Mit dem "Schwarzen Kameel" ist es ein bisschen so wie mit dem Musical "The Sound of Music". Im Ausland kennen's offenbar alle, bekommen leuchtende Augen beim Erzählen und sind sich sicher, darin die österreichische Realität zu erkennen. Wenn man dann als Inländerin bekennt, weder das eine noch das andere erlebt zu haben und dazu weder Dirndl trägt noch Leidenschaft für die Monarchie hegt, ringen Wien-Gäste stets um Fassung oder schauen nur traurig. Beim "Kameel", wie es in Wien heißt, ist die Sachlage noch komplizierter. Natürlich gibt es in der Wiener Gastronomie kaum schönere Räumlichkeiten. Vier verschiedene beherbergen den Genussbetrieb mittlerweile, alle im selben Ensemble in der Bognergasse. Und natürlich trifft man sich gut, gerne und oft im Kameel, egal, welche soziale Schicht oder Altersklasse. Aber, jetzt kommt der wesentliche Unterschied: Man trifft sich auf Brötchen und einen Gespritzten, im Stehen, im Delikatessenteil - nicht im Restaurant. Und es gibt gute Gründe, das auch weiterhin so zu halten.
Das Restaurant Zum Schwarzen Kameel, nur durch die gleichnamige Delikatessenhandlung zu betreten, ist die Bühne von Johann Georg Gensbichler. Maître Johann Georg Gensbichler. Ganz Gastgeber der alten Schule in stets aufsehenerregende Dreiteiler gekleidet, die Rüschenmanschetten ebenso exaltiert wie der kaiserlich wirkende Backenbart, und alles auch zur Schau getragen für Gäste aus aller Welt. Wenn die schöne Jugendstil-Holztäfelung hier nicht frei von Altersspuren ist, dann geht es ihr wie den Gästen. Und wer als Einheimischer die Karte öffnet, traut seinen Augen beim "Wiener Menü" (fünf Gänge zu 68 Euro) nicht. Wir hier im Land der Seligen essen also gern als Vorspeise Beinschinken, dann Rindssuppe mit Beinschinkenstrudel, gefolgt von einem Kalbsrahmgulasch mit Nockerln und als Hauptgericht ein Wiener Schnitzel? Einspruch! Als Österreicherin muss man hier in aller Deutlichkeit klarstellen: Dieses Menü ist in etwa so landestypisch wie Kleidung und Gesang in Sound of Music. Selbstverständlich wird in Österreich extrem viel Fleisch konsumiert, aber, bleiben wir bitte am Boden, nie in vier Gängen dieser Art. Wir essen vor allem niemals Gulasch und Wiener Schnitzel hintereinander, auch nicht nebeneinander. Und nein, auch nicht in umgekehrter Reihenfolge.

Nach diesem wichtigen Exkurs fragen wir beim eleganteren "Kameel Menü" (fünf Gänge zu 89 Euro) noch kurz nach, ob es auch ohne die Suppe serviert werden könne. Der junge Kellner verneint, und auf Nachfrage, ob man sie denn nicht bitte trotzdem weglassen könne, weist er darauf hin, dass das nichts am Menüpreis ändere. Da fühlt man sich gleich mal an den letzten Adria-Urlaub erinnert. Wie lautete dort gleich das Vollpensions-Reglement? Entweder immer im Hotel essen oder nie. Wer nicht kommt, zahlt trotzdem. Ausnahmen: keine. Im Kameel übrigens auch nicht: Auch hier berechnen sie am Ende fünf Gänge, obwohl nur (wie gewünscht) vier serviert wurden. Als Entschädigung gibt es dann Süßes zum Mitnehmen.
Geht es in diesem Lokal, wie oft kolportiert, wenigstens ums gute Essen? Wenn man das an der betulichen Andacht festmacht, mit der viele Touristen hier ihre vermeintlich typischen Menüs verspeisen, dann gewinnt man den Eindruck. Das Kameel-Menü ist aber nur routiniert heruntergekochte Klassik mit modernen Versatzstücken: Bachkrebse mit Pimentos, Tamarillo und Koriander, aber leider trotzdem fad. Der Stör ist dagegen auf den Punkt gegart, und samt seinem Kaviar, ein paar wenigen Artischockenstücken und getrüffeltem Kartoffelpüree eine Freude - trotz getrüffelt. Das Jungrindsteak mit ordentlich Biss - (dessen Gargrad wir einfordern mussten, gefragt wurden wir nicht) - kann sich nicht für Spitzmorcheln oder Trüffel entscheiden. Wir finden, dass erstere gereicht hätten. Dichter, konzentrierter Jus und Petersilien-Topinambur-Püree passen aber durchaus zu einem kalten Wintertag. Als Dessert kommt eine Maroni-Variation aus Maronischnitte, kleinem Grießknöderl, Eis und einigen Stücken glasierter Maroni. Dabei hätte es zum Sattwerden gar nichts mehr extra bedurft. Wein wird nach Namen serviert, aktiv empfohlen kaum. Schade, bei den Schätzen, die das Haus zu bieten hätte.
Das Wiener Menü schließlich startet mit dem handgeschnittenen Beinschinken mit Kren, den man nebenan, bei den eingangs erwähnten Brötchen, zu Recht in den Himmel lobt. Es gibt kaum besseren in der Stadt. Die Rindssuppe ist unter der Schnittlauchdecke kaum zu sehen, der Beinschinkenstrudel nach der Vorspeise ein wenig redundant, aber bei Suppeneinlagen sind wir in Österreich ja für fast jede Variante zu haben, Hauptsache, sie ist schön geformt. Das Kalbsrahmgulasch ist der beste Gang des Abends, genau so gehört es, mollig und fein passiert die Sauce, das Fleisch weich, keinesfalls derb, und reichlich Nockerln mit Biss dazu. Danach ein nicht gerade kleines Wiener Schnitzel zu essen, fühlt sich grundverkehrt an. Auch wenn das Schnitzel gar nicht schlecht ist: schön souffliert und knusprig die Panier. Ungekühlter (ein Muss!) Erdäpfel-Vogerlsalat dazu, passt. Die Marillenpalatschinken sind der Beweis, dass weniger mehr wäre: Sie haben ein Grillmuster eingebrannt, das keinen Mehrwert bietet, außerdem zu wenig (!) gesüßten Marillenröster dazu, einen Marillenshot, der etwas nach Kühlhaus schmeckt, und Marillensorbet extra. Die Palatschinken sind dann nicht besonders heiß, wie leider fast überall in der Gastronomie.
Wir gehen daher weiter nur auf Steh-Brötchen (Rotkraut! Kürbiskern! Hausfrauen!) ins Kameel. Sitzen tun wir lieber woanders. Es sei denn, zum 400. Geburtstag 2018 wird das Restaurant hier inhaltlich rundumerneuert.