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Lifestyle:Waldbaden ohne Wald

Wie soll ein Sofakissen mit aufgedruckten Baumkronen im Frühtau von Juniqe den Morgenspaziergang ersetzen?

(Foto: Junique)

Parfum, Tapete, Sofakissen: "Forest Bathing" ist ein einträgliches Geschäft geworden - mit nicht immer ganz naturnahen Produkten für den Stressabbau zu Hause.

Angenommen, eine dieser Großstadt-Manufakturen für Parfum, deren Essenzen in schlichten Apothekenfläschchen meistens zu viel kosten, sucht den geeigneten Namen für eine neue Kreation. Die riecht harzig, irgendwie geheimnisvoll, nach Wipfeln und mystischem Geraune - was wäre naheliegender als etwas mit "Wald"? Und genau so haben die Duftmischer der schicken Marke Euphorium Brooklyn ihre erdige Mixtur getauft: auf das schöne deutsche Wort Wald. Brooklyn und der germanische Forst, das ist schon eine bizarre Paarung. Aber es scheint auch in New York City keinen besseren Begriff zu geben für das schwärmerische Verlangen nach Natur und innerer Einkehr.

Gisela Immich findet das gar nicht überraschend. Die Wissenschaftlerin forscht am Lehrstuhl für Public Health der Ludwig-Maximilians-Universität München über den Zusammenhang zwischen Landschaft und Wohlergehen und weiß: "Die Deutschen lieben ihren Wald besonders." Das hat sich auch 200 Jahre nach der beseelten Romantik nicht geändert, gilt im Ausland als urdeutsch - und ist ein lukrativer Markt.

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Seit "Forest Bathing", dem Spaziergang durch das dichte Grün der Bäume, ein heilender Effekt auf Körper und Seele zugeschrieben wird, sind wir hierzulande besonders eifrige Waldbadende. "Im internationalen Vergleich dürften bei uns die meisten Bücher über Waldtherapie erschienen sein", sagt Immich. Und Ähnliches gilt neuerdings für Produkte im Sog des Trends, sozusagen die Substitutionstherapie: Kosmetik, Räucherstäbchen, Wohnaccessoires, die das beruhigende Eintauchen ins Unterholz zu Hause simulieren. Waldbaden ohne Wald.

"In der Tat wird das Thema in allen Facetten gespielt", erklärt Gisela Immich. So nüchtern kann man das ausdrücken - aber die Ergebnisse dieses Spiels sind teilweise schon absonderlich. Die Inneneinrichtungsfirma Pixers preist ihre Tapeten mit "Waldbad-Motiven" als besonders beruhigend an. Nur dürfte von den eigenen vier Wänden bei der Variante "Spending Time In The Tropics" mit hyperrealistischen Ananasfrüchten und Palmwedeln eher ein absinthgrünes Pulsieren ausgehen. Die ehrwürdigen Mammutbäume auf der Wandbespannung "Old Growth" von Flavor Paper sehen zwar schön majestätisch aus. Nur: Macht die gute alte Fototapete das Schlafzimmer jetzt plötzlich zum Shinrin-Yoku-Pfad? Wie soll ein Sofakissen mit aufgedruckten Baumkronen im Frühtau von Juniqe den Morgenspaziergang ersetzen?

Shinrin-Yoku ist der Ursprung des Waldbadens, eine japanische Wortschöpfung, mit der das Forstministerium in Tokio die Menschen in den Achtzigerjahren anregen wollte, mehr in die Natur zu gehen. Inzwischen gilt die positive Wirkung von regelmäßigen Aufenthalten im Wald als erwiesen. Studien haben den stimmungsaufhellenden Einfluss der Phytonzide untersucht. Die organischen Verbindungen, die Pflanzen ausströmen, um Bakterien oder Pilze abzuwehren, sollen beim Einatmen den Blutdruck senken und die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol verringern.

Kann eine Duftkerze den Wald ins Wohnzimmer bringen?

(Foto: shirin-yoku)

Japanische Ärzte können sich auf "Waldmedizin" spezialisieren, ähnliche Konzepte werden in Deutschland für therapeutische Berufe entwickelt. Soweit der professionelle Ansatz. Eine Bodylotion namens "Tree of Life" oder "White Forest", das Hautserum oder Duschgel mit Plastikverschluss im gemaserten Holzmuster versuchen da bloß, auf einer einträglichen Welle mitzureiten. Wellness, ob im Wald oder im Spa, ist ein Milliardenbusiness, das noch lange nicht ausgereizt ist.

Was die Versuche betrifft, den Geruch von Bäumen und Gehölz künstlich nachzuahmen, so sind die alles andere als neu. Natürlich florieren gerade Duftkerzen und Eau de Toilette mit waldigem Tannen- oder Lindenblütenaroma. Plötzlich scheint die halbe Welt botanisch geschult zu sein, so kennerhaft werden die pflanzlichen Noten in Concept Stores erschnuppert.

Die "Temple Of Leaves"-Kerze von Tatine duftet nach Zypressen. Lunea hat edel aufgemachtes Badesalz mit Nuancen von Schwarzfichte im Sortiment. Früher waren Parfümeure vor allem von dem Geruch von Farn fasziniert. In der Natur kommt das Gewächs in unzähligen Varianten vor und kann nach Heu, Moschus oder sogar Veilchen riechen. Fougère als synthetischer Duftstoff wurde erstmals um 1882 in Frankreich auf den Markt gebracht. Die angeblich besonders männliche Komposition mit Eichenmoos ist bis heute eine Grundzutat für Rasierwasser und sprach 2011 auch Donald Trump an, als der ein After Shave auf den Markt brachte. Duftfamilie: farnig. Der Name: Success.

Gisela Immich sagt, dass der olfaktorische Wald-Fake zu Hause am ehesten funktioniert. "Wir können durch Hilfsmittel wie Duftsprays Erinnerungen an frühere Waldbesuche wachrufen." Inwieweit die Erinnerung den Blutdruck senkt oder auch Stress abbaut, ist die Frage. "Aber sie kann dazu führen, dass die Menschen tatsächlich wieder in den Wald gehen." Zurück zur Natur also, über den Umweg der Illusion.

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