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Mode:Bleiwüste auf der Brust

Balenciaga

Jede Menge Lesestoff: Demna Gvasalia versteht seine Bluse mit Schrift-Druck für Balenciaga als Kommentar zur Medienskepsis und zur desaströsen Weltlage.

(Foto: Monica Feudi)

Von Balenciaga über Calvin Klein bis Dior - viele Modehäuser stehen plötzlich auf Zeitungsprint. Aber warum ausgerechnet jetzt?

Sind das jetzt gute Nachrichten oder schlechte? Am besten erst mal an die Fakten halten: Während bei fast allen Zeitungen und Magazinen die Auflagen sinken, tauchen in der Mode plötzlich "newspaper prints" auf. Allen voran bei der kommenden Frühjahrskollektion von Balenciaga, wo Kreativdirektor Demna Gvasalia ein mit Zeitungsmuster bedrucktes Twin-Set plus eine ebensolche Bluse auf dem Laufsteg zeigte. Bei Helmut Lang hielten sich einige Models scheinbar zusammengerollte Zeitungen vors Gesicht, die sich bei genauerem Hinsehen als zusammengerollte bedruckte Handtaschen herausstellten. Und dann war da noch Raf Simons, der für Calvin Klein T-Shirts und Kleider entwarf, auf denen ein Newsweek-Artikel über das "Tunafish Disaster" zu sehen war. Zwar handelt es sich um ein Zitat des gleichnamigen Warhol-Werkes von 1963, aber die Botschaft, die bei den meisten hängen bleibt, ist ja trotzdem: nächste Saison - Bleiwüste auf der Brust.

Diors Zeitungs-Kleider waren von den Pariser Clochards inspiriert. Scandaleux!

Als Zeitungsjournalist kann man natürlich gar nicht anders, als diesen Trend wahnsinnig chic, wichtig und überfällig zu finden. Soll noch mal einer sagen, Print sei tot, wenn das Medium bei einigen der wichtigsten Designer unserer Zeit derart Schlagzeilen macht. Das oft beschworene Comeback des gedruckten Wortes - da habt ihr's! Jede Wette, dass die großen Modeketten das Thema auch bald aufgreifen und die Drucke blitzschnell verbreiten.

Als Zeitungsjournalist muss man dummerweise aber auch fragen: Warum ausgerechnet jetzt? Was steckt dahinter? Sind das echte News oder ist das wieder dieses Fake-Dings? Denn wirklich neu ist das Motiv in der Mode nicht. Schon die Designerin Elsa Schiaparelli druckte 1935, in Anlehnung an Picassos "Paper Collages", eine Melange aus Presseartikeln auf Kleider und Krawatten - Artikel über sich selbst, wohlgemerkt. In den Sechzigern und Siebzigern war der Newspaper-Print ein häufiges und beliebtes Motiv. Kennen werden die meisten aber vor allem den Skandal um John Galliano, der im Januar des Jahres 2000 Kleider mit Zeitungsmuster für Dior-Couture entwarf - und zwar nicht, weil er so ein eifriger Le Monde-Leser gewesen wäre, sondern weil die Obdachlosen an der Seine, die auf Zeitungen schliefen oder sich damit zudeckten, ihn dazu inspiriert hatten.

Der Aufschrei war entsprechend groß, weshalb Galliano, immer gut für einen Eklat, in der darauffolgenden Prêt-à-porter-Kollektion gleich noch einmal nachlegte und haufenweise Kleider, Jacken und Seidenhosen mit Versatzstücken der fiktiven Postille Christian Dior Daily sowie seines Konterfeis bedrucken ließ. Eines davon trug kurz darauf Sarah Jessica Parker in der Serie "Sex and the City", und bis heute kann sich ungefähr die Hälfte der weiblichen Bevölkerung über 40 an diesen Look in Schwarz-Weiß erinnern. Einen hübschen "Scoop" nennt man das in der Medienbranche.

