Im September 2022 steht Michel Gaubert nachmittags am Backstage-Eingang zur Modenschau von Versace in Mailand und kommt nicht rein. Um seinen Hals baumelt nämlich keines dieser Bändchen mit Pass, und der Türsteher ist offensichtlich neu. Sonst würde er diesen Bären von einem Mann mit grauem Vollbart, dunkler Pilotenbrille und Goldkette sofort erkennen. Bei den Modenschauen kennt jeder Michel Gaubert. Oder eben fast jeder.
„Ich mache die Musik hier“, sagt der Franzose, was durchaus korrekt, allerdings maßlos untertrieben ist. Gaubert ist gewissermaßen die Musik hier, der personifizierte Klang der Modewelt. Er mixt seit über drei Jahrzehnten den Soundtrack für die Laufstegshows der größten Marken. Chanel, Fendi, Dior, JW Anderson, Boss und an diesem Tag eben Versace. „Gleich findet die Generalprobe statt und dann wäre es schon gut, wenn ich …“, weiter muss sich Gaubert dann glücklicherweise nicht erklären. Der Sicherheitschef kommt herangeeilt und schiebt den jungen Türsteher zur Seite. „Ciao Michele!“
An die Anekdote muss man sofort wieder denken, als der 66-Jährige nun dreieinhalb Jahre später in schwarzer Hose, schwarzem Wollpullover und buntem Seidentuch durch eine Hotellobby in Mailand tapst und nach seinem Besucher Ausschau hält. Er hätte sich auch einfach irgendwo hinsetzen und finden lassen können. Seine Erscheinung ist schwer zu übersehen. Gaubert kommt einem trotzdem entgegen. Angenehm niedrigschwelliges Allüren-Level für diese Branche.
Der Sohn eines angesehenen Buchhändlers ist in Paris geboren und aufgewachsen, spricht aber fast akzentfreies Englisch, weil er früh nach London ging und dann regelmäßig eine Tante in Kalifornien besuchte. „Ich wollte die Texte von David Bowie verstehen“, sagt Gaubert, weil es für jemanden, der sich schon als Kind in Musik verliebte, natürlich kein selbstverständlicheres Motiv geben kann, um eine Sprache zu lernen. In den Siebzigern war er, wie er selbst sagt, „ein Party-Boy“ und legte in Clubs wie dem „Le Palace“ auf. Vor allem jedoch arbeitete er als Einkäufer in dem Plattenladen „Champs Disques“ auf den Champs-Élysées, wo neben Designern wie Claude Montana und Thierry Mugler auch Karl Lagerfeld regelmäßig vorbeischaute, um den Laden mit einem Stapel Platten unter dem Arm wieder zu verlassen. Irgendwann Ende der Achtziger fragte der Deutsche ihn schließlich, ob er die Musik für die Show seines Labels „Karl Lagerfeld“ zusammenstellen könne. Gaubert sagte sofort zu und geriet dann in Panik. „Ich hatte so etwas noch nie gemacht und nicht die geringste Ahnung, worauf ich dabei achten müsste. Außerdem stand Lagerfeld in meinem Kopf ungefähr zehn Stufen über mir“, erinnert er sich. Glücklicherweise entpuppte sich der große Designer als „easy to talk to“ und sehr offen für jede Form von kreativem Austausch. Lagerfeld mochte die Musikauswahl, alles verlief glatt.

Die Anekdote, wie Gaubert 1990 zum ersten Mal den Soundtrack für eine Chanel-Show mixte und daraufhin zum „wichtigsten Sound Designer“ (Vogue) der Modewelt aufstieg, schildert er in seinem vergangenes Jahr auf Französisch erschienenen Buch „Remix“: Er hatte damals gerade geduscht, eine Schlaftablette genommen und war auf dem Weg ins Bett, als das Telefon klingelte – Karl Lagerfeld war am Apparat. Er habe gerade die Musik für die Show am nächsten Tag bekommen und finde sie absolut fürchterlich. „Das kann ich nicht spielen, Michel, du musst mir helfen!“, sagte er, woraufhin Gaubert entgegnete: „Karl, das ist ganz schlecht, ich habe gerade eine Schlaftablette genommen.“ „Mach dir keine Sorgen, meine Freundin ist Experte in diesen Dingen!“ Sie hörten die ganze Nacht durch Musik, am nächsten Morgen legte Gaubert bei der Show auf und würde das bei Chanel und Fendi auch die nächsten fast dreißig Jahre tun, bis zu Lagerfelds Tod 2019.
