LifestyleEine Jacke für den Terminator

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In der Survival-Superjacke mit dem Namen "Full Metal Jacket" sind elf Kilometer Kupferfaden verarbeitet.
In der Survival-Superjacke mit dem Namen "Full Metal Jacket" sind elf Kilometer Kupferfaden verarbeitet. (Foto: Vollebak)

Eiszeit, Dürre, Pandemie: Die britische Marke Vollebak entwirft Kleidung, mit der man auf den Weltuntergang bestens vorbereitet ist.

Von Jan Kedves

Wird man sich noch um Mode scheren, wenn die Welt bald untergeht? Die Frage mag schrecklich dramatisch klingen, aber sie beschäftigt nicht nur die Mode-, sondern die gesamte Bekleidungsindustrie. Erstere leidet unter den Effekten des Corona-Lockdowns, wie kürzlich in einer großen Recherche der New York Times mit dem Titel "Sweatpants Forever" zu lesen war. Darin sprachen Designer wie Marc Jacobs über den ökonomischen Niedergang ihrer Marken, der sich zwar schon länger abzeichnete, aber durch Corona noch beschleunigt wurde.

Die Bekleidungsindustrie freut sich hingegen. Denn das Einzige, was derzeit laut New York Times gut läuft, ist nicht Mode, sondern Kleidung "that feels like the sartorial version of a hug": Kleidung, die sich wie die textile Version einer Umarmung anfühlt. Ultrakuschelweiche Jogginganzüge etwa. Das wundert nicht in einer Zeit, in der Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen, wo es im Grunde egal ist, wie man aussieht, solange die Webcam aus ist.

Auch die Outdoor-Industrie profitiert gerade, vor allem von dem gestiegenen Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Sie hat schon in den vergangenen Jahren geboomt und dabei immer wieder stark die Mode inspiriert. Balenciaga-Mäntel waren teils kaum mehr von den Outdoor-Mänteln zu unterscheiden, die von Patagonia, The North Face oder Arcteryx angeboten werden. Ob sie technisch genauso ausgereift waren, blieb fraglich. Die Outdoor-Marken entwickeln ihre Produkte ja nicht für den Laufsteg, sondern fürs Abenteuer - weswegen man sie teils auch als Survival-Wear oder Tech-Wear bezeichnet. Vorhang auf für die britische Marke Vollebak. Sie versteht sich als "experimentellste Adventure-Marke der Welt".

Vollebak verkauft zum Beispiel eine "50.000 BC Jacket": einen wulstigen Hightech-Parka mit Riesenkapuze, über den sich prähistorische Menschen im Pleistozän auch gefreut hätten. Mit der Jacke kommt man nämlich, so das Vollebak-Versprechen, problemlos durch die nächste Eiszeit, durch "vulkanische Winter" und "Mega-Dürren". Und ja, jetzt wo es bald in die kältere Jahreszeit hineingeht, stellt sich diese Frage durchaus: Wird man noch viel Geld für einen supermodischen Wintermantel ausgeben wollen, einfach um damit ein paar Leute in der U-Bahn zu beeindrucken? Oder wird man sich 2020 nicht eher eine garantiert regen- und schneedichte Hightech-Winterjacke wünschen, die vierschichtig in der Schweiz aus wasserdichter Nylon-Membran, elastisierter Wolle und atmungsaktivem Polyester zusammengebaut wurde, mit der man dann auch weit unterhalb des Gefrierpunkts noch halbwegs gut gelaunt zur Arbeit radeln kann?

Vollebak wurde 2015 von den Zwillingsbrüdern Nick und Steve Tidball gegründet. Die beiden sind Extremsportler, sind schon gemeinsam Marathons durch die Wüste Namibias und durch den Amazonas-Regenwald gelaufen. Erfahrung als Werber haben sie auch: Als Kreativdirektoren haben sie in London für die angesehene TBWA-Agentur Marketingkampagnen für Adidas und Airbnb konzipiert. Die Idee, unter dem flämischen Begriff für "Vollgas" die fortschrittlichste Survival-Wear zu designen, die die Welt je gesehen hat, hatten sie vor Corona. Zum Beispiel, als sie eines Winters durchgefroren durch Gebirge rannten und dachten: "Wie toll wäre es, eine eigene Höhle zu haben, in die man kriechen kann, egal wo auf der Welt man sich gerade befindet."

