LebensartUnterm Pantoffel

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Viele Menschen pflegen zu Hause eine rigide Strumpfsockigkeit. Aber darf man von seinen Gästen verlangen, die Schuhe auszuziehen?

Von Violetta Simon

Es gibt diesen Witz von den Tausendfüßlern, die einen Stau vor der Arche Noah erzeugen, weil sie sich noch ihre Hausschuhe anziehen - ob müssen oder wollen, wer weiß das schon. Manchen gelten Hausschuhe als Inbegriff von Komfort, sie können es kaum erwarten, hineinzuschlüpfen. Andere ziehen beim Betreten der Wohnung zwar ihre Jacke aus, nicht aber die Schuhe. Doch was, wenn man zu Besuch ist: Soll man automatisch seine Schuhe an der Tür abstreifen? Oder nur, wenn sie vom feuchtwarmen Winter durchweicht sind? Vielleicht sogar eigene Pantoffeln mitbringen?

Während in Russland niemand infrage stellt, dass Besucher ihre Schuhe draußen lassen, und japanische Haushalte sogar spezielle Pantoffeln für den Toilettenbesuch führen, sind die Deutschen in dieser Frage hin- und hergerissen. Zwar ist es im Osten eher üblich, die Schuhe auszuziehen als im Westen. Einer Umfrage des Instituts Iconkids zufolge plädieren aber mit 53 Prozent nur die Hälfte aller Deutschen für Strumpfsockigkeit.

Nun kann man sich im Familienkreis oder unter Freunden absprechen, man kennt ja die Eigenheiten der Menschen, die einem am nächsten stehen. Komplizierter wird es, wenn man zum ersten Mal bei jemandem eingeladen ist. Man hat sich in Schale geworfen, eine Flasche Wein eingepackt, steigt die Treppen hoch - und steht plötzlich vor einer Ansammlung an Schuhen, die einem umgehend die Laune verderben können: Offenbar hat man sich bei dieser Einladung den Regeln des Hauses zu unterwerfen. Oder handelt es sich doch nur um vorauseilenden Gehorsam in der Annahme, dass der Gastgeber Angst hat um sein nicht versiegeltes Parkett, die Katze, das Krabbelkind, das um jeden Preis vor Alltagsschmutz bewahrt werden muss? Mittlerweile pflegen sogar junge Großstädter eine nonchalante Strumpfsockigkeit, die selbst die eigenen Eltern spießig finden würden. Andere enthüllen eine Schwäche für nachhaltige Schlappen aus der Wolle südamerikanischer Alpakas, in denen man Füße hat wie ein Yeti.

Das muss aber nicht für Gäste gelten. Sie sind der Situation ausgeliefert, in der sie gebeten werden, die Schuhe auszuziehen ("ich hoffe, das ist okay"). Schließlich hat der Besucher zwischen Tür und Angel, in Erwartung eines Abendessens in geselliger Runde, keine wirkliche Wahlfreiheit mehr, auch wenn er am liebsten sofort auf dem Absatz, keinesfalls jedoch auf Strümpfen, kehrtmachen würde.

Ein guter Gast will natürlich nicht negativ auffallen - ähnlich wie im Film "Die zwei Päpste", der gerade bei den Oscars im Rennen war: Da trägt der von Anthony Hopkins gespielte Benedikt beim privaten Treffen der beiden federleichte Prada-Loafer für die gute Stube, sein Nachfolger Franziskus dagegen klobige Straßentreter. Peinlich ist das nur dem Prada-Papst, der in dem Moment erkennt, dass sein Gegenüber auf Etikette keinen Wert legt.

Doch was sagen die Benimmexperten? Selbst der Knigge kennt keine verbindlichen Standards in dieser Frage. "Da wir in einem Land leben, in dem diese Gepflogenheit - anders als etwa in Japan - nicht selbstverständlich ist, kann nur individuell entschieden werden", sagt Inge Wolff, Präsidentin der Umgangsformen-Akademie Deutschland e. V. Unter Benimmexperten gilt es keineswegs als unhöflich, die Schuhe anzulassen - vorausgesetzt, sie sind sauber, und man stanzt mit seinen Absätzen keine Löcher in den Boden. Feingefühl ist hingegen gefragt, wenn man in einem anderen Kulturkreis eingeladen ist. "In einem muslimischen Haus würde das Anbehalten der Schuhe als extrem unhöflich empfunden werden", schreibt Business-Coach Stefanie Frieser.

Generell bezeichnet Frieser es als unzumutbar, von seinen Gästen zu verlangen, die Wohnung in Socken zu betreten. Das sei ein Eingriff in die Privatsphäre und widerspreche jeder wertschätzenden Behandlung. "Angenommen, die Kanzlerin stünde vor der Türe - würde man sie auch bitten, die Schuhe auszuziehen?" Abgesehen davon: Wer garantiert einem, dass der Boden warm genug ist? Und dass er nicht schmutziger ist als die abgestreiften Schuhe? Inge Wolff gesteht Gastgebern das Privileg zu, ihre Spielregeln zu Hause zu bestimmen. "Andererseits ist das Recht eines Gastes, sich ohne Schuhe unwohl zu fühlen, ebenso unbestritten." Vielen geht das Ganze schon deshalb zu weit, weil sie ihre Schuhe passend zum Outfit wählen. Und das Paillettenkleid oder die Lederhose ohne sie einfach nicht wirken. Unvergessen die erschütterte Reaktion von Carrie Bradshaw in "Sex and the City", als sie bei einer Babyparty aufgefordert wird, ihre Manolos auszuziehen: "Das hier ist ein Outfit!"

Die eleganteste Lösung: eigene Hausschuhe mitbringen und den Begriff großzügig interpretieren. "Für mein Dafürhalten kann man normale Schuhe dazu ohne Weiteres umfunktionieren", sagt Personal-Shopperin Sonja Grau. Damen rät die Stilberaterin zu Schlüpfschuhen wie Mules oder Slings mit Fersenriemen, aber auch Ballerinas oder Pumps. Den Herren empfiehlt sie Sneaker zum Schlüpfen, Mokkasins oder Loafer. Papst Benedikt wusste schon, was bequem ist.

© SZ vom 22.02.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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