Süddeutsche Zeitung

Mobilität:Carantäne mit Hindernissen

Eigentlich eine tolle Idee für umweltbewusste Berliner: mit dem E-Auto eines Carsharing-Anbieters lautlos zum Badesee fahren. Wenn das so einfach wäre!

Von Jan Kedves

Schnell mal raus in die Natur! Wenn's denn so einfach wäre. Als Großstädter, der dem Coronavirus keine Chance geben will, meidet man seit Monaten den öffentlichen Nahverkehr. Keine zehn Pferde würden einen in die S- oder Regionalbahn kriegen. Lieber fährt man Rad. Als umweltbewusster Großstädter hat man kein eigenes Auto, was sonst ja auch nie ein Problem war. Aber der Wanderweg im Berliner Umland, den man endlich ausprobieren wollte, oder der abgelegene See, in den man zur Abkühlung so gerne springt: 35 Kilometer draußen vor der Stadt, oder 60, oder sogar - wie der von Fontane besungene herrliche Stechlinsee im Norden Brandenburgs - 90 Kilometer. Von Berlin aus gesehen. Zu weit für eine Radtour.

Was also tun? Ein E-Auto mieten, beziehungsweise eins sharen. Es braucht längst kein eigenes Auto mehr, um das Gefühl zu genießen, dass man sich mit den engsten Bezugspersonen in einer virensicheren Stahl-und-Glas-Blase von A nach B durch den Corona-Wahnsinn bewegen kann. Die aus Quarantäne und dem englischen Wort für Auto zusammengesetzte "Carantäne" ist seit Beginn der Pandemie zum geflügelten Wort geworden für die erstaunliche neue Beliebtheit des zuvor so problematisierten Verkehrsmittels Auto. Es hat den Volkswagen-Konzern, der zuletzt von Dieselskandalen geschüttelt wurde, auf die Idee gebracht, seinen im vergangenen Jahr in Berlin lancierten Carsharing-Service "We Share" noch einmal neu zu bewerben: als perfekte Möglichkeit, um für ein paar Stunden Berlinflucht zu betreiben. Und das maximal umweltbewusst, ohne schlechtes Gewissen!

Ach, Brandenburg: Wie schön wäre so eine Fahrt ohne Funklöcher

Die We-Share-Flotte besteht aus 1500 E-Golfs, die überall in der Stadt herumstehen und, so verspricht VW, nur mit Ökostrom betankt werden. Da kann man als Großstädter, der vor mehr als zwanzig Jahren mal den Führerschein gemacht hat, schwach werden. #berlinausflug und #takemetothelakes lauten die Hashtags, mit denen We Share in den sozialen Medien wirbt. Bring mich an die Seen, ja bitte!

GPS führt einen zum Auto. Vor dem Einsteigen lässt man dann die Fenster herunter, auf dass die Zugluft die Aerosole der Vormieter vertreibe, und die Armaturen, die von ihnen vermutlich betatscht wurden, kann man ja desinfizieren. Wie toll sich so ein E-Golf fährt - wow! Leise surrt, um nicht zu sagen schnurrt er durch den Verkehr, und springt die Ampel auf Grün, flutscht er los, als sei er ein Eiswürfel in Plastikfolie und hinten hätte jemand draufgedrückt.

Man erlebt aber auch sehr ulkige Dinge damit. Vor einigen Wochen war etwa gleich nach der Anmeldung bei We Share auf dem Smartphone die Funktion der Buchungs-App defekt, die anzeigen soll, wie voll die verfügbaren Fahrzeuge in der Umgebung sind, sprich: wie weit der Akku einen voraussichtlich bringen wird. Normalerweise kommt ein vollgeladener E-Golf 230 Kilometer weit, danach muss er zurück an die Dose. Wenn man zu einem 35 Kilometer entfernten See will und wieder zurück, wäre es also ratsam, einen Wagen zu nehmen, der Strom für mindestens 80 Kilometer übrig hat.

Und genau das ist ein Problem: Niemand, der gerade einen Wagen gemietet hat, möchte erst mal aufwendig tanken. Das dauert beim E-Golf nämlich einige Stunden, zudem zeigt die App nicht an, wo in der Umgebung Stromsäulen sind. Dafür muss man erst eine andere App herunterladen, und bei der kann es passieren, dass die Lademöglichkeit, die sie in der Nähe anzeigt, in einer Tiefgarage liegt, zu der man keine Zufahrt hat, oder dass ein anderes Auto davor parkt.

Nun kann man sich damit behelfen, dass man einen Wagen einfach auf gut Glück reserviert und dann schaut, ob der Ladestand für das gewünschte Ziel wohl ausreicht. Wenn man allerdings Pech hat, wird auch dafür gleich eine Grundgebühr von einem Euro fällig, egal, ob der Wagen anschließend bewegt wird oder man ihn wieder zuschließt und sein Glück beim nächsten probiert.

Die andere Möglichkeit, deutlich kommunikativer: Man drückt in der App auf das Telefonhörer-Symbol und landet so beim Kundenservice. Die Callcenter-Mitarbeiterinnen lassen sich bereitwillig über den Ladestand diverser Wagen in der Umgebung mündlich abfragen, im System ist ja alles verzeichnet. Oder auch nicht. Komischerweise hatte nämlich der Wagen, von dem es am Telefon hieß, er führe noch 90 Kilometer weit, de facto eine Reichweite von mehr als 200 Kilometern. Der Akku war voll.

Der Fehler in der App ist inzwischen behoben - dann müsste ja jetzt alles ganz einfach sein? Na ja. Am Ziel angekommen muss man das Fahrzeug noch auf "Zwischenstopp" stellen und verriegeln. Das ist gar nicht so einfach, denn das geht nicht mit einem normalen Schlüssel, sondern nur per App, und dafür braucht man Netz. Leider gibt es in Brandenburg noch immer jede Menge Funklöcher. "Wir empfehlen den Kunden, beim Abstellen des Fahrzeugs auf dem Handy zu prüfen, ob ausreichend Netz vorhanden ist", schreibt die We-Share-Pressestelle, die zugleich damit wirbt, dass der E-Golf die ideale Möglichkeit sei, ganz bequem zu den entlegensten Gewässern zu gelangen.

Endlich am ruhigen Ende eines bei Berlinern sehr beliebten Badesees 35 Kilometer vor der Stadt angekommen, kurvt man also vom Parkplatz aus noch eine halbe Stunde herum, auf der Suche nach ein oder zwei Balken Empfang. Alles nur, um endlich parken zu können. Die eine Hand am Lenkrad, die andere am Smartphone. War das verkehrssicher? Zumindest war es ökologisch.

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Quelle:
SZ vom 20.06.2020
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