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Möbel:Die Extraterrestrische

Michele Lamy

Michèle Lamy sehr entspannt auf der Terrasse ihres Hauses in Paris.

(Foto: Wolfgang Tilmans)

Michèle Lamy sei die Muse ihres Modedesigner-Mannes Rick Owens, heißt es oft. Was für eine schamlose Untertreibung. Ein Porträt der Mode- und Möbeldesignerin.

Von Jan Kedves

Auf Instagram ist sie omnipräsent, und doch wirkt sie rätselhaft. Voilà, Michèle Lamy macht schon mal etwas sehr richtig. Sie ist sichtbar und undurchsichtig zugleich. 150 000 Fans folgen ihr unter @lalamichmich, wo sie Fotos von sich postet, wie sie mit Kim Kardashian über die Straße läuft, eingewickelt in ein schwarzes Netz mit Polsterungen an Stellen, die andere mindestens unvorteilhaft fänden. Sie trägt hohe Boots mit Plexiglas-Plateaus, designt von ihrem Mann Rick Owens. Sie sieht irre cool dabei aus. Oder sie zeigt Fotos von sich beim Box-Training, das ist ihr Sport, statt Botox. Sie trägt Goldzähne wie die schwersten Rapper und färbt sich ihre Finger schwarz, als hätte sie mit Polierpaste in einer Goldschmiede hantiert und dadurch die Haut oxidiert. Ihre Sprache: ein kryptischer Mix aus Englisch und Französisch. Ihre Stimme: ein kettenrauchendes Orakel.

Michèle Lamy gehört, das kann man so sagen, zu den krasseren menschlichen Erscheinungen dieser Welt. Das Wort Stil-Ikone wird inflationär herumgeworfen. Sie ist wirklich eine. Wer ist diese Frau?

Der Versuch einer Annäherung findet um 11 Uhr morgens an einem normalen Arbeitstag im Möbel-Atelier der Owenscorp statt. So heißt die Firma, die ihr und Rick Owens gehört. Michèle Lamy erscheint zum virtuellen Atelier-Besuch via Zoom auf dem Bildschirm. Im Hintergrund, im Pariser Viertel Saint-Fargeau, werkeln junge Männer mit Masken an einer ausladenden, perfekt gerundeten "Double Bubble"-Liege.

"Wir behandeln Sperrholz wie Mahagoni", erklärt Michèle Lamy

Lamy trägt eine Jacke mit Schulterpolstern, die zur Schutzkleidung einer Alien-Eishockey-Mannschaft gehören könnten. Sie findet es gut, dass man mit ihr über den Bau der monolithischen Rick-Owens-Möbel sprechen will. Denn oft wird sie ja als Muse ihres Mannes beschrieben. Da kommt sie zu kurz. Vermutlich ist es eher so: Rick Owens wird für seine statuesk fließenden, oft gothic-artigen Entwürfe verehrt und gehört heute zu den erfolgreichsten Mode-Designern mit eigener Marke - weil er irgendwann sie traf.

Doch zuerst: die Möbel. Die Skizzen kommen von ihm, sie besorgt alles Weitere. Zum Beispiel die Materialien. "Wir behandeln Sperrholz wie Mahagoni", erklärt Michèle Lamy. "Wir beizen es mit einer geheimen Mischung. Kunden fragen mich, ob sie die Möbel rausstellen können, ob sie wetterfest sind. Ich sage: Klar, Sperrholz wird doch sonst für Zäune verwendet!" Sie verwende nur Pinien-Sperrholz aus Les Landes am Atlantik, erzählt sie, das sei am stabilsten. Kostbarer Alabaster wird hier auch zu Möbeln. Lamy steht auf und läuft mit ihrem Laptop durchs Atelier, bis auf dem Zoom-Bildschirm zwei weiße Alabaster-Stühle erscheinen. Sie sehen aus wie Throne, aber ohne Lehne. Pro Stück wiegen sie 60 Kilo. "Die sind für Kim!", sagt Lamy.

Normalerweise spricht man ja nicht über Kunden, aber dass Kim Kardashian einige Möbel bestellt hat, weiß man, seit sie und Michèle Lamy sich vor einigen Monaten für das englische Another Magazine via Instagram-Chat darüber unterhalten haben. Kardashian gestaltet in Calabasas, Kalifornien, gerade den Sitz ihres Make-up-Imperiums KKW Beauty um. Die Rede ist von knapp 3000 Quadratmetern. Als Kanye West, Kardashians Ehemann, die Pläne sah, soll er ausgerufen haben: "Nein, nein, du musst Michèle anrufen und das Ganze mit Möbeln von Rick einrichten!" - erzählt Lamy. "Kanye war einer der ersten, der bei uns gekauft hat."

