und bequemer.

Eines der letzten Kleidungsstücke, für das man heute noch ins Geschäft muss

Deshalb soll nicht nur der Anzugkauf, sondern neuerdings auch der Maßanzukauf online getätigt werden. Dienste wie Taylorjack oder Taylor4less bieten ihn zu Dumpingpreisen ab 189 Euro an. Der Kunde muss sich selbst vermessen und soll nach ein paar Wochen daheim vorm Spiegel über den perfekten Sitz staunen. Wer's glaubt. In Wahrheit ist der Anzug eines der letzten Kleidungsstücke, für das man heute noch ins Geschäft gehen muss. Ja, selbst für den von der Stange. Weil zwei bis drei Teile, also Sakko, Hose und wahlweise Weste, auf den Körper und zueinander passen müssen. Und das kostet Geld.

Bei Ermenegildo Zegna gibt es zwar einen Online-Shop, aber nur für die Konfektionsware, "da kommt man heute natürlich nicht drum rum", sagt der Chef.

Dass die Zukunft des Anzugs nur mit einem Erlebnis einhergehen kann, bei dem die helfende Schneiderhand nicht fehlen darf, hat das Unternehmen früh erkannt. Seit 1972 gibt es die Maßkonfektion "Su Misura". Der Kunde kann sich dabei den Stoff und das Modell selbst aussuchen. Die Einzelteile des Anzugs sind nach Standardgrößen vorgefertigt und werden anschließend auf den Kunden angepasst. Das ist teurer als reine Stangenware, aber eben nicht ganz so teuer wie ein kompletter Maßanzug. Bei 2400 Euro geht es los (reine Konfektion bei 1700 Euro). 20 bis 30 Prozent mehr muss ausgeben, wer einen Stoff will, den es nur einmal auf der Welt gibt. Seit 2012 bietet das Unternehmen auch Stoffe an, von denen immer nur ein paar Meter gewebt worden sind.

"Wir setzen verstärkt auf One-to-one-Termine", sagt Gildo Zegna. Er sieht aber nicht nur in der Personalisierung die Zukunft, sondern auch in Alessandro Sartori. Den ehemaligen Chefdesigner von Berluti hat er im Februar abgeworben, sein Debüt wird er im Januar auf der Mailänder Männermodewoche zeigen. Für den Londoner Store hat er schon mal exklusiv ein paar Maßschuhe entworfen, um sich warmzulaufen. Sartorti ist einer, der einen Anzug unbeschwert aussehen lassen kann, er lockert die Silhouette, macht die Stoffe weicher und setzt Farbe ein. Dahinter steckt nicht nur die Idee einer angepassten Bequemlichkeit, sondern auch die Vorstellung, dass man Sakko und Hose getrennt voneinander als eigenständige Kleidungsstücke tragen kann. Klingt naheliegend und könnte tatsächlich ein neues Kapitel für Anzüge einläuten. Das täte auch dem Kunden so gut!

Wo man hinschaut, hängen überall nur noch strenge Zweiteiler in Dunkelblau und Schwarz. Man trägt sie, eigentlich seit Jahren unverändert, mit zwei Knöpfen und schmal, und einem Hemd. Was schade ist, weil allein ein weißes T-Shirt oder ein Rollkragenpullover den Sakkoträger schon ganz leicht auflockern.

In einer Zeit, in der niemand mehr einen Anzug tragen muss, liegt genau der Moment, in dem man ihn auch neu definieren könnte. Gerade weil er nicht vorwiegend für Büro und Business gemacht ist, könnte er wieder zum Botschafter für Lebensart und Stil werden. Im guten Restaurant, in der Ausstellung oder der Oper. Ab und zu tut ein bisschen Disziplin ja auch ganz gut. Und Männer, vor allem von einem gewissen Alter an, brauchen durchaus etwas äußeren Halt zur inneren Sicherheit, mit anderen Worten: einen Anzug, der passt.

© SZ vom 10.12.2016/olkl
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