Kunsthandwerk:Made in Mallorca

The Walking Society

Auch für Künstler ist Mallorca zur Inspiration ziemlich unschlagbar, findet die Glaskünstlerin Marta Armengol.

(Foto: Victor Staff/Camper)

Neben Partymeilen und schönen Buchten gibt es tatsächlich noch etwas anderes auf dieser Insel: Kunsthandwerk, das spätestens seit der Pandemie immer wichtiger wird.

Von Silke Wichert

Der Backsteinofen sieht aus wie der gewaltige Bauch eines Wals, nur dass hier kein Plankton oder Pinocchio darin schwimmt, sondern sehr besondere Keramik herauskommt. Dafür muss Joan Pere Català Roig ihn 24 Stunden lang mit fast zwei Tonnen Holz befeuern - ohne Pause, er darf also nicht schlafen. Denn dann würde die Temperatur innerhalb von nur zehn Minuten so stark absinken, dass der Ton Risse bekäme. Wenn er nachts bei 1300 Grad brennt, leuchtet sein gleißendes Feuer kilometerweit von Pòrtol im Süden der Insel über die Landschaft Mallorcas. Bei einem Blick aus dem Flugzeug würde man wahrscheinlich denken, irgendwelche Urlauber säßen auf ihrer Finca an einem XXL-Barbecue. "Aber es gibt hier tatsächlich noch ein paar andere Dinge, die nichts mit Tourismus zu tun haben", sagt Roig lachend.

Die Zahlen sind eindeutig: Mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts der Insel wird direkt mit der Reisebranche erwirtschaftet, indirekt noch viel mehr. Mallorca ist dadurch zu einer der reichsten Regionen Spaniens aufgestiegen. Bis die Pandemie kam. Plötzlich gehört die Insel zu den am stärksten betroffenen, die Arbeitslosigkeit ist auf den Balearen so stark wie nirgendwo sonst in Europa gestiegen. Statt 15 Milliarden wie noch 2019 wurden mit den wenigen angereisten Touristen im vergangenen Jahr lediglich 1,8 Milliarden umgesetzt.

The Walking Society

Joan Pere Català Roig in seinem Atelier in Pòrtol, im Süden der Insel.

(Foto: Victor Staff/Camper)

Allmählich erholt sich das Geschäft, aber der Schock sitze tief, sagt Roig. Die Leute hätten gemerkt, dass sie am Tropf des Tourismus hängen und diese Quelle ganz plötzlich versiegen kann. Der 47-Jährige dagegen konnte sich selbst im Lockdown erstaunlich gut über Wasser halten, weil sein Handwerk in den letzten Jahren plötzlich wieder gefragt ist. Bestellungen kommen von Kunden in Belgien, Frankreich, sogar aus Amerika, die ihre Leidenschaft für Handgemachtes entdeckt haben und auf Instagram über seine außergewöhnlichen Krüge, Vasen oder Teller gestolpert sind.

Boutique-Hotels in Spanien wollen ihren Gästen nicht mehr industrielles Porzellan, sondern etwas Besonderes vorsetzen. Die Außenhaut bei Roigs gebranntem Ton erinnert oft an grobporigen Korallenschwamm, die Farben auf Tellern streben auseinander, als sei mitten drin ein Komet eingeschlagen. Schon seine Mutter arbeitete als Keramikkünstlerin, sein Bruder hat ebenfalls ein Atelier in der Nähe. Pòrtol ist gewissermaßen die Töpferwiege der Insel. Aber als Roig vor rund zwanzig Jahren selbst anfing, musste er zwischenzeitlich noch einen zweiten Job als Betreuer in einem Heim annehmen. "Ständig sagte mir damals jemand: Mach lieber in Tourismus. Das ist viel lukrativer!" Bereut hat er seine Sturheit nie.

Seit Corona gibt es einen Kreativboom auf der Insel

Und dann kam ausgerechnet mitten in der Pandemie noch ein ungewöhnlicher Auftrag. Camper, die Schuhmarke, die ihre Wurzeln seit 140 Jahren in der mallorquinischen Stadt Inca hat, legte ihr Magazin The walking Society wieder auf. In der ersten Ausgabe wollten sie sich ausschließlich ihrer Heimat widmen und den Menschen dort in der tiefsten Krise seit dem spanischen Bürgerkrieg eine Bühne geben. Sie fotografierten kleine Restaurantbetreiber, Bauern, Jockeys, fragten vor allem aber auch Handwerker an. Neben Roig etwa die Glaskünstlerin Marta Armengol. Bei beiden gaben sie außerdem Sondereditionen in Auftrag, die bei Camper im Online-Shop verkauft wurden. Die Marke, die einmal mit diesem runden "Pelota"-Schuh mit Noppen unter der Sohle bekannt wurde, ist in mehr als 50 Ländern vertreten. Von so einer Aufmerksamkeit können kleine Workshops sonst nur träumen.

