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Ladies & Gentlemen:Menschen um die 30

Die Männer wollen mit allen Mitteln jung bleiben, die Frauen dafür möglichst schnell seriös aussehen. Ist das wahr? Zwei Vorbilder im Vergleich.

Frauen um die 30: Sylvia Haghjo

(Foto: Screenshot/Instagram/sylviahaghjoo)

Das ist Sylvia Haghjoo, eine deutsche Influencerin. Sie hat mehr als 200.000 Follower auf Instagram, was nicht die schlechteste Nachricht ist. Denn sie hat sehr viel Geschmack. Sie weiß, wie man elegant Pfingstrosensträuße umarmt. Sie fotografiert den Palais Royal in Paris in Schwarz-Weiß. Sie macht lange Strandspaziergänge. Sie bewirbt feine Oma-Cremetiegel, die die Schönheit der Augen hervorbringen. Und vor allem weiß sie, wie man sich gräfinnenartig kleidet. Blazer, Ohrclips von Chanel, Haarreifen und das natürliche Lächeln eines weisen Best-Ager-Models sind ihr Schlüssel zum Erfolg. Dabei ist sie grade mal 31.

Weswegen man sich als alterndes Rockstar-Groupie natürlich fragt, was aus der Jugend geworden ist. Waren Augenringe nicht mal ein Zeichen fürs glückliche Erwachsenwerden? Wieso sorgt sich die moderne Influencerin über Haarausfall und empfiehlt statt der coolsten Band aus London den Hormoncheck beim Endokrinologen? Wie lässt man sich in einem Hosenanzug von einem albernen Jungen auf der Fahrradstange nach Hause balancieren, ohne dass der Haarreif verrutscht, kurz: Warum wollen immer mehr Frauen um die 30 so fürchterlich erwachsen sein? Man könnte sich aus Verzweiflung über diese verschlafenen Durchdreh-Chancen einen riesigen Joint anzünden und mit einem Aluhutträger schlafen. Aber das würde die Nasolabialfalten vertiefen und dem Ernst der Lage nicht gerecht. Die Zeiten sind aseptisch. Wir alten Kate-Moss-Wannabes haben einfach Glück gehabt, dass früher alles lustiger war.

(Julia Werner)

Männer um die 30: Mark Forster

(Foto: imago images / Sven Simon)

Vergangene Woche machte im Netz die heitere Beobachtung die Runde, wonach etwa 90 Prozent der urbanen Familienväter heute aussähen wie der Sänger Mark Forster, 37. Dessen Look besteht stets aus einer Baseball- oder Truckerkappe, dicker Kastenbrille und einem 10-Tage-Bart. Es laufen durch die gentrifizierten Viertel der Städte tatsächlich viele Männer, die mit diesen Komponenten das Ende ihrer Jugend hinauszögern wollen.

Die Zutaten machen auch alle Sinn: Die Kappe ist notwendig um zu verdecken, dass die jahrelange Migrationsbewegung der Kopfhaare bei vielen Männern mit Mitte Dreißig schon ernste Kahlschläge verursacht hat. So eine Schirmmütze setzt das Gesicht optisch ein Dutzend Jahre zurück und suggeriert zugleich popkulturelle Offenheit - und da man sie ohnehin nur noch im Kreise der eigenen Familie abnimmt, hält sich der Überraschungseffekt in Grenzen. Der Bart soll dafür dem durchschnittlichen Wohlstandsgesicht eine gewisse Kontur verleihen und fehlende Wangenknochen kaschieren. Auch die Aufgabe der dicken Brille ist klar: Sie gibt dem betrüblichem Umstand verlorener Sehkraft einen kreativen Anstrich und gilt immer noch als vages Anzeichen dafür, dass man im Besitz eines Musikgeschmacks und der Gabe zur lockeren Selbstreflexion ist - vulgo junggeblieben. Derartige Verkleidung trägt einen heute locker bis in die mittleren Vierziger, dann sollte man sich was Neues überlegen. Aber keine Sorge, bis zu richtiger Erwachsenenkleidung kann man sich dann immer noch Zeit lassen.

(Max Scharnigg)

© SZ vom 06.06.2020/mkoh
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