Lokaltermin Sagebiels Fährhaus

Sagebiels gilt als Hamburger Traumadresse mit Blick auf die Elbe. Seit ein neuer Pächter das Restaurant übernommen hat, ist es noch schöner geworden.

Von Stevan Paul

Hamburg, so weiß man, ist oft vom Regen verfolgt. Nun hat das unerwartet schöne Wetter der vergangenen Monate einen Run auf Ausflugslokale mit Terrasse ausgelöst. Als Traumadresse gilt seit Jahrzehnten "Sagebiels Fährhaus" in Blankenese, das dank neuer Pächter noch schöner geworden ist, wie unser Autor findet. Wenn jetzt auch das Essen noch besser wird, ist alles gut.

Es war ein unerwartet fantastischer Frühsommer, doch die Hamburger haben auch die unüblichen Höchsttemperaturen mit der ihnen eigenen Gelassenheit hingenommen; allerdings versuchen sie sich seit einiger Zeit zu erinnern: Wo konnte man nochmal schön draußen essen?

Manchen fällt nun wieder "Sagebiels Fährhaus" im Blankeneser Treppenviertel ein, eine ebenso altbekannte wie neue Adresse. Das Traditionshaus mit über hundertjähriger Geschichte firmiert nun, nach gründlicher Renovierung und Pächterwechsel unter neuer Flagge: "Die Genusspiraten" sind eingezogen. Die alten Räume wurden modernisiert, ohne das historische Erbe zu verraten. Beim Spagat zwischen Landhaus und Lounge ist ein charmanter Ort entstanden, drinnen mit Ledersesseln, Kamin und lichten Gasträumen, draußen mit alten Lindenbäumen, weitläufiger Terrasse, Sonnendeck, Bar und Grill. Der Blick wandert über die Elbe hinüber ins Alte Land, linkerhand die Hallen von Airbus, rechts liegen die Villen des ehemaligen Fischerdörfchens Blankenese in der Abendsonne. 125 Stufen sind es vom Anleger hinauf zum Fährhaus, wer mit dem Auto über die Elbchaussee fährt, schafft es in 30 Minuten von der City ins Idyll.

Als Aperitif kommt ein Port Tonic (8,50 Euro), im eisig beschlagenen Glas; hier heißt er Por-To und wurde elegant mit Orangenmarmelade verfeinert. Auch die Brombeer-Zitronengras-Limonade (5,50 Euro) ist erfrischend, süffig und rund. Auf der Terrasse (80 Plätze) weht ein laues Lüftchen, ein Containerschiff zieht majestätisch vorbei. Alle Tische sind besetzt und das ist auch ein Grund, warum es die ambitionierte Abendkarte von Küchenchef Timo Müller heute nur eingeschränkt gibt, man habe zu wenig Personal, erklärt ein Mitarbeiter.

Schade, so bleiben uns Gerichte verwehrt wie Schaumsuppe von der Erdartischocke, Eifeler Lamm mit Ur-Möhre und Milchkalbleber mit Kartoffel-Mousseline. Verhungern muss hier trotzdem keiner. Im Garten glüht der Grill, die "Klassiker"-Karte listet bodenständige Wohfühlgerichte, wie man sie an Orten wie diesem wohl erwartet. Hier sitzen überwiegend Gäste, die vermutlich schon herkamen, als das Sagebiels noch eine einfache Gastwirtschaft war, zuletzt wurde 25 Jahre lang deutsch-chinesische Küche serviert. Am Nebentisch moniert ein älteres Ehepaar das Fehlen von Tischdecken, die wirklich fitzelig-dünnen Papierservietten sind dabei erstaunlicherweise kein Thema.

In einem Satz

Schönes Hamburger Traditionslokal, dessen neue Pächter die schwierige Balance zwischen Anspruch und Ausflugsküche noch nicht gefunden haben.