Welche „Upper“ ihm die Expertin von Chanel denn damals gegeben habe, möchte man jetzt natürlich wissen. „Nein, nein, nur Kaffee, in rauen Mengen“, antwortet Gaubert. Das mit den Drogen habe er schon in den Achtzigern sein lassen. Mittlerweile rauche und trinke er nicht einmal mehr. Neben ihm liegt eine Packung Nikotinkaugummis, zu der er während des Gesprächs regelmäßig greift. Obwohl er nach eigenen Angaben schon seit 2013 nicht mehr raucht. „Nur zur Sicherheit“, sagt Gaubert lächelnd kauend. Die absolute Kontrolle hat er lediglich bei Musik.
Leute, die mit ihm gearbeitet haben, berichten von seinem enzyklopädischen Wissen, aber vor allem von seiner Fähigkeit, die Stimmung einer Kollektion in Songs zu übersetzen beziehungsweise umgekehrt, die Songs so auszuwählen, dass die Show auf eine bestimmte Art rüberkommt. „Er kann eine Kollektion innerhalb von Sekunden gefährlich, romantisch oder futuristisch wirken lassen“, hat die bekannte Stylistin Katie Grand einmal über ihn gesagt. „Im Grunde ist Michael Gaubert der unsichtbare Designer von Emotionen auf der Fashion Week“, fasst es der bekannte Modekritiker Tim Blanks zusammen.
Früher legte er backstage noch richtig mit Platten auf
Gaubert selbst findet, dass Musik dem Erlebnis einfach eine weitere, entscheidende Schicht verpasst und es mit Erinnerungen auflädt. „Mit Kunst lassen sich Räume gestalten, Musik ist die Art, wie wir die Zeit gestalten“, lautet ein Zitat, das er mal auf Instagram, wo er überaus aktiv ist, geteilt hat. „Wie das Licht war, daran erinnert sich am nächsten Tag niemand mehr, aber wenn die Musik dich nicht gepackt hat, war die ganze Show nicht gut.“ Als legendär gilt beispielsweise, wie er bei einer Balenciaga-Präsentation von Nicolas Ghesquière 2001 – damals das Nonplusultra avantgardistisch-abgehobener Mode – den kitschigen 80er-Jahre-Pop-Song „Ouragan“ von Stéphanie von Monaco spielte. Ghesquière hatte ihm vorher erzählt, die Inspiration sei eine Prinzessin in Richtung Princess Leia aus „Star Wars“, die Kollektion war vorwiegend in Weiß gehalten, irgendwie auch ein bisschen Achtziger angehaucht – „voilá“, sagt Gaubert. Alles eine Frage der Assoziation.

Man selbst hat immer noch genau die ersten Töne einer Chanel-Show im Grand Palais im Ohr, ein Remix von „A Forest“ von The Cure. Doch bevor man überhaupt fragen kann, ob er trotz eines Dutzend Show-Soundtracks – mindestens – pro Saison das Jahr noch weiß, sagt er bereits „März 2011“. „Eigentlich ein No-Brainer“, meint Gaubert, weil das Set eine Art verbrannte Waldlandschaft darstellte, und The Cure nun mal eher düster klingen. „Wir ließen den Song komplett neu mit Orchester einspielen. Die ersten 45 Sekunden war nur die E-Gitarre von The Cure zu hören, dann erst setzten die Streicher ein und wurden immer lauter und intensiver“, erzählt Gaubert. Das sei aufwendig und teuer gewesen, hatte aber genau den gewünschten Effekt. Die Kleider wirkten auf betörende Weise mystisch und romantisch zugleich, obwohl sie jetzt auf Bildern einfach wie aus einer relativ unspektakulären Chanel-Winter-Kollektion aussehen.
