Mode aus dem Gefängnis "Die Inspiration liefern die Insassen"

Thomas Jacobs will mehr als nur Sinn stiften und beweisen, dass aus Mangel Großartiges entstehen kann. Die Mode der Häftlinge soll mit etablierten Marken konkurrieren können. Deshalb lässt er sich Zeit. Alleine die Entwicklung der Prototypen dauert ein ganzes Jahr.

Die Schnitte der Kollektionsteile erscheinen einfach. Auf den ersten Blick wirken einige von ihnen improvisiert, unfertig. Schnörkellose Handarbeit. Ungekünstelt und ehrlich. Zum Beispiel ein Basic-Shirt mit rechteckigem Halsausschnitt, sauberer Nahtführung und taillierter Passform. Das Design gibt Jacobs vor. "Die Inspiration liefern die Insassen", erklärt er.

Die Männer sprechen mit ihrem Labelchef über ihre Gefühle, sie filtern und übersetzen sie in Muster und Slogans. "Nihilism", zum Beispiel. Großgeschrieben prangt der Begriff auf Brusthöhe eines Shirts aus Bio-Baumwolle, die Definition aus dem Wörterbuch direkt darunter. Auf Lederjacken mit Kapuze steht in fetten, goldfarbenen Lettern: "Das moralische Gewissen steht über dem Gesetz." Es gibt gestickte Gebete, Gedanken und Botschaften, mal in chinesischer, mal in arabischer Schrift. Jedes Teil ziert eine von Hand eingestickte Nummer, dazu der Name des Sträflings, der es hergestellt hat. T-Shirts kosten ab 25 Euro, Hosen etwa 70 Euro.

Am Anfang sah das Angebot anders aus. Da gab es nur Einheitsgrößen und nicht einmal ein Logo. Doch dann stieg die Nachfrage. Auch der Fashion-Store "Please Do Not Enter" in Los Angeles zählt mittlerweile zu den Abnehmern.

"Den göttlichen Willen zu akzeptieren"

Benannt ist das Project Pietà nach einer Marmorstatue Michelangelos. Sie zeigt die Jungfrau Maria mit dem vom Kreuz genommenen Leichnam Jesu in ihren Armen. "Es gehe darum, den göttlichen Willen zu akzeptieren", sagt Jacobs - und das Beste daraus zu machen. Gefangene können sich durch ihre Teilnahme an dem Mode-Programm ein Stück Unabhängigkeit erarbeiten, sich bessere Lebensmittel, Hygieneartikel und Zigaretten leisten.

Wer in "San Pedro" kein Geld hat, steht in der Hierarchie ganz unten. Und wer sparen kann, tut dies zuerst für die Ausbildung seiner Kinder oder zugunsten der "Civil Reparation", die einige der Häftlinge verpflichtet, vor ihrer Entlassung Geld an ihre Opfer zu entrichten. Wie viel die Inhaftierten von den Einnahmen tatsächlich behalten dürfen, bleibt unklar. Laut Jacobs übersteigt der Verdienst der Pietà-Mitwirkenden den gesetzlichen Mindestlohn Perus für vergleichbare Tätigkeiten. Dieser liegt bei umgerechnet 288 US-Dollar im Monat.

Seinen eigenen Lebensunterhalt bestreitet der Pietà-Gründer ausschließlich von seinem Einkommen als Produktmanager für das Pariser Modehaus. Was übrig bleibt, investiert er in sein Herzensprojekt: "Ich habe ungefähr 100 000 US-Dollar reingesteckt, so genau zähle ich das nicht." Andere Investoren gibt es bislang nicht. Und das trotz des expandierenden Geschäfts.

Mittlerweile betreut Thomas Jacobs Werkstätten in drei von sieben Gefängnissen Limas. In der Frauenhaftanstalt "Santa Monica" wird gewebt, gestickt, geklöppelt, in "San Pedro" genäht und gedruckt und in "San Jorge", dem kleinsten Gefängnis Limas, befindet sich die Schuhproduktion. Hier entstehen Sneaker aus Lack- und Metallicleder.