Lokaltermin Lokalino Karloff

Der "Geheimtipp-Italiener", zufällig entdeckt an einem lauen Urlaubsabend, ist eine Obsession der Deutschen. In Berlin gibt es ihn wirklich.

Der "Geheimtipp-Italiener", zufällig entdeckt an einem lauen Urlaubsabend in einer Seitengasse, ist eine kulinarische Obsession der Deutschen. Wer in Florenz oder Rom wieder nichts gefunden hat, sollte sich nach Berlin-Kreuzberg wagen, rät Fabienne Hurst. Dort serviert das Lokalino Karloff einfache Küche aus hervorragenden Produkten. Hier ist es so gemütlich, dass man ewig bleibt.

Achille Alessandro Farese löffelt Kaffeepulver in ein Sieb, stellt dieses in ein Edelstahlgefäß mit Wasser, schraubt eine kleine Kanne drauf und stellt die Gerätschaft auf den Kopf. "Jetzt muss man fünf bis zehn Minuten warten", erklärt der Gastronom, nämlich bis der Kaffee durchgetropft ist. "In dieser Zeit kann man einfach rausgucken und über seine Zukunft nachdenken", sagt Farese grinsend. So stellt er in einer Online-Video-Anleitung nicht nur den Caffè Napoletano vor, sondern gleich seine ganze Philosophie. Farese hat die Langsamkeit für sich entdeckt, beim Kaffeekochen ebenso wie beim Essen.

In Kreuzberg hat er das kleine Restaurant "Karloff Lokalino" eröffnet. Hier gibt es keine wagenradgroßen Holzofenpizzen, keine dampfenden Spaghettiportionen, die bald sattmachen. Stattdessen: viele verschiedene kleine Gerichte, die sogenannten sfizi, das heißt übersetzt so viel wie "kleine Launen", die als vier- oder sechsgängige Menüs (38 und 48 Euro) serviert werden. Nach und nach wandern hier neapolitanische und sizilianische Klassiker im Miniaturformat auf den Tisch, alle frisch in der winzigen Küchenzeile hinterm Tresen zubereitet.

Den Anfang machen Fritelle, kleine krapfenförmige Teigbällchen mit eingebackenen Algen, die in Mayonnaise gedippt werden. Ebenfalls frittiert wurde die Minipizza "Montanara" mit Tomaten und Anchovis, die in frischem Öl ausgebacken herrlich knusprig und intensiv schmeckt, nach hervorragenden Produkten eben, die Italiens einfache Küche besonders zelebriert. Weil es in Neapel nach dem Zweiten Weltkrieg an allem fehlte - etwa an Mozzarella und frischem Gemüse - mussten sich die Pizzabäcker etwas überlegen, um ihre Ware schmackhafter und gehaltvoller zu machen. Also warfen sie die mit Tomatenmark bestrichenen Teigstücke in heißes Fett und erfanden so die "pizza fritta". Auch heute möchte man das schlichte Gericht um keine einzige Zutat erweitern oder sonstwie modernisieren.

Mit Glück erwischt man im Lokalino einen Tag, an dem der Chef "Arancini" macht. Reisbällchen, mit Fleischragout gefüllt und so goldgelb frittiert, wie es nur Siziliens beste Bäckereien hinkriegen. Dort gelten die üppigen Kugeln fast als Kulturerbe. Bei Farese sind sie kleiner und weniger fettig. Er verleiht den Klassikern der italienischen Straßenküche nur durch sorgfältig ausgewählte Zutaten und kleine Portionsgrößen mehr Eleganz, ohne deren Ursprünglichkeit aufzugeben. Fast hat man vergessen, dass man in Berlin sitzt, und nicht etwa in Neapel oder Palermo. Irgendwo in einer ganz untouristischen Seitengasse, wo man endlich diesen einen Laden gefunden hat, von dem die Einheimischen alle reden.

