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Porträt:Phänomenale Frau

Meena Harris, the niece of Vice President Kamala Harris, in San Francisco on Dec. 14, 2020. (Maria del Rio/The New York Times)

Meenakshi Ashley Harris ist die Nichte der neuen Vizepräsidentin.

(Foto: MARIA DEL RIO/The New York Times)

Meena Harris macht mit Mode Politik - die Nichte der amerikanischen Vizepräsidentin profitiert dabei auch von ihren glänzenden Kontakten.

Von Michaela Haas

Eigentlich war es nur ein Hobby der Juristin, Slogans auf Shirts zu drucken. Aber weil die Shirts mit ihrem erfolgreichsten Slogan, "Phenomenal Woman", gerne von echt phänomenalen Frauen wie Serena Williams, Lizzo, Viola Davis und Eva Longoria getragen werden, hat Meena Harris, 36, dafür gerade die Leitung der Strategieabteilung beim Fahrdienst Uber aufgegeben, um sich in Vollzeit den Oberteilen zu widmen. Den Firmennamen hat sich Harris von der US-amerikanischen schwarzen Menschenrechtsikone Maya Angelou geliehen. In ihrem berühmten Gedicht von 1978 schrieb Angelou: "Phänomenale Frau, das bin ich."

Es geht natürlich um mehr als nur Hoodies. Meenakshi Ashley Harris, wie sie mit vollem Namen heißt, ist die Tochter von Maya Harris, der Schwester der neuen Vizepräsidentin. Mit Kamala Harris teilt sie übrigens auch den Geburtstag, den 20. Oktober. Die Strahlefrau hat von ihrer Tante nicht nur das Tausend-Watt-Lächeln, sondern auch den politischen Biss geerbt. Schon während der Präsidentschaftskampagne ihrer Tante trat sie oft als Rednerin auf, wenn Kamala Harris verhindert war. Sie stellte aber zugleich klar, dass sie ihre Mode "nicht dazu nutzen möchte, die Kandidatur eines Familienmitglieds zu unterstützen".

Das kann man ihr nur bedingt abnehmen, denn sie druckte auch Sweatshirts mit der Aufschrift MVP (für Madam Vice President). "Tante Vizepräsidentin" und "I'm Speaking". Letzteres war der Spruch, mit dem sich Kamala Harris bei der Vizepräsidentschaftsdebatte wiederholt Gehör verschaffte, als ihr Mike Pence ins Wort fiel.

Ihre Großmutter zog mit 19 allein von Indien in die USA

Natürlich würde sich auch Meena ohne Kamala weniger Gehör verschaffen. Maya Harris war erst 17, als sie ihre erste Tochter bekam, und schaffte es, sich als alleinerziehende Mutter eine eindrucksvolle Karriere erst als Rechtsanwältin und dann als Kampagnenmanagerin für ihre Schwester aufzubauen. Ihre Großmutter Shyamala Gopalan war selbst eine Pionierin, eine hinduistische Krebsforscherin, die mit 19 Jahren allein aus Indien nach Amerika zog, um in Berkeley zu studieren. Ihr Großvater Donald Harris, ein inzwischen pensionierter baptistischer Ökonomie-Professor an der renommierten Stanford Universität, stammt aus Jamaika. Meena Harris trat in die Fußstapfen ihrer Mutter und ihrer Tante, studierte in Harvard, wurde Rechtsanwältin und Aktivistin, und druckte schon vor Jahren eine Berufsbezeichnung auf ihre T-Shirts, die eher als Kampfansage durchgehen könnte: "I'm an Entrepreneur, Bitch." Auf gut Deutsch: "Ich bin Unternehmerin, Miststück." Supermodel Tyra Banks trug das Shirt 2015 auf einer Pressekonferenz, und ein Hype war geboren.

Vor dem Frauenmarsch im Januar 2017 gegen die Amtsübernahme von Donald Trump, der zur größten US-Einzel-Demonstration aller Zeiten wurde, dachte Harris, sie würde vielleicht einige Hundert "Phenomenal Woman" T-Shirts verkaufen, aber schon am ersten Tag verkaufte sie mehr als 2000. Ernsthaft gründete Harris daraufhin die Firma Phenomenal am Internationalen Frauentag im März 2017, als Erinnerung daran, dass Frauen wie Maya Angelou "vorangingen und es Frauen wie sie waren, die den Frauenmarsch in dieser Stärke erst möglich machten". Vor allem erfolgreiche Aktivistinnen druckt sie gerne auf ihre Oberteile: Unter anderem produzierte Harris einen Badeanzug mit dem Konterfei der jüngst verstorbenen Richterin am Obersten Gerichtshof, Ruth Bader Ginsburg.

