Stilikone Marcello Mastroianni: der Anti-Salvini

Diese Mischung aus (Detail-) Versessenheit und Mühelosigkeit, die gutem Aussehen das Dandyhafte nimmt: Marcello Mastroianni 1960 in Mailand.

(Foto: imago)
  • Der Schauspieler Marcello Mastroianni gilt noch 22 Jahre nach seinem Tod als Inbegriff italienischer Eleganz, als Männlichkeits-Symbol mit melancholischer Note.
  • Im römischen Museo dell'Ara Pacis findet noch bis zum 17. Februar eine Fotoausstellung statt, die ihm huldigt.
  • Die Ausstellung über die Stilikone, die das Land heute noch verehrt, kommt für Italien zur rechten Zeit.
Von Anne Goebel

Kurzer Abriss der vergangenen Oktobertage auf Italienisch: Das Statistikamt in Rom vermeldet Stillstand beim Bruttoinlandsprodukt. Unwetter vom Brenner bis nach Palermo verheeren Städte und Gemeinden. Als in Brasilien ein Rechtsradikaler zum Präsidenten gewählt wird, gratuliert Vize-Regierungschef Matteo Salvini mit einem bizarren Jubelvideo. Es läuft nicht gerade glatt im "Bel Paese", dem schönen Land, richtig gute Nachrichten hat es dort schon länger keine gegeben. Wohltuend ist in solchen Fällen der Blick zurück auf goldene Zeiten - da kommt die aktuelle Ausstellung im römischen Museo dell'Ara Pacis wie gerufen.

Mit Marcello Mastroianni, dem Schauspieler, Charmeur, Alter Ego Federico Fellinis, ehrt das Museum einen der Großen des Landes. Weltstar, vielprämierter Darsteller und "un gran bell'uomo", ein attraktiver Mann - es reicht ein Blick auf das Plakat, um zu wissen: Diese Schau, die noch bis zum 17. Februar läuft, ist Balsam auf die Wunden Italiens. Selten sah Mastroianni strahlender aus, war sein Hemd weißer, das Profil klassischer.

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Eine Fotoausstellung als Seelentröster und Selbstvergewisserung? Das funktioniert in diesem Fall auch deshalb, weil Marcello Mastroianni bis heute eine Stilikone ist. Er gilt noch 22 Jahre nach seinem Tod als Inbegriff italienischer Eleganz, als Männlichkeits-Symbol mit melancholischer Note. Und all die Lifestyle-Blogs, die Huldigungen auf Instagram bekommen jetzt neues Futter aus Rom.

Natürlich begann alles mit "La Dolce Vita" (1960), einem Film, in dem die Garderobe des Hauptdarstellers erstaunlich selten variiert. Mastroianni, damals 36, trägt die dunklen Maßanzüge wie eine Uniform, die ihn bei seiner Reise durch die römischen Nächte bis zum durchnässten Finale im Trevibrunnen begleitet. Anita Ekberg als blonde Über-Sirene, Marcello äußerlich akkurat mit Schlips, doch im Inneren bebend: Aus der berühmten Fontänen-Sequenz wird so etwas wie das Urbild des leidenschaftlichen Südländers, der noch im Augenblick der Ekstase Klasse beweist. Dazu seine Sonnenbrille in gefühlt fünfzig Prozent der Szenen, die Nonchalance der jungenhaft schmalen Krawatte: Mit "La Dolce Vita" ist ein neuer Look in der Welt, und ein neuer Typus dazu. "The Italian", der Italiener.

Auch fast sechs Jahrzehnte später sind Stilelemente aus dem Film - und dem Nachfolger "Achteinhalb" - in der Männermode präsent. Man muss sich andere Kinohits von 1960 vor Augen halten, um die enorme Wirkung zu verstehen. In "Let's Make Love" ist der Held bloß Beiwerk für Marilyn Monroe. "Die Glorreichen Sieben" sind Pistoleros. Jean Paul Belmondo trägt als Oberbekleidung in "Außer Atem" zu große Sakkos oder gar nichts. Marcello hingegen: Auf vornehmen Ledersohlen scheint er durch Rom mehr zu gleiten als zu gehen. Seine Zweiteiler sind so zierlich geschnitten wie die von Hedi Slimane zu besten Dior-Zeiten. Sonnenbrille mit pechschwarzen Gläsern auch abends zu tragen, kam mit Mastroianni überhaupt erst auf. Heute ist das Standard für Flaneure von Niederbayern bis Williamsburg. Damals war es neu und ziemlich sexy.

