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Lokaltermin:Ox & Klee

Seit Jahren ist das Ox & Klee eine der ersten Adressen der Kölner Restaurantszene. Mit dem Umzug in die mondänen Kranhäuser am Rhein gibt sich das Lokal jetzt betont weltläufig. Schicker geht es kaum, ehrgeiziger aber auch nicht: neun Gänge als Überraschung.

Kranhaus 1. Die Adresse ist eine Ansage. Kölns Kranhäuser sind das neue, atemberaubende Gesicht der Stadt. Eindrucksvoll, wie die drei L-förmigen Wolkenbügel ihre Arme zum Rhein ausstrecken. Wie Weltöffner am Wasser, nur der Dom ist imposanter. Das ist seit September das ultra-urbane Setting für das neue "Ox & Klee". Daniel Gottschlich, Typ Christian Ulmen plus Tattoos, hatte genug von der braven Stube mit der viel zu kleinen Küche im Belgischen Viertel, in der er 2010 mit gerade 27 sein erstes Lokal eröffnet hatte. Die ohnehin hohen Ansprüche sind gewachsen. So sehr, dass er beim Umzug ins Kranhaus 1 Sergio Hermans Topadresse "The Jane" in Antwerpen als Messlatte erwähnte. Auch das ist eine Ansage. Messen wir nach!

Und bleiben erst mal beim Ambiente: polierter Estrich, edles Formholz, gläserne Wände, die den Blick vom ersten Stock aufs Wasser freigeben. Hier entfaltet sich eine herrlich minimalistische Grandezza mit skandinavischen und japanischen Anklängen, das rheinische Feierbiest mit Sinn fürs Urige ist hier eher nicht die Zielgruppe. Platz ist für 48 Gäste. Das Personal - es servieren, so wie es gerade in ist, auch die Köche - bewegt sich ungezwungen, ist gut informiert und unaufdringlich. Das alles wirkt weltläufig, angenehm lässig und mehr als gelungen. Mal sehen, ob die Küche da mithält. Konzept und Preise sind trotz des Umzugs gleich geblieben. Serviert werden ausschließlich Überraschungsmenüs mit vier bis neun anspruchsvollen Gängen (69 bis 144 Euro).

Zum Glas Winzersekt kommt auch schon das erste Amuse, gebeizter Saibling mit Entenleber, Birne, Pilzen und gerösteter Petersilie. Interessant, aber noch nicht so frech wie der nächste Gruß: Schweinebäuchlein, ein leicht gestocktes Eigelb mit klarer Shiitakee-Sauce und jungem Knoblauch, dazu ein Sardinencracker. Doch es ist die Brotbeigabe, die deutlich ankündigt, dass Gottschlich, der auf dem Bonner Petersberg gelernt hat, an der Grenzüberschreitung interessiert ist: herb kakaoiges Schokoladenbrot, knusperfrische Zitronenbrötchen, Sauerteigbrot zu kräftig gesalzener Butter. Sehr schön!

Schon jetzt erweist sich, dass der gewählte Wein, ein fruchtiger Grauburgunder von Dr. Heger, hier gut mittanzen kann. Nun wird eine kleine Berühmtheit aufgetragen, das Maggi-Ei. Bereits am alten Standort erfreute sich dieser essbare Treppenwitz größter Beliebtheit. Zu Recht. Der Eischaum mit dem provokant naturbelassenen Liebstöckel, in eine akkurat geköpfte Eierschale gefüllt, gemahnt liebevoll und lustig an sündige Würzgewohnheiten aus Kindertagen.

Der nächste Gang ist vegetarisch und ein heiß-kaltes Spiel der Texturen, eine Knollensellerievariation mit rohem Salat, leicht gedünsteten hauchdünnen Scheiben und Parfaitkugeln in Apfel-Kaffee-Gel mit Vanillepünktchen. Es folgt der fette Auftritt einer auf der Haut gebratenen Makrele, kräftig aufgemischt von Ingwer, grüner Pfefferschote und gerösteten Kokosraspel - wunderbar. Und die Küche gönnt dem Gast keine Pause, ein richtiger Rausch soll es sein: Weiter geht es mit Gemüse, das in Vadouvan eingelegt ist. Leider egalisiert der dominante Masalageschmack hier einiges, sodass man Mühe hat, Topinambur und Möhrchen zu identifizieren. Wunderbar dagegen das Pesto mit Sonnenblumenkernen. Wieder wird süße Kälte dagegengesetzt, diesmal ein Mandelparfait.

Die beiden Fleischgänge haben eine hoch interessante Begleitung, doch leider enttäuscht die Hauptsache: das Fleisch. Ewig gegarten Schweinebauch und Kalbshaxe hat man schon deutlich zarter gegessen. Die gerösteten Topinamburschalen, kombiniert mit Pampelmusenfleisch, Zwiebeln und Meeräschenrogen setzen sich indes positiv ab. Und erst recht der Holundersud zur Haxe, mit seinen intensiven Scheibchen von Kapernäpfeln. Der Klecks Kartoffelpüree ist das i-Tüpfelchen der Komposition: Er ist Geschmacksträger für lilafarbenes Lavendelparfüm - vielleicht eine Spur zu aufdringlich.

Die Performance des Personals ist großartig. Eine logistische Meisterleistung der Häppchenzustellung. Der Gast hat längst den Überblick verloren, zumal es keine Karte gibt, anhand derer er den Stand der Dinge nachvollziehen könnte. Das ist auch schade, denn Speisekarten können Genuss hier und da durchaus nachvollziehbarer machen.

Die Pâtisserie meldet an, dass sie jetzt übernimmt, mit einem winzigen Gewürzbrioche, Banane und Ziegenmilcheis. Auf die erneute Kälteattacke reagiert der Magen leider zunehmend empfindlich. Aber das erste Dessert ist köstlich, eine Crème anglaise mit sämiger, weißer Schokolade, Orangenjus und Marzipan. Darüber gestreut sind prickelnde Sommersprossen aus Muskatblüte. Vor dem Käsegang wird der Gast mit intensivgrünem Apfelgeschmack erfrischt: herrliches Buttermilcheis, Weizengras und karamellisierter Apfel mit Crunchies.

Man darf Daniel Gottschlichs Menü im besten Sinne urban nennen, und es passt damit hervorragend zur neuen Adresse. Ein ausdrucksstarker, extrem rasanter und ja: oft amüsanter Abend. Reizüberflutung mit Ansage. Mit kleinen Schwächen beim Fleisch. Als Gast sollte man für diesen Aromentanz in neun Akten aber gewappnet sein, an einem eher unkonzentrierten Tag könnte sich mancher überfordert fühlen. Unter uns: Weniger Gänge tun es auch. Und das tut dann auch dem Geldbeutel ganz gut.