„‚Our House‘ von Madness zu spielen, als der Flagship Store von der Rue Cambon im Grand Palais nachgebaut wurde, war genauso ein No-Brainer“, fährt Gaubert fort – „und doch gleichzeitig ein Brainer. Verstehen Sie?“ Manchmal muss man sich eben trauen, das offenkundig allzu Naheliegende zu tun. Wenn es sich jemand erlauben kann, dann er. Es gibt kaum einen Designer, der in den vergangenen 35 Jahren nicht mit ihm zusammenarbeiten wollte. Für Fendi legte er an der Chinesischen Mauer auf. Mit seinem langjährigen Lebenspartner reiste er für Chanel schon eine Woche vor der Show nach Kuba, um Musiker für eine Kapelle zu casten. Am Ende tanzten Models wie Gäste auf der Straße. Das hatte es noch nie gegeben.
Früher legte er backstage noch richtig mit Platten auf, „wie ein DJ eben“, sagt Gaubert. Mehrere fließende Übergänge, dann oft noch ein eigener Song für das Finale mit allen Models. Mittlerweile arbeite er nur noch digital mit seinem Computer und sitze auch nicht mehr hinter den Kulissen, sondern im Publikum, um das gleiche Erlebnis wie die Gäste zu haben. Wenn etwas mit dem Sound nicht optimal läuft, kann er das sofort an seinen Mitarbeiter weitergeben. „Auf Play drücken kann jeder“, sagt Gaubert. Das Entscheidende ist die Auswahl vorab. Mit den meisten Designern spreche er drei bis vier Wochen vorher über ihre Inspiration und das Gefühl, das sie transportieren möchten. Meistens entsteht die Auswahl dann ganz organisch, ohne dass er die Kleider dazu gesehen hat. Für die erste Show von Maria Grazia Chiuri für Fendi diesen Februar fiel die Wahl etwa auf „Divinize“ von Rosaliá und drei weitere Künstlerinnen, ohne dass sie explizit darüber gesprochen hätten, nur Frauen auszuwählen.

Die letzten Jahre arbeite er weniger, sagt Gaubert, weil alles immer aufwendiger werde, einerseits mit den Musikrechten, aber auch, weil die Marken ihre Schauen jetzt nicht mehr nur live streamen, sondern auch noch Videoschnipsel mit der Originalmusik für Social Media wollen. „Das merkt man hinterher nicht, aber es ist extrem schwierig, für diese kurzen Momente die richtigen Sequenzen auszuwählen.“ Außerdem stellt er auch die Playlists für einige Luxusboutiquen zusammen. Damit die Kunden mehr Lust haben zu kaufen, ohne dass die Angestellten bei der Dauerbeschallung durchdrehen.
Man sah ihn deshalb zuletzt etwas seltener im Publikum sitzen, und natürlich gab es Stimmen, die meinten, es sei jetzt allmählich auch mal gut mit der Ära Gaubert, mit den immer gleichen „cheesy“ Popsongs. Der neue Chanel-Designer Matthieu Blazy würde garantiert auch in dieser Hinsicht neue Töne anschlagen. Als dessen erstes Model vergangenen Oktober den Laufsteg betrat, klang der Sound tatsächlich atmosphärischer, mit mehr Effekten und gesprochenen Fragmenten aus der TV-Serie „Dawson’s Creek“. Aber dann setzte irgendwann das glockenhelle „Runaway“ von The Corrs ein, und spätestens als zum Finale eine Klassikversion von „Rhythm is a dancer“ ertönte, war eigentlich unverkennbar, wer da weiterhin seine Finger im Spiel hatte. Gaubert hatte den Soundtrack gemeinsam mit dem belgischen „Sound Architekten“ Le Motel entwickelt, mit dem Blazy zuvor schon bei Bottega Veneta arbeitete. In der ersten Reihe saßen Margot Robbie, Lily Rose Depp, Teyena Taylor und wippten mit den Füßen zum neuen „Rhythmus von Chanel“. Klassischer No-Brainer. Oder?
