Lokaltermin Henne.Weinbar

Foodsharing ist kein Garant für gute Abende. Doch sind Gerichte so spannend wie in der "Henne.Weinbar" in Köln, dann ist ein geteiltes Essen ein Fest.

Von Fabienne Hurst

An immer mehr Tischen wird das Essen jetzt geteilt, in manchen Restaurants wirkt man als Gast fast aus der Zeit gefallen, wenn man einen Teller für sich allein bestellt. Dabei ist das Prinzip Foodsharing alles andere als ein Garant für gute Abende, denn oft bleibt man hungrig. Ausnahmen gibt es natürlich: Wenn Gerichte so spannend, Portionen so klug kalkuliert und Kellner so aufmerksam sind wie in der Henne.Weinbar in Köln, dann wird ein Menü aus gemeinsamen Schüsseln zum Fest.

Alle machen plötzlich Foodsharing. Egal ob bei Tapas, Mezze oder den Sfizi aus Italien, ständig muss man Essen teilen. Auch wenn es in noch so winzigen Portionen kommt. Am Ende hat man fast nichts im Magen, dafür viel Alkohol im Kopf und trotzdem einen leeren Geldbeutel. "Sharing is caring" - dieses zuletzt in der Gastronomie arg strapazierte Motto mag sozial gemeint sein, ist aber eher kein Garant für gute Abende.

Auch in der "Henne.Weinbar" von Hendrik Olfen soll laut Webseite gern und viel geteilt werden. Der 35-Jährige war mal Produktentwickler beim Nudelfranchise "Vapiano", stand später als zweiter Küchenchef im Kölner Sternerestaurant "La Société" am Herd und eröffnete schließlich vor einem Jahr seine eigene Weinbar in der Kölner Innenstadt. Weinbars sind eigentlich ein praktischer Trend. Das Essen darf eine Nebenrolle spielen, was die Erwartungen niedrig hält. Aber irgendwas muss doch dran sein an diesem Lokal, die Mundpropaganda läuft bestens, und Hennes.Weinbar ist selbst mittwochabends fast ausgebucht. Geschäftsleute, internationale Gruppen, verliebte Pärchen - sehr unterschiedliche Gäste haben sich in dem etwas düsteren Raum versammelt. Die Glasfassade verdunkeln schwere schwarze Vorhänge, dazu schwarze Wände und Esstische mit schwarzen Glasplatten. Die goldgelben Spotlights sind leider etwas unregelmäßig angebracht. Wer Pech hat, sitzt fast im Dunkeln.

Die Karte ist eingeteilt in vier Kategorien (Snacks, Kaltes, Warmes, Süßes) à vier bis fünf kleine Gerichte, die man, natürlich, "am besten teilt", wie es der freundliche Service noch einmal empfiehlt. Hilfreich ist, dass tatsächlich jedes Gericht ausgesprochen interessant klingt und man am liebsten alles probieren will. Wir beginnen mit drei kalten Vorspeisen: Thunfisch, Sellerie und Forelle, (je 9 Euro). Und dazu eine herrlich jodige Auster, die mit knackigen Petersilienstielen und einer Johannisbeere serviert wird, was ungewöhnlich klingt, aber so gut funktioniert, dass wir noch ein paar nachbestellen würden, wären nicht schon die Vorspeisen auf dem Weg.

Der rohe Thunfisch kommt als dünne, handflächengroße Sashimi-Scheibe, garniert mit kleinen Perlen in drei Farben. Sie zerplatzen am Gaumen und setzen entweder Sojasauce, Honig oder Yuzu-Saft frei. Der "falsche Kaviar" ist einer der Klassiker aus der Molekularküche, bei der Flüssigkeiten durch ein pflanzliches Geliermittel verkapselt werden. Weil sich immer unterschiedlich viele Perlen einer Sorte auf der Gabel sammeln, schmeckt jeder Bissen anders. Weniger retroverspielt, aber mindestens genauso interessant ist das Tatar von der gebeizten Forelle. Das filigrane Aroma des Süßwasserfisches flankiert Olfen mit dem Umami von Bonitoflocken, also hauchdünnen Spänen des getrockneten Thunfischverwandten. Für Biss und Schmelz sorgen rohe Karottenwürfel und Avocado. Die Selleriecreme ist dann eher zurückhaltend gewürzt, für einen schönen Kontrast sorgt eine Garnitur aus Apfelstückchen, Pecannüssen und knusprig gebackener Hühnerhaut. Alle drei Gerichte sind für zwei Personen ideal portioniert, und das Glas Champagner des Traditionsweinguts Pol Roger passt perfekt. In dieser Weinbar muss man mitnichten ganze Flaschen bestellen, um die besten Tropfen serviert zu kriegen. Auch den Ratschlägen des jungen Sommeliers darf man vertrauen. Der erscheint nach der Bestellung der warmen Gerichte am Tisch: "Ich hab' gehört, ihr nehmt alles außer der Taube?" Sagt's und empfiehlt einen wunderbar komplexen Bandol-Rosé aus der Provence. Der steht nicht auf der Karte und begleitet tatsächlich alle vier georderten Speisen erstaunlich gut.

Die Kartoffel-Gnocchi werden von einer Creme aus jungem Spinat begleitet, sowie hauchdünner Späne der Belper Knolle, einem Schweizer Hartkäse, der optisch an weiße Trüffel erinnert. Der "Fang des Tages" (10 Euro) besteht an diesem Abend aus einem prächtigen Stück Kabeljau, das glücklich machend frisch und zudem auf den Punkt gegart ist. Zum gegrillten Schweinebauch (9 Euro) gibt es knusprige Croutons, würzigen Zwiebelsud, Comté Käse und Meerrettich. Salzig, rauchig und rustikal gewürzt mit ganzen Senfkörnern, entfaltet dieser durch und durch stimmige Teller eine Wucht, bei der nicht alle Gerichte mithalten können. Die gegrillten Cherry-Tomaten mit Hummus, Frischkäse und der arabischen Zatar-Gewürzmischung (8,50 Euro) flachen daneben etwas ab. Wobei sie vielleicht auch einfach nur das Pech haben, dass das Schwein im Schälchen nebenan so ein Knaller ist. Zudem ist es erfreulich, dass auf der kleinen Karte immerhin drei solide vegetarische Gerichte zu finden sind.

Und dann sind da ja auch noch die Desserts! Wer sowohl die Buchweizen-Buttercreme mit Zitrone als auch die französische Käseauswahl links liegen lässt und sich stattdessen für die Churros entscheidet, wird im besten Fall mit einer geschmacklichen Zeitreise in die Kindheit belohnt. Zu den langen Stangen des warmen, knusprigen und in Zucker gewälzten spanischen Schmalzgebäcks gibt es eine Kugel leicht gesalzenes Nutella-Eis - eine Nachspeise wie ein Kirmesspaziergang. Nur allzu viel kann man von der süßen Kalorienbombe nicht vertragen, aber dafür ist man ja auch zu zweit.

Am Ende versöhnt diese Weinbar mit ihren klug kalkulierten Portionen und interessanten Kombinationen, die an den Tischen unweigerlich zum Gesprächsthema werden, selbst den größten Tapasmuffel mit dem Foodsharing-Konzept. So smart wird man ja gern missioniert.

In einem Satz

Endlich einmal eine Weinbar, in der das Essen nicht nur Begleitung, sondern eine kleine Genussreise ist.

Qualität: ●●●●●

Ambiente: ●●●○○

Service: ●●●●●

Preis/Leistung: ●●●●●