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Mode:Schluss mit Hauptsache-praktisch-Outfits

Endlich draußen: Die Models der Etro-Modenschau für kommenden Herbst, unterwegs in Mailand.

(Foto: Etro)

Für kommenden Herbst wittern die Pariser und Mailänder Herrendesigner Licht am Ende des Corona-Tunnels und hoffen auf endlich wieder mehr Stil.

Von Anne Goebel

Dem schönen Doktor Pozzi wäre das alles nicht passiert. Befleckte Jogginghosen, formlose Oberteile mit überdehnten Bündchen - bitte, warum? Zu Hause bleiben und Stil bewahren ist nun wirklich einfach: Man greife zum flammend roten Hausrock, die Kordel mit Pompon locker um die Hüfte gebunden. An den Ärmeln ragt etwas von der Spitze des frischen weißen Hemds hervor, die Füße stecken in schmal geschnittenen Pantoffeln, fertig.

Lässig und doch formvollendet: So sieht Samuel Jean Pozzi, Modearzt und berühmter Womanizer der Belle Époque, auf einem Gemälde aus, das einem gerade überall begegnet. Weil der britische Schriftsteller Julian Barnes dem dandyhaften Mediziner ein literarisches Porträt gewidmet hat, das von der Kritik gefeiert wird, haben viele den feinen "Man in the red coat" zu Hause liegen. Zwischen möglicherweise nicht ganz so fein gruppierten Sofakissen oder im Schlafzimmerbüro ist das Titelbild eine ständige Mahnung: Männer, reißt euch am Riemen für ein paar letzte impflose Wochen, jetzt mal Contenance.

Die Realität sieht natürlich beklagenswert anders aus - Jogginghosen, Flecken, siehe oben. Bleibt die Frage: Wann kehrt endlich etwas vom alten Glanz in der Herrengarderobe wieder? Und wie findet man überhaupt zurück zur Eleganz nach fast einem Jahr in der Jerseyhöhle?

Corona bringt neue Kunden

Gerade sind die Modewochen in Mailand und Paris zu Ende gegangen, überwiegend digital natürlich, mit jeder Menge Vorschläge für aufgefrischte Looks. Schon seit einigen Saisons begleitet eine früher undenkbar hohe Aufmerksamkeit die Menswear-Schauen, auch kommerziell sind sie für die Firmen immer wichtiger geworden. Und aktuell kommt ein zusätzlicher Reiz hinzu, sagt Chris Kyvetos vom Münchner Luxus-Onlinestore Mytheresa: Es sei gut möglich, so der Chefeinkäufer für Männermode, dass man durch die Pandemie neue Klienten hinzugewinne - konvertierte Stilskeptiker nämlich.

Hört sich erstmal überraschend an, ist aber einleuchtend: Demnach haben auch tendenziell Modeuninteressierte ihre Hauptsache-praktisch-Outfits nun endgültig satt, sozusagen nach einer Überdosis während der Lockdowns. Sie trennen sich durchaus nicht von den hinten schön weichgehockten Jeans, auch nicht vom treuen Lieblingshoodie, geben aber einem aufkeimenden Interesse an "inspirierenderen Stücken" nach: Schön, wie Kyvetos sich sprachlich herantastet an die Psychologie der "pre pandemic slouchy dressers" (auf Deutsch ein bizarres Wortungetüm, die vorpandemischen Kleidungs-Schluderer).

Nun braucht deshalb niemand zu erwarten, dass es in deutschen Fußgängerzonen, sobald die Infektionslage es zulässt, unter Männern plötzlich zugeht wie bei der aufgebrezelten passeggiata am Samstagabend in einer italienischen Kleinstadt. Selbst unter den echten Modefans werden viele nicht mit vollen Händen Geld für Sakkos, leichten Kaschmir, gar Sommeranzüge ausgeben, solange niemand weiß, wann man die Teile sorglos ausführen kann. Dass zur perfekt abgestimmten Toilette Bewunderer gehören, die sie bemerken, wussten gerade die Ästhetizisten der Jahrhundertwende, der elegante Dr. Pozzi, Oscar Wilde, Marcel Proust. Sie haben vor dem Spiegel das Publikum immer mitgedacht.