Er entschied sich für einen "Plug"-Sperrholz-Tisch, 3 Meter 60 lang. "Die Architekten wussten gar nicht, wie sie den reinkriegen sollten. Er ging dann nur durchs Fenster. Dafür musste extra die Straße abgesperrt werden. Solche Geschichten gibt es eigentlich zu allen Möbeln, die unser Atelier verlassen", erzählt Lamy stolz.

Geboren wurde sie, wenn man es wissen will, 1944 im Département Jura. Sie lebte in Paris, pendelte nach New York, zog dann 1979 nach Los Angeles, wo eine ihrer ersten Amtshandlungen darin bestand, sich oben ohne an den Strand zu legen, wofür sie direkt eine Verwarnung kassierte: 75 Dollar. In L. A. startete sie ein eigenes Modelabel, Lamy, wofür sie den damals noch sehr jungen und völlig unbekannten Rick Owens als Schnittmacher einstellte. Dann wurde sie Gastronomin, in der Las Palmas Avenue am Hollywood Boulevard. "Die Leute erzählen mir immer, dass sie zu uns ins Les Deux Cafés wollten, weil dort die Madonnas und Joni Mitchells dieser Welt abhingen. Was ja auch stimmte, und wofür ich dankbar bin. Aber in meinem Restaurant ging es genauso ums Essen, um die Auswahl der Zutaten", erzählt Lamy. "Zum Beispiel hingen die Leute vom Farmers Market, die mit den besten Tomaten, immer bei uns ab. Bis um zwei Uhr morgens saßen sie an der Bar, dann schliefen sie ein bisschen und machten um 5 Uhr wieder ihren Markt auf. Es war toll."

Michèle Lamy

Der mit Rinderknochen hergestellte Stuhl "Half Box" aus ihrer Werkstatt.

(Foto: ADRIEN DIRAND / OWENSCORP)

Wie groß war der Schritt von der VIP-Gastronomin zur Chefin eines Möbel-Ateliers? Gar nicht so groß. Lamy gefällt der Gedanke, dass es bei beidem ums Gestalten von Räumen und die Erfahrungen geht, die Menschen in ihnen machen. Abgesehen davon verarbeitet sie immer noch Rinderknochen. Nur diesmal zu erstaunlich grazilen Stühlen. Morbide? "Pah!" Lamy findet es nachhaltig. "Wir benutzen nur die hinteren Schienbeine, weil sie gerade sind. Es ist fast wie in der Küche: Man muss sie auskochen, polieren, muss sie mit einer speziellen Oxidation behandeln, damit sie nicht riechen. Als ich unserem Tischler von der Idee erzählte, sagte der gleich, dass er mit einem Schlachter befreundet sei, der könne uns versorgen. Ich finde, die Welt besteht nicht nur aus Veganern. Viele essen gerne ihr Filet mignon. Da kann man mit dem Rest ruhig Stühle bauen."

So eine faszinierende Kombination aus Pragmatik, décadence und totaler Selbst-Stilisierung findet man heute wohl nur bei Rick Owens und Michèle Lamy. Das Paar lebt eine eigene, sehr dandyeske Romantisierung von Luxus und Todesumarmung. Verheiratet sind sie seit 2005. Er, geboren im kalifornischen Porterville, ist nun Ende 50 und hat dank eines harten Hantel-Programms und Steroiden, deren Genuss er offen zugibt, immer noch den gemeißelten Körper eines jungen Iggy Pop. Sie kultiviert ihren Look einer Science-Fiction-Pharaonin, einer Schamanin, einer Pythia. "Personal beautiful witch", meine persönliche hübsche Hexe, so nennt Rick Owens seine Frau liebevoll.

Ihr Markenzeichen sind die Goldzähne, aber die Armreifen nimmt sie im Bett ab

Wie würde sie ihren Look beschreiben? "Ich picke mir halt hier und da etwas raus. Ich weiß nicht, ob ich das gut erklären kann", sagt Lamy. "Als ich Rick kennenlernte, sagten wir immer: Es gibt weder Tag noch Nacht. Wenn ich Lust habe, gehe ich mit einem Chiffon-Rock snowboarden. Ich konkurriere mit niemandem." Eine sehr poetische Antwort. Was zieht sie als Letztes aus, bevor sie nackt ins Bett geht? Da lacht Michèle Lamy, es klingt wie das Kichern einer zarten Kröte: "Ich verstehe die Frage. Also, die Goldzähne nehme ich nicht heraus, die sind ja fest. Die Ohrringe bleiben auch drin. Aber die Ringe und die Armreifen, die nehme ich ab, als Letztes."

