Mochi-Eis:Schön bunt und oft vegan

Mochi-Eis: Handlich und dekorativ in Pastell: Mochi-Eis.

Handlich und dekorativ in Pastell: Mochi-Eis.

(Foto: mauritius images / Bondarenco Vl)

Tiktok-tauglich, aus glutenfreiem Reismehl und hübsch anzuschauen: Japanisches Mochi-Eis ist der Sommertrend des Jahres.

Von Anne Goebel

Eine Hysterie aus 15 000 Tiktok-Videos über eine spezielle Sorte klebrig weicher Teigbällchen aus Japan ist das eine. Aber wenn im realen Leben die bonbonbunten Happen massenweise verkauft werden, lässt sich das nicht als bizarres Phänomen aus dem Paralleluniversum der Social-Media-App abtun. Sondern man landet bei dem, was früher mal der gute alte Sommertrend war: Ein Getränk, eine Zutat, eine Süßigkeit, ohne die ein paar Schönwetter-Wochen lang einfach nichts ging, ob es Basilikumsorbet war oder das verwegene Minzblatt im Nachtisch. Jetzt also Mochi Eis, mit dem entscheidenden Vorteil: Die Kugeln sind wahnsinnig fotogen.

Außen gedämpfter Reisteig, innen Gefrorenes, alles hübsch pastellfarben - mehr ist das Ganze nicht. Aber aus der Eis-Variante einer uralten japanischen Rezeptur wird, wie sogar das versnobte Stilmagazin der Financial Times verkündete, gerade ein närrischer "craze". Die Welle der Begeisterung für die mundgerechten Bissen mit Pistazien- oder Kokosgeschmack reicht von einem überrannten Familienbetrieb in London über schick verpacktes französisches Mochi glacé bis zum Kühlregal bei Rewe. Die Supermarktkette war, darauf legt die Pressestelle wert, "diesbezüglich sicherlich Vorreiter in der Branche und hat den Trend frühzeitig erkannt". Seit 2020 führt das Kölner Unternehmen die gefrorenen Küchlein verschiedener Hersteller im Sortiment. Auch andere Lebensmittelkonzerne witterten Potenzial, inzwischen haben Edeka, Lidl und Aldi nachgezogen.

Wahrscheinlich macht das ungewohnte Zusammenspiel der Texturen den Erfolg aus. Für Europäer gehören Eiscreme und ein ordentlich knuspriges Gebäck zusammen, ob als Waffeltüte oder krümelnder Keks. Japanische Mochis sind aber elastische Klößchen von neutralem oder, je nach Geschmacksempfinden, eher taubem Aroma, zumindest in ungefülltem Zustand. Gemeinsam mit dem schmelzenden Eis im Mund fühlt sich das irritierend weich an. Ein Erlebnis, nach dem diesen Sommer etwa die Briten regelrecht süchtig zu sein scheinen. Jede Sekunde, so rechnete es gerade die Zeitschrift Glamour aus in einem Artikel über den boomenden Hersteller Little Moons, würde im Vereinigten Königreich ein "Mochi ball" vertilgt. Den Anfang nahm ihr Betrieb vor zehn Jahren, erklärten die Geschwister Vivien und Howard Wong - in ihrer kleinen Londoner Küche.

Michelle Obamas Kinderserie "Waffles and Mochi" hat mit beigetragen zu dem Hype

Den Siegeszug des Mini-Desserts hat sicher Michelle Obamas Netflix-Kinderserie "Waffles and Mochi" mit angeschoben, die Geschichte über einen tiefgekühlten Klops, der mit seinem Partner die Welt der gesunden Ernährungsweisen erkundet. Pädagogisch sehr wertvoll natürlich. Als Erfinderin gilt die Kalifornierin Frances Hashimoto, die 1994 mit dem Debüt ihrer "Mochi icecream" auf Hawaii sofort Erfolg gehabt haben soll. Bis zum weltweiten Durchbruch vergingen trotzdem 25 Jahre, in denen die Kreation ein Nischenprodukt blieb. Japanern war sie natürlich von Anfang an nicht fremd: Die handlichen Reiskuchen namens Mochi oder O-Mochi, gefüllt mit Sesam, Matcha oder roter Bohnenpaste, werden in dem asiatischen Land traditionell an Neujahr gegessen. Die für europäische Gaumen gefälligeren Eisvarianten schmecken nach Cookies and Cream, Vanille oder Erdbeer - vertraute Sorten aus der Lieblings-Gelateria.

Das Kölner Start-up Sugar Daddies beliefert mit seiner Marke OMochi vor allem hiesige Supermärkte, wo die bunt aufgemachten Verpackungen in der Eistruhe nicht zuletzt Kindern schnell auffallen. In Frankreich kommt "Exquis Mochi" eleganter daher in schlanken Bechern mit Tricolore. Rewe-Pressesprecher Thomas Bonrath sagt, der Trend profitiere davon, "dass Kunden bei Speiseeis gerne neue Geschmacksrichtungen, Rezepturen und Kreationen probieren". Außerdem steige die "Nachfrage nach veganen Sorten überdurchschnittlich", und darunter fallen bei einer Füllung mit Fruchteis auch die kleinen Kuchen. Dazu kommt, dass asiatische Lebensmittel generell als gesünder wahrgenommen werden, selbst wenn es sich um Süßspeisen handelt.

Eisdielen sind bisher noch zögerlich, auf den Zug aufzuspringen, weil die Zubereitung aufwändig ist - anstelle eines Zubers voll Eiscreme, der jede Menge Kugeln hergibt, muss jedes Küchlein einzeln gefertigt werden. Im "Hokey Pokey" in Berlin überlegt man, als ersten Versuchsballon Reiskuchen-Stücke in Schokoladeneis zu mischen. Der "Verrückte Eismacher" Matthias Münz aus dem Münchner Universitätsviertel hat diese Saison schon für ein paar Tage die japanischen Bällchen serviert. Den Kunden hat es gefallen, vielleicht legt er demnächst nach. Fruchteis-Mochis bedienen mit den Signaleigenschaften vegan und glutenfrei zwar auf perfekte Weise das Bedürfnis nach bewusster Ernährung - trotzdem hält Münz den angeblichen Kalorien-Vorteil im Vergleich zu herkömmlichem Eis für Unfug. "Die Dinger machen richtig satt." Dessert bleibt Dessert, ob Reisteig oder Rumrosine.

© SZ/ake
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