Mailand: Sanfte Looks

Was die Schauen für Herbst/Winter 2021/22 angeht: Für Modenovizen und coronabedingte Zauderer war Mailand die bessere Adresse. Die Designer zeigten zurückgenommene Entwürfe, die deutlich dem bequemen Loungewear-Gedanken folgen, an den wir seit bald einem Jahr gewöhnt sind - und die doch draußen als ernst zu nehmende Garderobe funktionieren. Chris Kyvetos, selbst junger Vater, gefällt die zusätzliche Botschaft dieser entspannten Herangehensweise: Das sei Kleidung für engagierte Familienmenschen, "die zeigen, dass sie viel Zeit zu Hause bei ihren Lieben verbringen".

Bei Ermenegildo Zegna zum Beispiel präsentierte Alessandro Sartori ultraweiche Silhouetten mit weit geschnittenen Hosen in Zimt- und Salbeitönen. Silvia Venturini Fendi bezeichnete ihre Kollektion mit kimonohaften Mänteln, teils voluminös gesteppt wie Kokons gegen die unwirtlichen Zeiten, gar als "therapeutisch". Etro zeigte - mit einer echten Show, die Models wie eine Gang unerschütterlicher Jungoptimisten unterwegs auf einer menschenleeren Straße - Pullunder und flauschigen Strick. Alles softe Looks, als müssten die ersten Schritte aus der heimischen Isolation zurück in die Welt extra sacht und leise ausfallen.

Nicht ganz so sanft und wieder Mal ein eigenes Universum: Prada. Die erste gemeinsame Männerschau von Miuccia Prada und Raf Simons wurde mit Spannung erwartet, wenn man das in diesen Zeiten sagen darf, wo ganz andere Dinge wichtig sind. Das Ergebnis: Skulpturale Mäntel und Oversize-Bomberjacken in so knalligen Farben, wie man sie sich für die endlich zurückerlangte Freiheit der Post-Corona-Zeit nur wünschen kann. Ob sich Pradas "Long Johns", gemusterte Ganzkörperanzüge aus Feinstrick, als Trend durchsetzen können, ist sehr die Frage - jedenfalls waren diese Bodysuits für Männer die bisher erfindungsreichste Interpretation von Homewear.

Paris träumt von der Zukunft

Unerschrocken ging es ein paar Tage später weiter in Paris, auch dort liefen alle Schauen digital - und die Modemacher behaupteten einfach mal: Kommenden Herbst ist es vorbei mit der Pandemie, c'est fini! Also gab es keine tröstlichen Kuschellooks, sondern kollektionsweise Eleganz und Extravaganz zum Ausgehen, Feiern, Flanieren, Verreisen, Eindruckmachen. Sich wegträumen aus der Gegenwart, dabei hat die Mode schon immer geholfen.

Kim Jones ließ für Dior schmucke Soldatenlooks schneidern, zartgelb oder bestickt. Moderne Nomaden bei Louis Vuitton mit Knöpfen in Flugzeugform, silberbeschlagenen Boots. Dries Van Noten variierte den Trenchcoat, Sinnbild des freiheitsliebenden Großstadtmenschen. Und Jonathan Anderson sagte über seine Punk-Kollektion für Loewe, kettenbehängte Hosen, hell lodernde Blumenprints: "I don't want to lounge any more." Endlich raus, endlich Schluss mit behaglich daheim.

Was das alles mit den Kleidungsgewohnheiten eines maßvoll modeinteressierten Durchschnittsmenschen zu tun hat? Erst mal nicht viel, allein aus finanziellen Gründen, auch wenn Kopien der besten Entwürfe pünktlich bei Zara und anderen Fast-Fashion-Ketten hängen werden. Dennoch glauben Leute wie Alexander Davaroukas, dass die Chancen gerade gut stehen für mehr Mut zur Mode bei Männern. Davaroukas ist Geschäftsführer der hippen Maßschneiderei Monokel in Berlin und München. "Wir beobachten, dass unsere Kunden anfangen zu experimentieren: Sie tragen weiter ihre Anzughose, aber ziehen dazu mal einen dicken Pulli an oder Winterboots, um draußen eine Runde zu drehen."

Klingt jetzt nicht nach echtem Aufruhr in der Männermode. Aber: Indem die Grenzen verschwimmen zwischen formell und lässig, zwischen Büro und Zuhause, gerät etwas in Bewegung im Land der "total looks". Denn das sei ja gerade typisch deutsch: Hier kauft und trägt der Mann das ganze Paket, entweder komplett formell oder komplett freizeitmäßig. "Jetzt bricht das auf", glaubt Davaroukas, "Männer entdecken in ihrem Kleiderschrank gerade völlig neue Möglichkeiten." Und genau da beginnt Mode, beginnt der eigene Stil. Es muss ja nicht gleich der rote Morgenrock sein.

© SZ/hij
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