Zum Frittierten empfiehlt die Kellnerin einen "Falanghina del Sannio", naturtrüber Schaumwein aus Kampanien, mineralisch, spritzig, frisch und herb. Er gleicht die Schwere der Vorspeise optimal aus. "Im Sommer ist der unglaublich, oder?", fragt sie aufrichtig entzückt. Überhaupt bestimmt hier keine verschwurbelte Kennerschaft über die Auswahl der Weine, eher intuitive Begeisterung und Sammelleidenschaft. Die Weinkarte wechselt täglich, man macht sich erst gar nicht die Mühe, die Namen und Jahrgänge umständlich anzupreisen. Es ist eher wie bei guten Freunden, die aus dem Urlaub einen neuen Lieblingstropfen mitgebracht haben.

Eigentlich ist Achille Farese Architekt, Fotograf und Musiker - und über Umwege vor zwölf Jahren in Berlin gelandet. Seitdem macht er italienische Konzeptküche. Erst in einem Supper Club, dann im Restaurant "Limone", das er in der Familienvilla von Freunden in Mecklenburg eröffnete. Vor zwei Jahren entstand dann das Lokalino Karloff, benannt nach der Schauspielerlegende Boris Karloff, weil die Lugosi Bar direkt nebenan ist. Farese erschien es logisch, dass sich neben Bela Lugosi, dem Dracula aus den 30er-Jahren, nur Frankenstein-Darsteller Karloff ansiedeln kann. Ein stilisiertes Kachelmosaik erinnert an das Gesicht der Horrorfilm-Ikone. Es ist etwas düster im Karloff: Die sieben kleinen Tische sind ebenso schwarz wie die Stühle und die Kacheln, dazu nackter Steinboden, dunkle Wände und schummriges Licht, das von ein paar Kerzenergänzt wird. Vor dieser puristischen Kulisse wirken die Speisen umso eindrucksvoller.

In einem Satz

Einfache, aber erstklassige italienische Küche zu tollen Weinen in gemütlicher Atmosphäre, in der man stundenlang verweilen will - und darf.

Qualität: ●●●●○

Ambiente: ●●●●○

Service: ●●●●○

Preis/Leistung: ●●●○○

Schnörkellose Teller wie Burrata mit Parmaschinken, die völlig von der Qualität der Zutaten leben. Dazu gibt es frisch geröstete Pesto-Crostini und selbstgebackene Grissini. Die würzige Tagliata vom Hohenloher Weiderind ergänzen nur einige Blätter Rucola sowie tolle, hausgemachte Kartoffelchips. Kurz erfrischen roh marinierte Zucchini-Streifen mit Ziegenkäse und Minze, sodass man auf den Höhepunkt der Karte vorbereitet ist: "Scombro Confit", eine confierte, also im eigenen Fett gegarte Makrele mit zwei Pürees und gebackenen Kirschtomaten. Herrlich! Einziger Schwachpunkt des Menüs ist das zu üppige Zitronenrisotto mit Orangenzesten, auf dem sich eine einzelne Wildfanggarnele verirrt hat.

Das Karloff ist das ideale Lokal, um Genuss mit einem Tischgespräch zu verbinden, denn die Speisen sind nicht nur gut, sondern dabei so unprätentiös, dass sie nicht lange thematisiert werden, ein Luxus, der in den besseren Berliner Lokalen inzwischen leider Seltenheitswert hat. Die fröhliche Kellnerin schafft ohne Gewese einfach immer weiter Köstlichkeiten herbei. Für den süßen Schluss sorgen der Klassiker Tiramisu und ein Millefoglie, also knuspriger Blätterteig, Vanillecreme und eingelegte Erdbeeren. Ein Dessert, das die Italiener sich bei den Franzosen abgeguckt haben und das ausgezeichnet mit Fareses neapolitanischem Kaffee harmoniert. Natürlich dem aus der Schraubkanne.