Lokaltermin Schweizerhaus

Der Wiener Prater ist reich an Legenden, und unbedingt dazu gehört eine Gaststätte, auf die sich jeder einigen kann: Ins Schweizerhaus kommen Arbeiter wie Generaldirektoren.

Der Wiener Prater ist reich an Legenden, und unbedingt dazu gehört eine Gaststätte, auf die sich offenbar jeder einigen kann: Ins Schweizerhaus kommen sie alle, ob Arbeiter oder Generaldirektor. Auch Kulturgrößen von Arthur Schnitzler bis Udo Jürgens waren zu Gast. Gern zu süffigem Bier und Riesenhaxe, die hier Stelze heißt. Katharina Seiser hat sich mal durch die Fleischberge gearbeitet.

Zum Prater hat jeder in Wien eine Meinung, und das ist leicht zu erklären: In den Altbauten der österreichischen Hauptstadt sind Balkone Mangelware, deshalb sind große Naherholungsgebiete wie die Donauinsel oder eben der Prater so wichtig für die Stadt. Er misst beachtliche sechs Quadratkilometer und ist ein großteils grünes Freizeitareal im zweiten Gemeindebezirk. Trotzdem dürfte er den meisten eher als Vergnügungspark bekannt sein, in Filmen und auf Tourismusportalen wird er gern auf den Wurstelprater mit seinen 250 Attraktionen und Fahrgeschäften reduziert. Kein Wunder, schließlich hat das Vergnügen hier 200 Jahre Tradition, seine Karusselle spielten schon in Johann Strauß' Operette "Wiener Blut" eine Rolle, und Generationen von Firmlingen feierten hier nach dem Kirchgang.

Wer sich dem Prater vom Zentrum aus nähert, dem fällt sofort das Wahrzeichen der Stadt ins Auge, das eher langweilige Wiener Riesenrad und dazu ein neu gestalteter Vorplatz, der mit seiner Möchtegern-Architektur auch in Las Vegas stehen könnte. Doch es gibt längst ein Konkurrenzwahrzeichen, den 117 Meter hohen Praterturm, ein Karussell, von dem aus sich das Panorama auch gut betrachten lässt. Und am Fuße des Turms befindet sich eine gastronomische Institution, die in Wien ebenfalls jeder kennt: Das Schweizerhaus. Hundert Jahre ist es her, dass der Fleischermeister Karl Kolarik das Lokal kaufte, den Ausschank von Pilsener auf Budweiser umstellte und damit eine Erfolgsgeschichte schrieb, die bis heute andauert. Hierher, in den "Garten der Wiener", gehen alle, egal ob "Hackler" (Arbeiter) oder Generaldirektoren. Auch Kulturschaffende wie Franz Grillparzer, Arthur Schnitzler, Anton Bruckner oder Udo Jürgens waren Stammgäste. Von Mitte März bis Ende Oktober strömen sie bei Sonne zu Tausenden hierher.

Der kastanien- und nussbaumbeschattete Garten fasst etwa 1700 Personen, im Inneren finden noch einmal 800 Gäste Platz. Das Bier - gemeint ist hier immer das Budweiser Budvar vom Fass, obwohl heute etwa 20 verschiedene Biere auf der Karte stehen - genießt Kultstatus. Es wird mit vergleichsweise wenig Kohlendioxid und sehr langsam gezapft. Deshalb gilt es als besonders bekömmlich, schmeckt jedenfalls süffig, genau richtig bitter, um das Fett der ebenso verehrten Schweinsstelze auszugleichen, die von einem Drittel der Gäste bestellt wird. Bier und Speisen kommen hier in Windeseile, die legendären Kellner sind jeweils einem der Gartenbezirke zugeteilt, die Familie Kolarik klugerweise nach den Wiener Bezirken benannt und mit Straßenschildern versehen hat. Man kann sich also in der Leopoldstadt treffen oder in Mariahilf, was die Orientierung extrem erleichtert. Die Kellner legen am Tag angeblich bis zu 25 Kilometer zurück, über die Anzahl der Krügeln (so heißt die Halbe im Glas zu 4,70 Euro, ein Seidl meint 0,3 Liter für 3,60 Euro) wird geschwiegen.

Die hintere Schweinsstelze jedenfalls ist der Paradeteller des Hauses. Bei rund einem Kilo (pro Kilo 18,90 Euro) für eine kleine Stelze reicht sie mit Beilagen für mindestens drei Personen. Zahlen von bis zu 500 Stelzen pro Tag werden kolportiert. Die schiere Menge an hier benötigten Schweinen aus konventioneller, also nicht artgerechter Haltung (wie sie auch überall sonst in der Gastronomie üblich sind) lässt einem kurz den Appetit vergehen. Schmecken tut die Kultstelze dann so, wie man es erwartet: Das Fleisch recht trocken und unspektakulär, nur die heiße, knusprige Schwarte macht Spaß, vor allem, wenn der wirklich anständige hausgemachte Krautsalat (3,60 Euro) dazu bestellt wurde. Die sehr knusprigen, aber ziemlich fettigen Erdäpfelpuffer (3,60 Euro) werden von erfahrenen Besuchern meist mit Knoblauch bestellt. "Rohscheiben" (2,90 Euro) sind hausgemachte Kartoffelchips, frisch geradelten Bierrettich (3,30 Euro) gibt es natürlich auch. Erstaunlich gut, weil nicht überwürzt und trotzdem herzhaft ist die Prager Kuttelflecksuppe (5,10 Euro), eine deftige Reminiszenz an die altösterreichische Innereienküche. Schön, dass sie hier immer auf der Karte steht. Beim Budweiser Bierfleisch (11,20 Euro) ist das Fleisch leider ebenfalls trocken, das Gemüse zwar frisch, aber nur in Wasser gekocht, dafür schmecken die Serviettenknödelscheiben nach Suppenwürze, schade. Alles Verleumdung, würden die Stammgäste sagen, die kein kritisches Wort über "ihr" Schweizerhaus dulden.

In einem Satz:

Massenverpflegung auf wienerisch mit hohem Nostalgiefaktor, süffigem Bier und guten Mehlspeisen; die Haxe hier ist jedoch überschätzt.

Qualität: ●●●○○

Ambiente: ●●●○○

Service: ●●●●○

Preis/Leistung: ●●●○○

Die Küche macht bei den Nachspeisen aber einiges wieder gut: Die hausgemachte Schaumrolle (1,40 Euro) ist nicht zu groß und schmeckt frisch. Die Powidltascherln (3,70 Euro) hätten mehr Powidl (Zwetschgenmus) vertragen, aber an flüssiger Butter mangelt es ihnen ebenso wenig wie den Mohnnudeln (6,90 Euro), die auf den ersten Blick irritieren: Ein Berg aus bleichen Erdäpfelnudeln wird da serviert, darüber eine kleine Wagenladung geriebener Mohn mit Staubzucker, alles umkränzt von einem Burggraben voll Butter. Das Erstaunliche ist aber: Geschmack, Konsistenzen und Verhältnis der Komponenten sind perfekt, Nostalgie- und Glücksgefühle inklusive. Man könnte also Folgendes empfehlen: Nach dem frühen Abendessen in einer guten Wiener Gaststätte eine Runde hoch oben am Praterturm fahren und danach auf ein Krügerl und Mohnnudeln ins Schweizerhaus wechseln.