Qualität: ●●●○○

Ambiente: ●●●●●

Service: ●●●○○

Preis/Leistung: ●●●●○

Von der reduzierten Abendkarte bestellen wir "Tataki von der Fjordforelle" (14 Euro) mit Forellenkaviar, knackfrischen eingelegten Gurken, Gurkenschaum und Gel. Die Forelle ist von exzellenter Qualität, nur kurz geflämmt, ein sommerlich frisches Vergnügen. Die Krebssuppe mit Garnele und Kabeljau (17,50 Euro) ist handwerklich tadellos. Zu beiden Gerichten passt der samtig-frische, perfekt gekühlte 2017 Alvarinho "Granit", Quinta de Soalheiro, Minho (0,1 l/4,50 Euro), der an allen Tischen offensiv empfohlen wird. Die preisgekrönte Sommelière Carine Patricio, die nun bei Sagebiels arbeitet, ist an diesem Abend verhindert. Zu den Hauptgängen entscheiden wir schließlich selbst, wünschen uns den 2017 Weißburgunder QbA trocken vom Battenfeld-Spanier aus Rheinhessen (0,1 l zu 3,50 Euro), der bereits eingeschenkt auf den Tisch gestellt wird, die Flasche bekommen wir nicht zu Gesicht.

Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass die gesamte Mannschaft in der Hochphase des Abends jetzt im Akkord servieren muss, ein Strom von Platten mit großen goldbraun gebratenen Portions-Schollen wird zu den Tischen getragen, Berge von Bratkartoffeln und Gurkensalat. Immer wieder starren die Kellner dabei unvermittelt und angestrengt minutenlang auf ihre Smartphones. Doch nicht für einen Blick in die sozialen Netzwerke. Nein, hier will ein - effizientes? - Kassen- und Bonier-System bedient werden. Das Wiener Schnitzel (26,50 Euro) ist auch auf dieser Sommerterrasse ein Renner, überdimensioniert, goldbraun gebraten, die perfekte Welle auf dem Teller, die begleitenden Salate sind in Ordnung. Wir haben auch Pannfisch (24,50 Euro) bestellt. Der Hamburger Klassiker ist, wenn er gut gemacht sein will, eine handwerkliche Herausforderung: Man braucht perfekte Bratkartoffeln, dazu eine aromatisch-cremige Senfsauce, der Fisch für dieses Gericht muss auf den Punkt gegart sein. All das gelingt an diesem Abend nicht. Die Bratkartoffeln sind viel zu dunkel geraten und fettig, die Speckwürfelchen schwarz und hart geröstet, die Zwiebelstreifen dunkel und zäh. Die bleiche, schaumig aufmontierte Sauce ist müde, es fehlt an pointierter Senfschärfe, an säuerlichen Spitzen, an Aroma. Einzig die drei Riesenstücke Fisch (Kabeljau, Zander, Lachs) sind überwiegend ordentlich gebraten, der Lachs ist aber zu trocken.

Auch die Nachspeise kann nicht an die Verheißung der guten Vorspeisen anschließen: In einer glühend heißen Suppentasse, vor der nicht gewarnt wurde, liegt trockener Apfel-Hafer-Crumble (9,50 Euro), dazu eine Kugel wässriges Joghurt-Eis und einige einsame Fäden Karamelsoße. "Man bleibt bei Besinnung", so fasst es unsere Begleitung hanseatisch höflich zusammen. Derweil ziehen auf der Elbe weitere Containerschiffe vorbei, ein alter Dreimaster macht am Fähranleger Halt, es tanzen Menschen an Deck, Balkan-Pop und Hitparaden-Humptata fliegen über ansonsten stille Wasser. Auf der Terrasse kichern sie nun ein bisschen, vereinzelt wippen Füße unterm Tisch. Hier ist aber auch was los! Von links schiebt sich ein Kreuzfahrtriese ins Bild und sorgt für erhöhte Emissionswerte, Passagiere winken, während wir ein letztes Glas Wein genießen und uns still über diesen Sommer freuen. Es ist ein Ort, an dem einem auch Küchenmittelmaß nicht die Laune verdirbt.