Micro-Häuser:Wir brauchen eine Milliarde Wohnungen bis 2030

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Internet-Foren wie "Tiny Houses - Wohnen auf kleinem Raum" illustrieren dagegen schon eher die Zukunft. Nach einer Studie (Deutsche Bank Research) müssen bis 2030 weltweit etwa eine Milliarde zusätzlicher Wohnungen fertiggestellt werden, um die Folgen der Verstädterung und des globalen Bevölkerungswachstums zu lindern. Schon jetzt leben 400 Millionen Stadtbewohner in kritisch überbelegten Wohnungen. Der Wohnbau, so melden sich auch deutsche Politiker unisono, sei - auch mit Blick auf die aktuellen Flüchtlingsströme - "das Gebot der Stunde" (Wolfgang Bosbach).

Das "Small House Movement", also der Trend zu kleineren Häusern und auch insgesamt zu kleineren Wohneinheiten (bei gleichzeitig größeren, gemeinschaftlich nutzbaren öffentlichen Räumen), kommt insofern zur rechten Zeit und könnte in letzter Konsequenz mehr sein als ein ästhetisches Gadget für Leute, die schon alles haben.

Senioren, die Flying Spaces ordern

Die neue Bescheidenheit wird ja, siehe Griechenland-Desaster, gerne von jenen gepredigt, die es sich leisten können, sparsam zu sein. Der in die Austerität eingebaute Zynismus lugt zuweilen hinter so mancher Minihaus-Edelstahl-Fassade hervor, wo der minimalistische Designerraum auch schon mal an die 150 000 Euro kosten kann.

Zwar werden die weltweiten Probleme kaum durch Mini-Häuser zu lösen sein - aber intelligente, kompakte und neu interpretierte Raumnutzungen werden dennoch helfen, die Zukunft zu gestalten. Nicht die Quantität an Quadratmetern ist daher entscheidend, sondern deren räumlich-architektonische Qualität. Hier bietet sich der minimalistische Wohntrend als Labor neuer Wohnideen an - und als Schlüssel zu einem neuen Markt.

Diesen Trend bestätigt auch Christian Heuger von der Firma Smarthouse. Im Bereich "Wohnen unter 50 Quadratmeter" gebe es "stetiges Wachstum" in einem Geschäftsmodell, dem Soziologen eine große Zukunft vorhersagen. Denn die geringere Wohnfläche der Minihäuser käme auch der wachsenden Zahl von Alleinstehenden, Alleinerziehenden oder Paaren ohne Kinder entgegen. Den Rest besorgt die demografische Entwicklung. Ein Großteil der Flying Spaces, heißt es bei Schwörer, wird von Senioren geordert.

Architektur muss nicht groß sein, um groß zu sein

Jahrzehntelang ist der Flächenbedarf beim Wohnen gestiegen. Noch 1965 beanspruchte eine Person in Deutschland, rein statistisch, 22 Quadratmeter. Schon im Jahr 2002 waren es 43 Quadratmeter. Und in den USA stieg die Größe von Einfamilienhäusern von durchschnittlich 165 Quadratmeter im Jahr 1978 auf 230 Quadratmeter im Jahr 2007. Und das, obwohl in den gleichen Zeiträumen in den meisten Industrienationen die Anzahl der in einem Haushalt zusammenlebenden Personen gesunken ist. Nun könnte die Vervielfachung des Wohnraums, von der Wohnungsnot nach den Weltkriegen bis zur Ambiente-Adipositas der Gegenwart, an ein Ende gelangt sein.

Die ersten freiwilligen Diäten haben jedenfalls schon jene Wohnzimmer erreicht, in die zuletzt noch Sofalandschaften von der Größe kleiner Inseln geliefert wurden. Möbelhäuser wie "XXXLutz" werden das Extra-Large, das im Namen steckt, wohl bald durch XS-Sondereditionen schrumpfen lassen. Letztlich lebt man eben doch in einer kleinen Welt, und große Architektur musste noch nie groß sein, um groß zu sein.

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