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Lokaltermin:Dschungel-Diät

Gesundes Essen hat eine neue Adresse in Berlin: Im hippen Daluma gibt es Chia-Samen, Algen und rohen Wirsing.

Gesundes Essen hat eine neue Adresse in Berlin: Im hippen Daluma gibt es Chia-Samen, Algen und rohen Wirsing. Hübsche Diät, findet Harriet Köhler. Aber muss es im Lokal jetzt so schmecken wie bei der Dschungelprüfung?

Man sollte Yoga-erfahren sein, sonst wird es ungemütlich. Denn die letzten freien Plätze oben auf dem Podest bestehen bloß aus Kissen vor weißen Kisten, man muss also zusehen, wie man seine Gliedmaßen drumherum drapiert. Aber Yoga machen garantiert eh alle in dem hellen, schlicht möblierten Raum: die frisch vom Bart befreiten Männer genauso wie die Frauen mit den runden Oversize-Brillen. Vorbei die Zeiten, da Rohkost etwas für Reformhausgänger war und Veganismus für Animal-Peace-Mitglieder. Was einst als Körnerfraß verschrien war, heißt heute "Superfood" und ist nirgends so hip wie hier, im Daluma in Berlin-Mitte.

Das Konzept ist einfach: Es gibt kalt gepresste Säfte und Smoothies, deren Wirkung auf den Körper gleich mitbeworben wird, dazu Frühstück, Salate und Hauptgerichte, bei denen man jeweils ein Basisgericht mit verschiedenen "Toppings" kombiniert. Fast alles ist vegan, vieles auf Rohkostbasis. Bestellt wird bei dem netten Typen mit dem Bloggerinnendutt am Tresen.

Manches davon schmeckt durchaus, so ist es ja nicht. Die Tagessuppe etwa, eine klare "Gemüse-Dashi" hat Kraft und sogar Tiefe (4,30 €). Oder der Zucchini-Karotten-Salat mit "Alge-Mango-Filling": Da trifft zartes, rohes Gemüse auf knackige Kelpnudeln (aus Braunalge), Mangowürfel setzen hie und da Akzente, Stangensellerie sorgt für etwas Würze, das Cashew-Kräuter-Dressing ist mild, aber nicht unsubtil - das gefällt, ja, man fühlt sich sofort irre gesund (8,50 €).

"Run, Forest", ein Saft aus Fenchel, Stangensellerie, Apfel, Gurken, Zitrone, Spinat, Petersilie, Minze und Ingwer, ist fast so gurkig-scharf wie ein guter Moscow Mule, bloß halt ohne Verdünner (5,70 €). Und auch das Quinoa mit Mandel-Limetten-Topping knurpst man zunächst ganz gern - das Getreide hat Biss und Geschmack, die nussige Sauce dank Ingwer und Limette eine gute Frische. Doch nach ein paar Bissen wird ein Problem offenbar, das symptomatisch für diese Küche ist, in der es erst um die Gesundheit und dann erst um den Geschmack geht: Man sehnt sich nach Kontrast in dem auf Dauer faden und durch die Mandelbutter brutal mächtigen Gericht. Nach etwas, das raffiniert schmeckt und nicht nur so klingt.

Bei den Linsen ist es genauso. Sie kommen mit einem Topping aus Tahin, Puntarelle, Granatapfel, Khaki, Kürbiskernen und allerlei anderen Zutaten daher, sind aber so massiv, dumpf und trocken, dass man nichts mehr schmeckt von all der Zier. Man fühlt sich eher so, als würde man Erde kauen - ein Eindruck, den die sämige Sesamsauce noch unterstützt (8,60 €).

Auch die Desserts leiden am Nuss-Overkill, das "Ipanema Girl" (Mangocreme auf Cashew-Kokosbasis) so wie "Hell Yeah!", ein aus Rohkakao und Erdnusscreme nachgebautes Schokotörtchen, bei dem einem nach zwei Gabeln so flau ist, als hätte man vier Stück Torte verdrückt - "Oh No" wäre der bessere Name gewesen (3,90 €).

Daluma in Kürze

Berlins bestes Lokal für alle, die sich kurz vor dem Wochen-Workout stärken wollen; man weiß ja: Obst und Nüsschen!

Qualität: ●●○○○

Ambiente: ●●●●○

Service: ●●●●○

Preis/Leistung: ●●●○○

Wer nun einen "Green Giant" ordert und hofft, dass der, wie beworben, den Körper wieder ins Gleichgewicht bringt, erhält einen Brei aus Papaya, Traube, Gurke, Petersilie, Spinat, Limette, Kokosblütenstaub, Minze und Spirulina, der wie Tiefkühl-Spinat aussieht und nach überhaupt rein gar nichts schmeckt - abgesehen vom Hauch gemähter Wiese im Abgang (5,70 €).

Bleibt die Frage, ob es sein kann, dass die Geschichte der Kulinarik ein einziger Irrtum war? Klar, nicht alles, was der Mensch seit Entdeckung des Feuers an Gerichten erfunden hat, ist seiner Konstitution förderlich. Aber dass sich ausgerechnet die angeblich ungesündeste Zubereitungsform (das Kochen) durchgesetzt hat? Und ausgerechnet die angeblich gesündesten Zutaten (Spirulina, Hanfprotein, roher Grünkohl) bisher nicht? Obwohl. Wenn man den Chia-Pudding probiert, der sich im Mund wie etwas anfühlt, das für die Dschungelprüfung erfunden wurde . . . Kann schon sein, dass dieses "Superfood" irgendwo auf dem Weg in die Moderne vergessen wurde. Absichtlich.