Dass Freunde wie ihre ehemalige Schulkameradin, die Schauspielerin Issa Rae, und America Ferrera auf Instagram kostenlos die Shirts und Tank Tops modelten, hat natürlich nicht geschadet. Harris sagte der New York Times, sie habe am Anfang nicht gewusst, was sie mit diesem Enthusiasmus anfangen solle. "Wie machen wir weiter? Wie sieht unsere Botschaft aus?" Inzwischen definiert sie ihre Botschaft so: Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse unterrepräsentierter Gruppen schaffen.

Wie viel Substanz steckt in den T-Shirts?

Sicher kann man Meena Harris vorwerfen, dass es billiger Minimal-Aktivismus ist, eines ihrer Sweatshirts zu tragen, auf dem "Black Lives Matter" steht. Das gute Gewissen kostet die Trägerin nur 35 Dollar, ist aber kamerawirksam. Ihr Breonna-Taylor-Shirt, das sie im August 2020 kreierte, nachdem die Notfallsanitäterin in ihrem eigenen Zuhause unschuldig bei einer katastrophal missglückten Razzia von Polizisten getötet worden war, wurde sogar von der Regisseurin Regina King bei der Verleihung der Emmys getragen. Die Filmemacherin trug das Shirt verkehrt herum, damit alle die Botschaft lesen konnten, die eigentlich auf die Rückseite gedruckt war: "Verhaftet die Polizisten, die Breonna Taylor töteten." Die Gewinne spendete Harris an die Breonna-Taylor-Stiftung; auch ihre Gewinne aus den anderen Shirts spendet sie teilweise an gute Zwecke, vor allem benachteiligte Frauen.

Inzwischen ist Phenomenal von einer Hobby-T-Shirt-Produktion zu einer Multimedia-Firma gewachsen, inklusive Phenomenal Media für Presseartikel und Phenomenal Productions für Videos und Online-Inhalte. Ihr Mann Nikolas Ajagu, mit dem Harris im kalifornischen Oakland lebt und eine zwei- und eine vierjährige Tochter hat, arbeitet übrigens in leitender Position bei Facebook. Und ihr Stiefvater Tony West ist Chef-Rechtsanwalt bei Uber und so stolz auf seine Tochter, dass er bei Instagram lieber einfach als @meenasdad fungiert statt mit einem seiner Titel aus seiner beachtlichen Laufbahn als einer von Barack Obamas Rechtsberatern.

"Ich habe das Glück, eine Familie erfolgreicher Leute zu haben, die viele verschiedene Sachen machen", sagte Meena Harris der New York Times. "Das sorgt für eine interessante Dynamik, aber ich bin meine eigene Person mit meinen eigenen Ansichten, meiner eigenen Plattform und Ambitionen."

Ihr Kinderbuch über ein ehrgeiziges Mädchen ist gerade ein Bestseller

Ach ja, zwei Kinderbücher hat Harris auch geschrieben. Das erste, "Kamalas und Mayas große Idee", erschien vor einem Jahr und erzählt die wahre Geschichte zweier Mädchen, die die Welt verbessern wollen - die beiden Protagonistinnen sind ihre Tante und ihre Mutter. "Ich bin mit starken, brillanten Frauen aufgewachsen", sagte sie Glamour. In ihren Büchern wolle sie Mädchen eindrucksvolle Vorbilder zeigen. Das Debüt wurde ein New York Times-Bestseller. Ihr zweites Buch, "Ambitious Girl", ist in Amerika gerade Ende Januar erschienen und steht auf Nummer eins der Bestseller unter den Kinderbüchern.

Es ist ein Buch, in dem ein Mädchen sieht, wie eine schwarze Rednerin im Fernsehen als "zu laut, zu ehrgeizig und zu beharrlich" heruntergemacht wird. Eine kaum verhohlene Anspielung auf ihre eigene Erfahrung als Kind, wenn sie ihre Tante im Fernsehen sah, denn Kamala Harris wurde zu Beginn ihrer Karriere als Staatsanwältin und Senatorin mit ebendiesen Worten kritisiert. Natürlich lernt die Protagonistin dann, dass sie sich Gehör verschafft, wenn sie laut, ehrgeizig und beharrlich ist. Das Buch, sagt Harris, habe sie für ihre beiden Töchter geschrieben. Ihre älteste Tochter Amara, vier, hat sich noch nicht entschieden, ob sie lieber Astronautin oder Präsidentin werden möchte. In einem viel geteilten Video sagt Kamala Harris zu Amara, sie könne Präsidentin werden, "aber noch nicht jetzt. Du musst über 35 sein".

Einfach phänomenal.

© SZ/chrm
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