"When in doubt, dress like Marcello", das empfehlen italienische Männermagazine ihren Lesern bis heute

1924 geboren als Sohn eines Schreiners, wird der Schauspieler aus einem Bergdorf im Süden durch die Fellini-Klassiker zum internationalen Star. Marcello - in Italien nennt man ihn bis heute nur beim Vornamen - dreht bis zum Ende seines Lebens rund 150 Filme. Bis auf den Oscar (er war dreimal nominiert) erhält er alle wichtigen Preise, spielt auch ein paar mittelmäßige Rollen, glänzt vor allem an der Seite von Sophia Loren. In Stilfragen bleibt er unangefochten. "When in doubt, dress like Marcello", heißt die Empfehlung des Online-Männermagazins A Million Steps aus Mailand. Im Zweifel pro Mastroianni.

Die Sonnenbrille, meistens von Persol, bleibt ein Markenzeichen. Ebenso der schmale Anzug, am liebsten maßgefertigt aus englischem Tuch bei seinem römischen Schneider Vittorio Zenobi. Weite Passform ist in Kombination mit Bundfalten gestattet. Spitz zulaufende Hemdkragen, Manschettenknöpfe ja, aber bitte nicht an geckenhaft breiten Manschetten. Trenchcoats trägt er nur mit hochgestelltem Kragen. Dazu beste Schuhe, handgenäht von Sutor Mantellassi. Wichtigstes Accessoire: Zigarette.

Mode, erklärte Mastroianni mal in einem Interview, interessiere ihn nicht. Sich gut anzuziehen durchaus, aber immer mit einer Spur Lässigkeit. Als junger Mann hat er sein Leben riskiert, um ein paar Knäuel aufgetrennter Wolle zu einer Strickerei in den Bergen zu schaffen. Er ließ sich einen rustikalen Norwegerpulli machen, weil ihm das Muster so gefiel. Mitten im Krieg.

Die Mischung aus (Detail-)Versessenheit und Mühelosigkeit, die gutem Aussehen das Dandyhafte nimmt, gehört seit jeher zum italienischen Dresscode für Männer. Das in der Renaissance aufgestellte Gebot der "Sprezzatura", der unangestrengten Eleganz, taucht jetzt in vielen Ratgebern für Herrenmode wieder auf. In unsteten Zeiten scheint die Sehnsucht nach klassischen Looks zu wachsen. Ob Men's Flair aus London oder The Three F, "Mastroianni style" bedeutet: tadellos sitzende Garderobe, kein Schnickschnack, ungekünsteltes Auftreten. Fraglich bleibt, ob man das lernen kann. Dass auch Italiener nicht mit dem Gespür für Stil geboren werden, zeigt ein Blick auf den Knitterkragen- und Armbändchen-Träger Salvini.

Eine seiner liebsten Städte war Neapel

Mastroianni selbst konnte sich Eskapaden leisten, nachdem er seinen Ruf als diskreter Beau zementiert hatte. In Filmen tritt er mit extrabreiten Krawattenlappen, Proleten-Schnauzer oder sogar im bunten Hawaiihemd auf, wenn es die Rolle verlangt. Auch Fotos aus dem Privatleben - seine Affären behandelte er nicht sonderlich privat, die wichtigsten waren Catherine Deneuve und Faye Dunaway - zeigen zuweilen Exzentrisches. Einen langen weißen Flokati-Mantel zu Mokassins. Oder ochsenblutrote Stiefeletten. In Hollywood missverstanden sie dies als todernste Männlichkeitsgesten, die dem Lieblingsitaliener aber sofort verziehen wurden. Umgekehrt herrschte Skepsis vor. "Bei euch ist immer das selbe Wetter, das mag ich nicht", sagte Mastroianni über Kalifornien. "Und es gibt keine Hundehaufen und zerquetschten Tomaten auf den Straßen." Eine seiner liebsten Städte war Neapel.

Das Etikett des Latin Lover ist Mastroianni sein Leben lang nicht losgeworden, obwohl er es nie mochte. Aus heutiger Sicht kommt einem das Attribut viel zu aggressiv vor für ihn, der sich mit einem gekonnt abwesenden Blick eine rätselhafte Aura zu geben wusste. Dabei konnte er auch selbstironisch sein (kaum etwas ist so antimachohaft), als gealterter Playboy in "Prêt-à-Porter" zum Beispiel. Aber feuriger Liebhaber ist nun mal das Label, mit dem seine Karriere Fahrt aufnahm.

Und nicht nur sie. In den Sechzigern wurde "Made in Italy" zum Gütesiegel in Mode und Design. Vespa, Cinquecento, Entwürfe von Pucci und Ferragamo - Marcello, der unfreiwillige Latin Lover, ist bis heute das Gesicht dazu.

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