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Ladies & Gentlemen:Stöpselstauraum

Keine Frage: Airpod-Cases sind die neuen Handyhüllen. Aber braucht man die schicken Täschchen wirklich? Wir sagen: Auf jeden Fall!

Für sie: Reine Deko

Airpod Cases sind ganz offensichtlich die neuen Handyhüllen. Zumindest zieht gerade jeder Designer mit einem eigenen Modell nach. Handyhüllen allerdings hatten ja zumindest einen praktischen Zweck, nämlich den, das Smartphone bei harten Stürzen vor Rissen im Touchscreen zu schützen. Kopfhörer in ihrem mitgelieferten Auflade-Case aus dickem Plastik können ja aber eigentlich gar nicht kaputtgehen, es sei denn, es läuft ein Elefant drüber. Für solche Airpods gibt es nur ein Risiko: sie unmittelbar vor oder nach dem Tragen zu verlieren, weil winzige Sachen nun mal schnell weg sind. Und genau deswegen ist so eine zusätzliche Hülle für die Hülle eben doch toll, denn sie behauptet nicht, irgendetwas anderes zu sein als ein dekoratives Statussymbol. Derart spaßige Zweckfreiheit ist ja etwas, das wir in diesen kargen Zeiten der funktionalen Selbstoptimierung fast vergessen hätten! Unser Favorit unter diesen Placeboprodukten ist also bis jetzt dieses floral bedruckte Exemplar von Dolce & Gabbana: sozusagen das Blumenkleid für den Kopfhörer (über matchesfashion.com). Es ist ein aus Hipstersicht wirklich völlig uncooles Tussi-Accessoire, und genau deswegen sollte man es ab sofort stolz auf all diese neuen Skandi-Chic-Konferenz- und Bartische legen, als wäre es das Normalste der Welt. Und hysterisch heulen, wenn es beim Kramen nach dem Schlüssel in den Gully gefallen ist. Das Alleruncoolste wäre nämlich, den Airpod-Hüllentrend todernst mitzumachen und so zu tun, als hätte man dieses hundertste Technik-Accessoire auch noch dringend gebraucht. Julia Werner

Für ihn: Kleine Schatzkiste

Ein Paradox der modernen Warenwelt besteht darin, dass die Geräte zwar kleiner, allwissender und universaler werden, der Krimskrams auf dem Schreibtisch und in der Tasche aber trotzdem kaum abnimmt. So haben sich die kabellosen Airpod-Kopfhörer von Apple heute zwar gegen die anfängliche Skepsis der Benutzer durchgesetzt, erfordern bei aller komfortablen Raffinesse aber auch wieder neue Ausrüstung. Denn die Stöpsel rutschen gerne zwischen Flugzeugsitze, werden mit dem Bettlaken ausgeschüttelt oder verschwinden einzeln in den Reisetaschen. Deshalb gibt es also zu den Accessoires noch mal Sekundäraccessoires, die praktisch und schmückend zugleich sein sollen: Futterale für die Pods, in denen sie auf ihren nächsten Einsatz warten. Das Modell von Bottega Veneta aus italienischem Leder erinnert dabei an einen Skarabäus und ist auch sonst auf angenehme Art klassisch, es knüpft absichtlich nicht an das sterile Tech-Design an. Das ist gut, denn mit solchen Stilmitteln kann der Gentleman unterstreichen, dass ihm analoge Details noch wichtig sind. Zudem taugen die Kopfhörer genau wie Smartphones trotz ihrer Preise heute nicht als Statussymbol - hat ja quasi jeder. Den Unterschied machen erst Güte und Originalität der Zusatzausrüstung. Es ist im Grunde der gleiche Effekt wie früher mit Zigaretten - die verwahrte der Mann von Welt in einem Etui aus Sterlingsilber, gerne mit Monogramm und passendem Feuerzeug. Der banale Akt des Rauchens wurde erst mit dieser Veredelung zum persönlichen Ritual und zum Beweis für praktizierte Lebensart. Max Scharnigg

© SZ vom 08.02.2020
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