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Mode:Au revoir, Colette!

Katy Perry unterwegs in Paris

Gibt's was Neues bei Colette? Aber immer doch! Die Sängerin Katy Perry vor dem berühmten Schaufenster, diesmal: Korsagen-Looks.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der legendäre Concept Store an der Pariser Rue Saint-Honoré, Pilgerort für Touristen und Hardcore-Modefans, wird nach 20 Jahren schließen. Weil es in diesem Fall ohne die Gründerin einfach nicht geht. Eine kleine Shopping-Tour zum Abschied.

Um die Kirche mal im Dorf Paris zu lassen: Es war streng genommen nur ein Store. Angesiedelt im Eckhaus Nummer 213 in der Rue Saint-Honoré, auf der anderen Straßenseite Dior, schräg gegenüber das Restaurant La Coupe d'Or, wo der Café au lait acht Euro kostet. 8000 grell ausleuchtete Quadratmeter auf drei Etagen, oben die Luxussachen, im Erdgeschoss die Streetwear, im Basement die Bar mit hundert verschiedenen Sorten Wasser im Angebot, was man schon immer etwas albern fand. Es war schlicht und einfach ein hedonistischer Ort in einer hedonistischen Straße in einer hedonistischen Stadt - na und?

Andererseits war es natürlich der Store. Oder, um es mit dem Forbes-Magazin zu sagen: "Still The Trendiest Store In The World After 18 Years" (das war 2015). Touristen aus aller Welt drückten sich an den Schaufenstern ebenso die Nase platt wie die Pariser Mode-Aficionados, und während der Fashion Week bildete sich oft eine Warteschlange bis weit auf die Straße hinaus, als gebe es drinnen kalorienfreies Chocolate-Cookie-Eis umsonst. "Es ist das einzige Geschäft, in das ich gehe, weil es dort Dinge gibt, die man nirgendwo sonst findet", hat Karl Lagerfeld gesagt. Das stimmte zwar nicht ganz, weil die ganze Rue Saint-Honoré vor raren Kostbarkeiten förmlich überquillt, aber es passte trotzdem. Dieses Geschäft war mehr als die Summe seiner vielen exquisiten Teile. Es war ein Mythos. Und nun sind seine Tage gezählt.

Als Colette am Mittwochmorgen auf seiner Homepage die Mitteilung veröffentlichte, dass man am 20. Dezember schließen werde, erbebte der Planet Mode. Auf Instagram meldeten sich binnen Stunden alle einschlägigen Protagonisten zu Wort, schwülstigste Liebeserklärungen, heulende Smileys, Tausende Herzchen. Der Blogger Bryanboy schrieb: "Für eine ganze Generation war Colette der Goldstandard des Cool."

Nun endet also eine Geschichte, die vor zwanzig Jahren begann, geschrieben - und das ist in der Tat bemerkenswert - von Mutter und Tochter.

Eine Jacke von Dior neben Baggy Pants von Y/Project: Bei Colette begegneten sich Kleider

Colette Roussaux und ihre Tochter aus geschiedener Ehe, Sarah Andelman, eröffneten Colette 1997 legendärerweise ohne die Spur eines Businessplans, aber mit einer klaren Vorstellung davon, wonach der Zeitgeist gierte. Also High Fashion und Streetwear im Zentrum und drumherum arrangiert ein ganzer Lifestyle-Kosmos, bestehend aus Kunstbüchern, Musik-Compilations, Accessoires, Parfums, Schmuck und kuriosem Nippes, ergänzt um die Wasserbar und ein kleines Restaurant.

Es gab tatsächlich für alle was zu kaufen, was dem Luxus wiederum die Kälte nahm und ihm ein menschliches Antlitz verpasste. Das war zugegebenermaßen nicht ganz neu, sieben Jahre zuvor hatte in Mailand die ehemalige Modejournalistin Carla Sozzani ihre Boutique 10 Corso Como bereits ähnlich bestückt. Die beiden Pariser Damen aber haben die Idee des Concept Store perfektioniert, und sie ergänzten sich dabei perfekt.

Colette, die Mutter, führte in größter Verschwiegenheit den Laden und überwachte die Geschäfte. "Das Besondere ist, dass wir keinen um Erlaubnis fragen müssen", sagte sie in einem von drei Interviews, die sie in 20 Jahren gegeben hat: "Wenn wir den Shop grün oder blau anstreichen wollen, reden wir zwei Minuten darüber. Und dann tun wir es." Sarah, die Tochter, war das öffentliche Gesicht und die Spürnase von Colette. Ihr Instinkt für Trends ist in der Branche ein anerkanntes Faktum, und er galt für die Kollektionen der großen Traditionshäuser genauso wie für Designtalente von der Straße. Hoodies von Virgil Abloh hingen schon bei Colette, lange bevor er mit seinem Label Off-White die jungen Urbanisten beglückte. New York hatte gerade die Sonnenblumenkleider des neuen Labels Rodarte bestaunt, da erblühten sie bei Colette im Schaufenster; Proenza Schouler führte man zu einem Zeitpunkt, als Paris noch über die korrekte Aussprache rätselte. Der neue Saint-Laurent-Designer Hedi Slimane wollte das "Yves" aus dem Firmennamen tilgen? Tage später hing bei Colette ein T-Shirt mit der Aufschrift "Ain't Laurent Without Yves". Das gab Ärger, Anwälte inklusive. Die Branche freute sich diebisch.

Der Wandel war eine Konstante, es wurde niemals langweilig in 213 Saint-Honoré. Jeden Sonntag stiegen Mutter und Tochter aus dem darüberliegenden Appartement hinunter in den Store, verhängten die Schaufenster und dekorierten alles um. Wenn am Montag um elf Uhr die Tür aufging, hingen neue It-Pieces am Bügel, jedes Teil genau einmal und in keiner erkennbaren Ordnung. Bei Colette begegneten sich Kleider, eine Schößchenjacke von Dior neben Baggy Pants von Y/Project neben einer bestickten Tüllbluse von Valentino, und in den glücklichsten Fällen traten sie in einen Diskurs miteinander. Nicht zuletzt gab es Stücke, die es auf der ganzen Welt wirklich nur bei Colette gab, weil Sarah wieder eine Kooperation an Land gezogen hatte: Apple, Disney, Hermès und Nike haben für den Store designt, um wirklich nur ein paar zu nennen. 2016 machten die Damen 28 Millionen Euro Umsatz, davon ein Viertel mit dem Online-Geschäft.

Colette Rousseaux (deren Alter ein gut gehütetes Geheimnis ist) wolle sich nun zur Ruhe setzen, heißt es auf der Homepage, und da Colette ohne Colette nicht existieren könne, sei vier Tage vor Weihnachten eben Schluss. Bis dahin werden ihnen die Fans aber noch die Bude einrennen: Aktuell ist die ganze erste Etage von Balenciaga gekapert worden, es folgen Lucien Pagès, Sacai, Thom Browne, Chanel und vom 27. November bis zum allerletzten Tag Saint Laurent, der wahrscheinliche Nachmieter. Dass die meisten dieser Häuser nur einen Steinwurf entfernt eigene Boutiquen unterhalten - wen interessiert's? "In Anbetracht all dessen, was dort draußen schon existiert, ist es wirklich schwer, etwas Neues zu zeigen", hat Sarah Andelman der New York Times gesagt. Hier ist es 20 Jahre lang gelungen. Immer montags um elf.

© SZ vom 15.07.2017

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