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Netzphänomen Cottagecore:Das Leben ist ein Ponyhof

Italy, Veneto, Young woman plucking flowers and herbs in field

Alles Natur oder doch eher ein Netzphänomen? So inszenieren sich viele junge Frauen gerade in den sozialen Netzwerken.

(Foto: Westend61/Getty Images/Westend61)

Früher gab es das Schäferidyll, heute inszenieren sich Großstädterinnen gerne als Unschuld vom Land. Über die neue Sehnsucht nach dem Ursprünglichen.

Kann es für eine reiche, verwöhnte, launenhafte Aristokratin einen entfernteren Gegenstand geben als ein Butterfass? Trotzdem war der hölzerne Zuber mit Stößel, gemacht für schwielige Hände, ein Lieblingszeitvertreib der preußischen Gräfin Lichtenau. Und heute, gut 200 Jahre später, wiederholt sich die Geschichte: In Metropolen von Berlin bis San Francisco scheinen sich junge Frauen morgens nichts lieber vorzustellen, als noch vor dem ersten Soja-Latte einen Stall auszumisten. Die Landsehnsucht von Großstädtern hat ja schon immer absonderliche Formen annehmen können.

"Cottagecore" heißt ein verblüffend erfolgreiches Social-Media-Phänomen, das einst unter dem Schlagwort Schäferidyll en vogue war. Es ist groß in Mode unter Aristokratinnen gewesen, sich um das Jahr 1800 mit ein paar rustikalen Utensilien in die vom angesagten Philosophen Jean-Jacques Rousseau empfohlene Naturverbundenheit hineinzufantasieren. Dem entspricht der aktuelle Hype auf Tiktok und anderen Netzwerken: Cottagecore romantisiert mit Bildern, Videos und zunehmend auch mithilfe realer Produkte das Leben in einem Landhäuschen samt Garten und dekorativem Kleinvieh.

Der Hashtag #cottagecore brachte es auf dem Videoportal Tiktok in den vergangenen Monaten auf ein Plus von 212 Millionen Likes. Ähnlich idyllische Inhalte verzeichneten auf der Plattform Tumblr einen Zuwachs von bis zu 540 Prozent. Eine ganz andere Reichweite also als bei Wilhelmine von Lichtenau, die in ihrem Landsitz an der Havel betont zurückgezogen Butter quirlte. Der Bottich steht bis heute im Museum von Schloss Pfaueninsel.

Der virtuelle Ins-Grüne-Eskapismus unserer Zeit - wobei ja auch die Bäuerinnen-Attitüde höfischer Damen erfunden war und nichts mit ihrem Alltag zu tun hatte - bedient die unterschiedlichsten Sehnsüchte. In den vergangenen Wochen ist ein wichtiger Faktor hinzugekommen: der Wunsch nach Sicherheit. Millionenstädte wie Mailand, New York oder São Paulo sind die Zentren der beängstigenden Pandemie, die das Leben rund um den Globus seit Monaten lahmlegt.

Da bietet die Vorstellung von der vermeintlich intakten, behaglich geordneten Welt in der Provinz ein willkommenes Trostbild. Es ist ein uraltes Gegensatzpaar: die unbeständige Stadt und das liebliche Land. Gerade hat Letzteres wieder Konjunktur, und sei es für ein paar schöne Stunden am Bildschirm mit Fotos und Filmen aus dem Reich der Blumenwiesen.

Sich "einfach mit Blumen und Bäumen beschäftigen, Kuchen backen", das sei wahnsinnig beruhigend im Vergleich zu all dem Chaos im Alltagsleben: So erklärte neulich die junge Tiktokerin Noella aus Pennsylvania in einem Interview mit dem Magazin Paper ihre Leidenschaft für Cottagecore. Wälder, Felder, Hefezopf: Aufnahmen von verschlungenen Pfaden im Dickicht, Wäscheleinen auf Streuobstwiesen oder robusten Napfkuchen gehören zu den Lieblingssujets der überwiegend jungen, oft gut ausgebildeten Mitglieder der Community. Das alles natürlich in wärmstem Licht fotografiert.