Sind die Neuauflagen jetzt also nur historische Referenz? So einen "Hatten wir lange nicht mehr, kann man mal wieder machen"-Reflex nach zu viel Blumenmuster? Der entscheidende Unterschied zwischen früher und heute ist ja leider dieser: Damals waren Zeitungen ein Alltagsgegenstand aus der Mitte der Gesellschaft. Jetzt sind sie ein Alltagsgegenstand, dem in der jungen Zielgruppe, welche die Mode am liebsten anspricht, angeblich immer weniger Bedeutung beigemessen wird. Parker alias Carrie Bradshaw konnte als Kolumnistin des fiktiven The New York Star also noch ganz selbstverständlich und selbstreferentiell Zeitungsprint tragen. Doch all die Influencer, Instagramer, Blogger, die sich demnächst die Balenciaga- und Helmut-Lang-Sachen überstreifen - verleiben sich diese "Digital Natives" dann das alte Medium, dem sie ja eh schon die Leser klauen, symbolisch endgültig ein? Oder ist Zeitung für sie einfach ein lustiger Retro-Trend, so wie Röcke mit Siebzigerjahre-Tapetenmuster? Schwer zu sagen, was einem lieber wäre.

Twittervögelchen oder eine Timeline machen auf T-Shirts einfach nicht so viel her

Womöglich lässt sich die Sache aber noch anders erklären. Denn so digital und flüchtig sich unsere Welt einerseits gibt, wenn es ans Eingemachte geht, landen selbst Social-Media-Stars wie Taylor Swift wieder beim alten Blocksatz. Auch ihr Cover zum Album "Reputation", das Anfang November erscheint, überrascht nämlich mit einer Zeitungsoptik voller verschnörkelter Gothic-Lettern. Der Titel ist eine Anspielung auf ihren guten Ruf, der angeblich von Kanye West und Kim Kardashian beschmutzt wurde - interessanterweise eben nicht in den Zeitungen, sondern in Social Media. Twittervögelchen und Facebook-Timeline machen aber offensichtlich weder auf T-Shirts noch als Plattengestaltung viel her. Außerdem benutzte ja auch eben jener Kanye West gerade wieder die Gothic-Schrift für seine Werbeartikel. Also lieber echte Typo, am besten ganz viel davon, denn das signalisiert immer noch: Jetzt wird's ernst! Zumindest optisch gesehen bleibt die Zeitung (in Mode und Popkultur) unangefochtenes Leitmedium.

Das Cover von Taylor Swifts Album "Reputation" mit Zeitungsprint

Auch Taylor Swift setzt beim Cover ihres neuen Albums auf dekorative Buchstaben.

(Foto: obs/Universal International Division/UMI International)

Nur dass ihre jungen Fans tatsächlich anfangen wollen zu lesen, damit rechnet Swift offensichtlich nicht. Die Textblöcke sind lediglich eine endlose Aneinanderreihung ihres Namens. Bei Taylor Swift geht es immer nur um Taylor Swift.

Die Mode dagegen liefert zur Abwechslung nicht nur Oberfläche, sondern auch Inhalte. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die meisten Zeitungsprints bei amerikanischen Häusern zu sehen waren. Neben Shayne Oliver für Helmut Lang setzten auch kleinere Labels wie Assembly und LRS auf Gedrucktes. Und offenkundig war das durchaus als politisches Statement gemeint: Als Erinnerung an die Pressefreiheit, die es zu verteidigen gilt in Zeiten eines steno-twitternden US-Präsidenten, der mit unliebsamen Journalisten am liebsten gar nicht erst redet. Um diese kritische Botschaft optisch umzusetzen, muss es dann doch noch die gute alte Zeitung sein.

Aus Europa kam dagegen die medienkritische Variante. Die Texte auf den Balenciaga-Kleidungsstücken waren nämlich keine tatsächlich erschienenen Artikel wie bei Elsa Schiaparelli damals, sondern frei erfundene Geschichten von Leuten aus seinem Team, sagte Demna Gvasalia nach seiner Show. Also "Fake News". Das sei sein Kommentar zum wachsenden Misstrauen gegenüber den Medien, aber auch eine Reaktion auf die weltpolitische Lage, die vor allem schlechte Nachrichten produziere. "Ich wollte gute Nachrichten", sagte Gvasalia, "happy fake news". Bleibt die Frage: Ob das jetzt wirklich gute Neuigkeiten sind?