Süddeutsche Zeitung

Lokaltermin:Belsers Restaurant

Nürtingen protzt nicht mit Sehenswürdigkeiten. Nun hat der frühere Privatkoch von Rupert Murdoch hier ein Restaurant eröffnet.

Nürtingen bei Stuttgart, die Heimat von Hölderlin und Harald Schmidt, protzt nicht gerade mit Sehenswürdigkeiten. Doch seit der frühere Privatkoch von Rupert Murdoch hier Belsers Restaurant eröffnet hat, wird die schwäbische Kleinstadt immer attraktiver. Unser Autor macht hier neuerdings gern Staupause von der baustellengeplagten A 8.

Der ewige Stau auf der Autobahn A 8 zwischen Stuttgart und München hat auch sein Gutes. Wer nicht wieder vor der Dauerbaustelle am Aichelberg feststecken will, sollte die Ausfahrt Wendlingen nehmen und (kurz) bis Nürtingen fahren. Es gibt kaum einen besseren Ort als "Belsers Restaurant", um einen Stau abzuwarten.

Sehr viel mehr Gründe, um nach Nürtingen zu fahren, gibt es ehrlich gesagt nicht, mal abgesehen davon, dass Hölderlin-Fans womöglich schätzen, dass der Dichter hier seine Jugendjahre verbrachte. Genau wie Harald Schmidt übrigens, der sich kulinarisch jedoch nur noch an das "Hutzelmännle" erinnert, eine Frühform der Pommes-Bude in der Nähe des Bahnhofs.

Obwohl das Restaurant von Christer Belser direkt am Marktplatz liegt, ist es leicht zu übersehen. Eher zufällig entdeckt man auf der Scheibe eines neueren Gebäudes den Schriftzug, ein bescheidener Auftritt, der später mit dem Charakter des jungen Küchenchefs durchaus in Einklang zu bringen ist. Uns hatte ein Tipp aus der Lokalzeitung auf die Idee gebracht, hier zu essen. Darin war eine fast hölderlinsche Hymne vom "neuen Stern am Küchenhimmel" gesungen worden, ja von einem "regelrechten Gedicht" auf dem Teller war die Rede.

Und tatsächlich beginnen die Annehmlichkeiten schon im Gastraum, der endlich mal nicht mit schwäbischem Furniercharme um Gemütlichkeit bettelt: blanke Holztische, schön eingedeckt mit weißen Stoffservietten und Tellern von schlichter Schönheit. Die modernen dunklen Stühle und die tief hängenden Lampen passen gut dazu. Es ist Mittwochabend, nur vier der zwölf Tische sind besetzt. In dem Gebäude befand sich bis vor ein paar Jahren das Möbelhaus von Christer Belsers Großvater. Der erst 27-jährige Küchenchef ist nach Reisen durch die halbe Welt vor Kurzem zu seinen familiären Wurzeln zurückgekehrt. Einiges davon ist dem Vorwort zur Speisekarte zu entnehmen, wo Belser ein wenig von seinem Lebensweg berichtet. Man könnte das als Großmäuligkeit abtun, aber warum sollte der Koch seine bisherigen Stationen verschweigen? Zumal Belser Privatkoch von Rupert Murdoch in Melbourne war und später sogar die norwegische Königin Sonja am Hardangerfjord bekochte. Jetzt also Große Kreisstadt Nürtingen. "Mein Traum war immer mein eigenes Restaurant", schreibt er selbst. Wir sind nun gespannt und blättern um.

Als Erstes fällt auf, dass der Koch offenbar gern Türmchen baut. Ein "Türmchen vom rosa gebratenen Kalbfleisch" findet sich unter den Vorspeisen (13,50 Euro), und das, so viel Gehässigkeit muss erlaubt sein, will man jetzt sehen. Die junge Bedienung ist ausgesprochen freundlich und das mit der Weinauswahl wird sie sicher noch lernen. Irgendwie ist es ja auch sympathisch, wenn sie sagt, sie müsse sich da erst einmal in der Küche informieren. Dann bringt sie einen Riesling vom Jurakalk aus dem Hause Dolde. Ein absolut bemerkenswertes und sehr kleines Weingut am Rande der Schwäbischen Alb. Dafür möchte man schon "Juhu" rufen.

Auch das Türmchen weiß dann jedes Lästermaul zu stopfen: getrocknete Tomaten, frische Artischocken und Rucola, so liebevoll geschichtet, dass die Gabel ihr zerstörerisches Werk nur ungern verrichtet. Der dazu servierte Balsamico ist nicht alt, sondern uralt und ein wunderbarer Freund des rosaroten Kalbs. Auf dem Teller gegenüber: Carpaccio von der Ochsenherz-Tomate mit einer knusprigen Zigarre vom Ziegenfrischkäse (11,50 Euo). Schon jetzt ist klar, dass sich die Fahrt nach Nürtingen gelohnt hat.

Durch eine Glasscheibe kann man dem Küchenchef bei der äußerst konzentrierten Arbeit zusehen. Die Entscheidung für den Hauptgang fällt leicht: Wenn schon "Belsers Klassiker" auf der Karte steht - geschmorte Rinderbacke in Barolo-Jus für 23,50 Euro - dann muss das sein. Bei Schmorgerichten zeigt sich ja, wie ernst es der Küchenchef mit der im Kartenvorwort annocierten Leidenschaft hält. Reden wir nicht drumherum: Mit Superlativen sollte man geizig sein, aber von jetzt an muss sich jede Rinderbacke an Belsers sensationeller Variante messen lassen. Ein leichter Druck der Zunge und die Backe zerfällt in köstlichste Einzelteile und ist dennoch nicht trocken. Dazu gibt es herrliche Kartoffelmousseline und gebratene Lauchzwiebeln.

In einem Satz

Kaum sieben Kilometer Umweg sind es aus dem A-8-Stau in Belsers Restaurant, das aber auch ohne Verkehrsinfarkt ein echtes Ziel ist.

Qualität: ●●●●●

Ambiente: ●●●●○

Service: ●●●○○

Preis/Leistung: ●●●●○

So geht es weiter: Beim fehlerfrei gebratenen und perfekt angerichteten Filet von der Dorade Royal ist Belsers liebevoller Ehrgeiz bis in jedes Detail der Beilagen zu schmecken: Kartoffel-Oliven-Écrasé, Pinienkerne, sautierter Babyspinat und eine sorgsam reduzierte Tomaten-Glacé. Das Schokoladentörtchen mit flüssigem Kern zum Dessert mag auf vielen Karten zum Inventar gehören, aber bei Belser eben viel besser als vielerorts, was auch dem Twist durch das Mango-Sorbet ( 9,50 Euro) zu verdanken ist.

Es wird wohl noch etwas dauern, bis sich herumgesprochen hat, dass die Pommes aus dem "Hutzelmännle" am Bahnhof nicht das kulinarische Ende der Nürtinger Fahnenstange sind. Doch Besler muss schon deshalb durchhalten, weil Großvaters ehemaliges Möbelhaus ihm diese Chance geboten hat. Bis dahin wünscht man ihm, dass die Fertigstellung der A 8 noch lange dauert und der Stau ihm neue Gäste beschert.

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Quelle:
SZ vom 20.08.2016
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