Nostalgie zwischen Einmachgläsern und Stallpantinen

Ob die Bilder tatsächlich aus der Lebenswelt der Nutzer stammen, also real existierende Rosenranken am verwitterten Gartentor oder abendliches Blumenpflücken zeigen, oder ob das bloß irgendwo aus dem Netz gefischte Motive sind, ist Nebensache. Es geht um die Identifikation mit dem Cottage-Gefühl. Der Appendix -core besagt, wie groß die Leidenschaft für das Phänomen ist. Kulinarische Abwege sind übrigens, vor lauter Innigkeit mit der Natur, nicht ausgeschlossen: Der in einschlägigen Kreisen beliebte Moss Cake, ein wolliger "Mooskuchen" aus gesüßtem Spinat und Mascarpone, sieht schon sehr nach Hobbit-Kost aus.

Als Grundhaltung, die hinter der Verklärung des beschaulichen Lebens steckt, hat die britische Vogue eine Mischung aus "Rebellion und Romantik" ausgemacht. Das Ideal einer Existenz, die sich ästhetisch zwischen nostalgischen Einmachgläsern und einem Hausflur mit Stallpantinen, Hundeleine und Zinkgießkanne bewegt, fällt klar in die Kategorie Kitsch. Das war vor zwei Jahrhunderten nicht anders, als in Adelshäusern vom Porzellangeschirr bis zum Toilettenspiegel alles mit Hirtenszenen dekoriert und überzuckert war. Aber unter der Oberfläche diagnostizieren Trendforscher derzeit auch eine Aussteigermentalität, die mit dem Rückzug ins Bukolische Protest deutlich machen will: gegen Konsumismus, Überproduktion, Umweltzerstörung. Gesellschaftskritik also, aber unbedingt hübsch inszeniert.

Damit steht Cottagecore der Generation Z im Gegensatz zur behäbigen Dörflichkeit, die Magazine wie Landlust oder Servus schon seit Jahren propagieren. Parallelen gibt es eher zum bewusst naiven Welt- und Erscheinungsbild der Hippies und Blumenkinder mit ihren Gänseblümchenkränzen und Friedenspicknicks im hohen Gras.

Gut für die Natur, schlecht für den Feminismus

Manche Fotos aus jener Zeit ähneln den aktuellen Cottagecore-Bildergalerien auf erstaunliche Weise. Die 17-jährige Noella erklärt auf Tiktok, ihre Liebe zu getrockneten Blüten, Kräuterbeeten und romantischer Stickerei sei "gut für den Planeten". Eine andere Frage ist, ob sie auch gut für den Feminismus ist - oder nicht vielmehr klassische Rollenverteilungen zementiert. Ein Widerspruch ist jedenfalls nicht zu leugnen: Ohne digitale Technik hätte der technikskeptische Hang zum Pastoralen gar kein Trend werden können.

Die Industrie hat sich das Phänomen längst zunutze gemacht. In der Mode gilt vor allem das New Yorker Label Batsheva, im Sortiment von Luxus-Onlineshops wie Matchesfashion, als stilbildend mit seinen Stehkragen und Laura-Ashley-Rüschen. Auch die aktuellen Fotos der H&M-Kampagnen sehen aus wie frisch vom Mittsommerfest auf einer Getreidefarm, die hoch gehandelte Marke Jacquemus aus Frankreich postete auf Instagram gerade eine Szenerie mit Sonnenuntergang und ländlich gedecktem Tisch. Und beim Zeitgeist-Barometer Ikea gibt es jetzt neue Gestelle zum Wäschetrocknen, sehr malerisch anzusehen. Aus Holz, natürlich.

© SZ /vs
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