The Walking Society

Als wäre ein Komet in der Mitte eingeschlagen: Teller von Joan Pere Catalá Roig

(Foto: Victor Staff/Camper)

"Wir fühlen uns unserer Heimat sehr verpflichtet", sagt Miguel Fluxá aus der vierten Generation der Schuhdynastie und mittlerweile CEO von Camper. Mit 250 Angestellten in Inca sind sie nach der Hotellerie wahrscheinlich der größte Arbeitgeber Mallorcas, die Fluxás sowieso eine Institution. Camper kommt von "Campesino", mit traditionellen Schuhen für mallorquinische Bauern fing alles an. Der Urgroßvater Fluxá brachte das Schuhhandwerk einst von London nach Mallorca und löste einen Schuhboom aus. 1975 gründete der Enkel, Lorenzo Fluxá, dann seine eigene Marke, deren Philosophie seit jeher lautet: "Walk. Don't run." Lieber langsam, aber bewusster durchs Leben gehen. Genau das nehmen sich viele Menschen seit der Pandemie wieder vor und halten vermehrt nach Produkten Ausschau, die dem entsprechen.

Aber wie viel "made in Mallorca" gibt es überhaupt noch? Die meisten kennen höchstens die Ensaimada als typisches Mitbringsel der Insel, diese mit Puderzucker bestäubte Gebäckschnecke im Großformat. Vielleicht noch geflochtene Korbtaschen oder die Ikat-Stoffe mit den verwischten Farben, mit denen viele nach dem Inselurlaub gleich die heimische Gartengarnitur beziehen lassen. "Wir sind viel mehr, als man denkt", sagt die Glaskünstlerin Marta Armengol. Die gelernte Architektin studierte und arbeitete in Barcelona, kehrte aber vergangenes Jahr in ihre Heimat zurück, und entwirft nun von dort ihre organisch geformten Glaslampen, Tassen, Teller, sogar gläsernes Besteck. Auch unter Künstlern werde seit der Pandemie mehr und mehr "remote" gearbeitet, sagt die 32-Jährige. Sie beispielsweise schickt ihre detaillierten Zeichnungen an einen Glasbläser in Barcelona, der dann wiederum die fast schon skulpturhaften Entwürfe - gut verpackt versteht sich - zurück nach Mallorca schickt.

"Die Inspiration der Landschaft, die Farben und die Art zu leben ist ziemlich unschlagbar", sagt Armengol. "Deshalb wächst das Netzwerk auf der Insel ständig, seit der Pandemie würde ich sogar von einem richtigen Kreativboom sprechen." Auch die Textilkünstlerin Adriana Meunié ist eine dieser Rückkehrerinnen, deren Wandteppiche und Leinwände mit wilder Raffia und getrockneten Gräsern immer mehr Liebhaber in Fincas und Hotels finden. Die bekannte Fotografin und Künstlerin Coco Capitán, die bereits mit Gucci zusammenarbeitete, hat sich mittlerweile ebenfalls hier niedergelassen.

Tourismus kann ein Segen sein - er macht aber auch bequem

Die Inselregierung hat bereits angekündigt, die "oficios artesanales" in diesem Jahr endlich stärker fördern zu wollen. Kunsthandwerker sollten beim Online-Verkauf unterstützt werden, ihre Werkstätten verbessern können. Auch Hilfsgelder in Höhe von 300.000 Euro wurden vergangenes Jahr versprochen, um viele kleinere und nicht ganz so instagramaffine Betriebe vor dem Aussterben zu bewahren. Angekommen ist davon laut spanischen Presseberichten noch nichts. "Ich will auch gar keine Subventionen", sagt der Keramikmeister Roig. "Künstliche Gelder sind Gift, sie helfen dir nicht langfristig." Viel besser könnte man dem Sektor mit günstigeren Mieten und Flächen helfen. Selbst Brachen oder alte Lagerhallen sind wegen der teuren Grundstückspreise auf der beliebten Zweitwohnsitzinsel unerschwinglich geworden. Auch Steuervergünstigungen und Nachlässe beim Transport würden helfen, sagt Roig, schließlich muss, so schön die Lage ist, Material immer über den See- oder Luftweg eingeführt und laufend teuer verschickt werden.

"Der Tourismus hat uns in vieler Hinsicht bereichert", sagt Miguel Fluxá von Camper. "Allein schon kulturell, durch den Austausch mit vielen Menschen verschiedener Nationen." Aber die Schönheit der Landschaft kann eben auch arg bequem machen. Die Reisebranche nutzt, was sowieso schon da ist, und hübscht es gegebenenfalls noch etwas auf. Aber so entstehen keine neue Ideen für andere Wirtschaftszweige, im Gegenteil, selbst die Landwirtschaft, etwa die Mandelproduktion, ist über die Jahre empfindlich geschrumpft. Keine Not macht nicht erfinderisch. Schon vor Corona war klar, dass die Branche umdenken muss, nachhaltiger, aber auch kreativer werden sollte. Durch die Pandemie habe sich diese Dringlichkeit noch verstärkt, glaubt Fluxá. "Die Branche kann ja auch bewusst andere Bereiche auf der Insel unterstützen."

Bei der Einrichtung von Ferienhäusern oder Restaurants auf der Insel werden beispielsweise vermehrt lokales Innendesign, mallorquinische Möbel und Kunst verwendet. Die Agentur Españolita bietet bereits Reisen an, die Besuchern speziell die traditionelle, kulturelle und handwerkliche Seite der Insel zeigen sollen. Bei Workshops mit Köchen, bei der Olivenernte oder dem Besuch von Kunsthandwerkern in ihren Ateliers. In all den schönen Buchten kann man danach ja immer noch schwimmen gehen.

© SZ/marli
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