Vollebak vermeiden streng das Wort Mode, was konsequent erscheint, denn sie denken nicht in Halbjahreszyklen oder Saisons, sondern, etwas großspurig vielleicht, in Jahrtausenden und Jahrhunderten. Ihre "100 Year Pants" verkaufen die Tidball-Brüder (Jahrgang 1979) mit dem Versprechen, dass sie absolut reißfest sei und "Feuer, Natur, Wasser und den Rest dieses Jahrhunderts" überstehe. Man könnte diese Hose also noch an seine Kinder und Kindeskinder vererben, was schön umweltbewusst wäre - wenn es die Menschheit dann noch gibt.

Die größte Aufmerksamkeit erregt gerade ihre neue "Full Metal Jacket". Deren Name spielt auf Stanley Kubricks gleichnamigen Vietnamkriegsfilm von 1987 an, wodurch eine ausreichend endzeitliche Stimmung schon garantiert ist. In dieser Survival-Superjacke für 995 Euro sind elf Kilometer Kupferfaden verarbeitet, sprich sie besteht zu 65 Prozent aus Metall. Dennoch ist sie anschmiegsam, wasser- und winddicht sowie atmungsaktiv. In ihr soll die Besonderheit des Kupfers zum Tragen kommen: Es gilt als infektionsabtötend. Kupfer-Ionen haben eine schädigende Wirkung auf Krankheitserreger, nicht nur Bakterien und Pilze, sondern auch auf Viren. Studien zufolge bleiben Viren dank dieses "oligodynamischen Effekts" auf einer Kupferoberfläche maximal vier Stunden lang aktiv, was im Vergleich zu bis zu drei Tagen (auf Kunststoff und Edelstahl) kurz erscheint.

Schon die alten Ägypter wussten um diesen Effekt, weshalb sie Kupfer verehrten und in ihren Hieroglyphen mit dem Anch-Kreuz kennzeichneten, das ewiges Leben symbolisiert. So gesehen liegt der Gedanke, in einer virenlastigen Zeit Kupfer zu antiviraler Kleidung zu verarbeiten, nahe. Wenn man also mit einer Vollebak-Kupferjacke durch die Gegend läuft und Sars-CoV-2-Erreger aus Aerosolen oder Tröpfchen in der Luft auf die Jacke bekommt, wird man quasi automatisch zum Covid-Terminator. Das amerikanische Wired-Magazin, das sich um alles Supertechnologische und Zukunftsweisende kümmert, pries die "Full Metal Jacket" deswegen schon als "Viren killenden Mantel der Zukunft".

Vollebak wollen ihre Kunden für alle erdenklichen Extremsituationen und Dystopien mit ausgeklügeltster Textiltechnik rüsten. Ihre Website durchzuklicken, erinnert deshalb auch ein bisschen ans Doom Scrolling, jene Form des Medienkonsums, die vom Online-Wörterbuch urbandictionary.com so definiert wird: "Wenn man durch all seine Social-Media-Kanäle scrollt und dabei ständig nach der neuesten besorgniserregenden Nachricht über die nächste Katastrophe sucht." Warum denn nicht andersherum: Wenn schon alles den Bach runtergeht, die Gletscher schmelzen, die Wälder verdorren und ein Virus die Menschen auseinandertreibt, sollte man sich dann nicht erst recht noch mal so richtig schick machen und der Schockstarre mit der neuesten, völlig zwecklosen, unpraktischen Mode trotzen? Das wäre ein eher dandyesker und eskapistischer Gedanke. Aus Sicht der Tidball-Brüder wäre es ein viel zu wenig abenteuerlicher Gedanke.

Die Vollebak-Website zeigt von Wind und Wetter gegerbte Männer, nicht unbedingt mit grimmigen, aber doch mit sehr ernsten Gesichtern. Typen, die im Vollebak-Outfit dem Ernst des Überlebens fest ins Auge blicken. Nur Männer? Ja. Steve Tidball erklärt auf Anfrage, die Recherche und Entwicklung der Hightech-Materialien habe in den ersten Jahren so viel Fokus gefordert, dass sie mit Vollebak zunächst nur Menswear anbieten konnten. Aber: "Kleidung in Frauengrößen gehört definitiv zu unseren Zukunftsplänen." Das ist eine gute Nachricht. Denn die Männer wollen den Weltuntergang doch wohl kaum alleine überleben.

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