Das Bett, in das sie sich dann legt, steht seit 2004 im Obergeschoss eines fünfstöckigen Hauses aus der Zeit Napoleons direkt an der Pariser Place du Palais Bourbon. Hier, einen Steinwurf von der französischen Nationalversammlung entfernt, hat die Owenscorp ihren Sitz. Wie kommt man in Paris an so eine Immobilie? "Sie kennen die Geschichte nicht?", fragt Lamy.

"Immer wenn Franzosen in L. A. wissen wollten, wann ich zurück nach Frankreich ziehe, sagte ich eher aus Scherz: Erst, wenn ich an der Place du Palais Bourbon wohnen kann. Ich hätte genauso Eiffelturm sagen können. Aber dann erzählte mir eine Freundin, dass an dem Platz ein Haus zu verkaufen sei. 23 Jahre lang stand es leer, seit François Mitterrand Präsident geworden und in den Elysée-Palast gezogen war." Tatsächlich hatte früher in dem Haus die Parti socialiste ihre Zentrale. Lamy erzählt bisweilen, sie habe auf dem Platz während der Studentenrevolte 1968 Steine auf Polizisten geworfen. Vor ihnen wechselte das Haus mehrmals die Besitzer. "Keine Ahnung, was für ein Voodoo da drin war. Es war in einem schrecklichen Zustand. Billige Plastikwände mit winzigen Kabuffs. Furchtbarer Bodenbelag. Wir haben erst mal alles rausgerissen."

Sprich: Sie wurde zur Möbelbauerin, weil sie eben Möbel für dieses Haus brauchten. Und weil dann andere diese Möbel, die oft aussehen, als hätte eine extraterrestrische Intelligenz sie aus dem Himmel geworfen, auch kaufen wollten. Rick Owens beschreibt die Entwürfe als aufgeblasene XL-Versionen von reduzierten Art-déco-Klassikern à la Jean-Michel Frank oder Robert Mallet-Stevens. Das Referenz-System, aus dem Owens und Lamy ihre Inspirationen beziehen, ist immens.

Sie liebt Philosophie, die "Logik des Sinns"

Da wundert es auch nicht, wenn Lamy sagt: "Für mich gibt es keine Kategorien, ich habe schon in alles meine Nase reingesteckt" - und erzählt, sie habe als junge Frau Jura studiert und parallel dazu Philosophie-Vorlesungen bei Gilles Deleuze gehört. "Das war in den Jahren, als er Professor in Lyon war. Es fühlte sich an wie Surfen. Wenn er redete, hatte man keine Ahnung, wo es hingeht, man stand mitten in dieser Welle. Ich erinnere mich noch an die Vorlesungen, die später in seine Kapitel über 'Alice im Wunderland' im Buch 'Logik des Sinns' eingingen. Die habe ich geliebt!"

Gilles Deleuze ist der Philosoph, der später, in den Siebzigerjahren, mit Félix Guattari das Denkmodell des Rhizoms entwickelte - eine Vorstellung von Wissen als dezentral und nomadisch. Lernen ohne Ende, wenn man so will, aber ohne Hierarchie. Das passt. Eine Professorin für Kostümgeschichte an der staatlichen Chungbuk-Universität in Seoul hat vor einigen Monaten einen Beitrag in einem akademischen Journal veröffentlicht, in dem sie Rick Owens' Design-Philosophie mithilfe des Deleuze'schen Rhizoms analysiert. Jiyoung Kim kommt in ihrem Text zu dem Schluss, dass Owens nicht nur in seinen Mode-Kollektionen, sondern auch in den Möbeln eine geradezu poststrukturalistische Fluidität und Wandelbarkeit ausdrückt.

Wenn man seiner Frau Michèle Lamy davon erzählt, explodiert die beinahe vor Begeisterung: "Wirklich?! Goodbye, den Text muss ich sofort lesen! Rick wird das lieben!" Und bevor sie vom Zoom-Bildschirm verschwindet, sagt sie noch: "Sehen Sie, das gehört doch zu den fantastischen Freuden des Lebens: zu denken, dass alles irgendwie Sinn ergibt."

© SZ/chrm
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