Mode Klock, klock, klock, der Clog ist da!

Was genau sagt man aus, wenn man in 1290 Euro teuren "Diorquakes" herumläuft und laut "klonk klonk" macht?

(Foto: PR)

Der Sneaker bekommt Konkurrenz: Angesagte Labels haben den Clog, einen klobigen Holzschuh mit fetter Sohle, für ihre Streetwear-Kollektionen entdeckt. Ein feministisches Signal?

Wer anfängt, sich mit dem merkwürdigen Schuhtrend, nämlich dem Tragen von Clogs und anderen klobigen Holzschuhen zu befassen, der landet schnell bei dem Wort Sabot. So heißen Holzschuhe in Frankreich. Dior zum Beispiel bezeichnet sein aktuelles Modell "Diorquake", einen Clog mit handbesticktem Hippie-Patchwork und Riemen an der Verse, als Sabot. Die Schlauen unter den Leserinnen und Lesern wissen es längst: Sabot steckt in einem anderen französischen Wort: Sabotage. Die ist ein laut dahertrampelnder, widerständiger Akt auf Holzsohlen. Oder war es einmal.

Im19. Jahrhundert taucht das Verb saboter erstmals in französischen Wörterbüchern auf. Damals bedeutet es "Holzschuhe herstellen", aber auch "laut herumlaufen" (auf den Holzsohlen, und damit den Betrieb stören). Da ist es zur Sabotage nicht mehr weit. Die Frage lautet nun hier aber: Was genau sabotiert man heute, wenn man in 1290 Euro teuren "Diorquakes" herumläuft und laut "klonk klonk" macht? Geht es um eine nostalgische Luxusbesinnung auf die Jugendrevolte, die im Namen steckt? "Diorquake" bezieht sich ja auf den "Youthquake", das Jugendbeben der Sechzigerjahre, das in Miniröcken daherkam, aber eben auch in Vintage-Wallewallekleidern und Clogs. Allerdings gibt es momentan auch sehr viele andere, teils gar nicht so hippie-boheme-mäßig aussehende Clogmodelle, von Marni, Chloé und Gucci. Manche von ihnen sind viel minimalistischer gestaltet. Oder sie haben Nieten, die wie lange punkige Stachel aussehen.

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Die Holzsohle lässt die Trägerin ein wenig archaisch aussehen, als käme sie gerade vom Acker

Es gibt keinen einheitlichen Clogstil gerade. Aber sehr viele Clogs. Man muss darum wohl grundsätzlicher darüber nachdenken: Will man mit Holzsohlen vielleicht den Imperativ sabotieren, dass man heute am besten auf leisen Sohlen unterwegs ist?

Der Sneaker, zu Deutsch: der Schleicher, war in den vergangenen Jahren jedenfalls das dominante Schuhwerk. Die Mode hatte ihn erst als vulgär verschmäht, dann wurden Sneakers immer luxuriöser, teurer, wulstiger, hässlicher - und gerade dadurch modisch. Der Streetwear-Trend war für die Entwicklung wichtig, ebenso der Einfluss der Hip-Hop-Kultur. Jetzt ist die Entwicklung an ihr logisches Ende gekommen. Oder was könnte extremer und zugleich unsportlicher aussehen als die 700 Euro teuren "Triple-S"-Sneaker von Balenciaga, die geformt sind wie eine Hochzeitstorte, und die beim Gehen gar nicht mehr schleichen, sondern laut quietschen?

Irgendwie muss es anders weitergehen, und da kommt die Holzsohle gerade recht - als ästhetisches Gegenprogramm, als Neustart am Fuß. Die Holzsohle lässt die Trägerin ein wenig archaisch aussehen, als käme sie gerade vom Acker, nicht vom Workout. Derb und bodenständig. Weil der Clog aber auch eine dicke Sohle hat, streckt er die Silhouette. Ähnlich wie der Pump. Aber viel weniger sexualisiert. "Klonk klonk" statt "klacker klacker". Das ist in Zeiten von "#Me Too" vielleicht auch ein politisches, ein feministisches Signal?

Frauen, die jetzt Clogs tragen - oder Sabots, Klompen, Klotzen oder Zoggeli (es gibt so viele verschiedene, jeweils regionalspezifische Namen für mehr oder weniger dasselbe Prinzip) - wollen vielleicht auch etwas verweigern. Sie wollen nicht aussehen, als läge ihnen sehr viel daran, dauerfit und dauersexy auszusehen. Vielleicht ist der Clog auch ein Karriere-Sabotage-Schuh. Entweder man hat den Job eh nicht nötig (1290 Euro!). Oder man macht gerade Pause und entdeckt andere Werte für sich. Back to the roots, oder: back to the woods.

Der Urvater der Clogs: Die hölzernen holländische Schuhe haben in den Niederlanden den lautmalerischen Namen "Klompen".

(Foto: iStockphoto)

In den USA heißen die neuen Clogsträgerinnen längst "The Clogerati". Es sind Frauen wie Lauren Mechling, eine junge Vogue-Kolumnistin und Harvard-Absolventin. Sie schrieb Anfang 2018 im New Yorker eine unterhaltsame Geschichte: "The Life-Changing Magic of Clogs". In ihr berichtet Mechling, wie sie plötzlich arbeitslos ist - und sich erst einmal bei dem angesagten New Yorker Label No.6 Clogs kaufen geht. Mit ihnen entdeckt Mechling ein ganz neues Leben, das zwar durchaus noch am Stromnetz und am WiFi hängt. Ansonsten ist es dem Selbstverständnis nach viel natur- und erdverbundener: mit Alpaka-Wollpullis, Kochbüchern von Yotam Ottolenghi, Indierock-Alben von St. Vincent und viel tüchtiger Selbstpflege. Glatt könnte man das "Clog Life" für das amerikanische Pendant zum dänischen Hygge-Lifestyle halten. Zu dem passen Clogs ja auch sehr gut.

Allerdings - und hier kommen wir ab von der holzig-hyggeligen Heimeligkeit - kommen gerade auch Clogs in Mode, die nicht aus Holz sind. Sondern aus Polyurethan, wie der A630 von Birkenstock. Er ist ein Klassiker der Krankenpfleger-Garderobe. An praktischer Hässlichkeit kaum zu überbieten, sieht er aus wie ein Gummiboot mit verrutschtem Spoiler hinten. Dass ausgerechnet dieser Schuh derzeit oft auf Street-Style-Fotos zu sehen ist, liegt daran, dass 032c - das Berliner Label, an dem gerade kein Vorbeikommen ist - ihn zusammen mit Birkenstock uminterpretiert hat. Mit Camouflage-Muster drinnen und einem kuscheligen Lammfell, das man an kalten Tagen einlegen kann. Das macht ihn nicht hübscher. Wie so häufig bei 032c scheint es um die Beschäftigung mit der Frage zu gehen, was so deutsch aussieht, dass es schon wieder cool sein könnte.

Ein Clog für Mann und Frau aus Kunststoff, der beim Auftreten dann auch gar nicht mehr so laut "klonk klonk" macht wie Holzclogs. Ist das nun geschummelt oder eine geniale Verquickung des Clogtrends mit dem Sneakertrend? Ein Schritt voraus oder nicht - das Modejahr 2019 wird es zeigen.

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