Lokaltermin Tisk

In Berlin-Neukölln versucht sich ein Lokal am Konzept "Kneipen-Dining". Dabei will man die feine Küche mit dem Charme der Eckkneipe verbinden.

Von Harriet Köhler

In Berlin dreht man bei der Neuerfindung der Gourmetszene jeden Tag ein bisschen mehr auf. Zu den aktuelleren Ideen zählt "Kneipen-Dining". Soll heißen: In Neukölln will Tisk Speisekneipe die feine Küche mit dem Charme einer Pinte vermählen. Sehr löblich, findet Harriet Köhler. Leider weiß das Lokal nicht nur die guten Seiten beider Lager miteinander zu verbinden.

Es ist der Menschheit ja durchaus schon gelungen, scheinbar Unvereinbares halbwegs erfolgreich zusammen zu bringen: Bier und Limo beim Radler zum Beispiel. Folklore und Fashion in der "Trachtenmode". Schwarz und Grün in den Kiwi-Koalitionen Hessens und Baden-Württembergs. Und nun das: "Kneipen-Dining". So nennen Martin Müller und Kristof Mulack ihr Unterfangen, Altberlin und Haute Cuisine in einer Neuköllner "Speisekneipe" unter einen Hut zu bringen. Die Betreiber bringen Erfahrung mit, Müller war Sous-Chef in Tim Raues Restaurant "La Soupe Populaire", Mulack hatte früher einen Supperclub und ist außerdem Gewinner der Koch-Castingshow "The Taste". "Tisk Speisekneipe" heißt der Versuch, den Gourmetsektor weiter zu entkrampfen und zugleich die gute alte Kneipe wieder etwas aufzuwerten, was ganz grundsätzlich ja erst mal löblich ist.

Fangen wir deshalb auch mit dem Lobenswerten an, den Tapas und Tellern vornweg: Der Gurkensalat zum Beispiel, der hier - man legt es klar auf Kultigkeit an - "Jurkensalat" heißt: Ausgestochene Stücke aus der Gurke in einer quicklebendigen Emulsion aus Apfel, Gurke, Joghurt und Jalapeño-Tabasco - das überzeugt auf der Zunge und ist auch noch so minimalistisch-schön angerichtet, dass es ohne weiteres aus einer Sterneküche kommen könnte (6 Euro). Auch das "Bio-Senfei", das auf einem Bett aus wunderbar aromatischem Kartoffelpüree und feinem, säuerlichem Senfschaum schwebt, schmeckt so schlicht wie fantastisch: Es wird von ein paar anfrittierten Blumenkohlröschen begleitet, ist mit etwas Petersilienöl bekleckert und mit ein paar Kräutern und Sellerieblättern vitalisiert (10,50 Euro). Tiptop sind auch die kross panierten, im Inneren zartcremigen Blutwurstkroketten, die ein kräftiges, süßsäuerliches Apfelmus kontrastiert, von dem es allerdings gern ein bisschen mehr hätte sein dürfen (6 Euro).

Der "Kopfsalat" hingegen überzeugt uns nicht auf ganzer Linie: Die Schnittfläche eines halbierten Romanasalatkopfs ist mit einer Creme aus eingelegten Zitronen, Kapern und Petersilie bedeckt - das ist unpraktisch beim Essen (die Sauce verteilt sich schlecht), etwas zu salzig - und dann knirscht es hier und da verdächtig zwischen den Zähnen. Ebenfalls nicht ganz gelungen ist die Soljanka, ein Klassiker aus Sowjetzeiten, der seinen Wumms im Original durch reichlich Wurstreste erhält. Im Tisk hingegen ist die Suppe vegetarisch, dafür aber so brutal mit Essig und Schärfe aufgerüstet, dass der Rachen um Gnade fleht (8 Euro). Auch "Brot & Butter" gehen deutlich besser: Die hausgemachten Haferflockenbrötchen erinnern in ihrer Kompaktheit an Aufbackware aus dem Bioladen - und warum man ein so perfektes Produkt wie kühle Butter erwärmen und dann aufschlagen muss, bleibt sowieso eines der ungelösten Rätsel der gehobenen Gastronomie (3,50 Euro).

Was uns den ganzen Abend über irritierte, war die penetrante Frittenbudenfahne, die aus der offenen Küche drang und sich streng über die Speisen legte. Doch dann kam der Hauptgang, und wir verstanden. Der signature dish im Tisk ist nämlich der "Broiler im Janzen" (für zwei Personen, 35 Euro), bei dem die Küche es offenbar für originell hielt, auf allen Haute-Cuisine-Schnickschnack plötzlich wieder zu verzichten und den (zugegeben saftigen und wohlschmeckenden) Vogel ganz einfach mit Kneipengarnitur zu servieren. Erst hält man's noch für Ironie, aber dann kommt als "Mischjemüse" ganz ernsthaft eine nach Maggi schmeckende Sauce auf den Tisch, in der Karottenscheiben und TK-Erbsen schwimmen. Und auch die dazu servierten "Demeter Pommes" sind so fad und freudlos wie die traurige Tiefkühlware, die man auch in vielen Fast-Food-Läden serviert. "Vor allem wollen wir zeigen, dass ein Berliner Geschmack tatsächlich existiert", hat Kristof Mulack mal in einem Interview gesagt. Puh, nicht nötig: Dieses Berlin kannten wir.

In einem Satz

Eine Kneipe mit feinem Essen ist ein super Konzept, das man bei "Tisk" aber noch ein wenig ehrgeiziger und höflicher umsetzen sollte.

Qualität: ●●●○○

Ambiente: ●●●○○

Service: ●●●○○

Preis/Leistung: ●●●○○

Und dann ist da dieser Service. Nichts gegen Lockerheit im Dienst am Gast, aber wenn ein Kellner nicht einmal nachfragt, wenn er um einen Eiswürfel gebeten wird, um den viel zu warm servierten Spätburgunder auf Trinktemperatur herunterzukühlen, sondern einfach nur trotzig pariert, dann wünscht man sich doch ein paar Höflichkeitsformen zurück. Und, ach so, noch so ein Thema: Die Weinkarte ist zwar umfangreich, enthält aber kaum mehr als einfachste Basisqualitäten, die noch dazu recht selbstbewusst kalkuliert sind - das passt genauso wenig zum Konzept wie die Tatsache, dass aus den Boxen zwar ziemlich lauter Hiphop dröhnt, die Küche aber (und das in Neukölln!) bereits um halb elf schließt.

Irgendwie bleiben die Gegensätzlichkeiten im Tisk unversöhnt nebeneinander stehen. Und auch unser Urteil ist am Ende zwiespältig. Die Ansätze sind gut, das Können ist da, aber es wirkt so, als fehle ein Quäntchen Ehrgeiz, um das Konzept wirklich aufs anvisierte Niveau zu bringen - von dem aus man sich dann gerne ein paar Lässigkeiten erlauben dürfte.