bedeckt München 26°

Ladies & Gentlemen:Latschen und Zelt

Camper sind völlig unsinnliche Leute. Klar, sie schlafen unter Sternen, aber sie trinken dafür auch aus Plastikbechern, tragen Crocs, essen aus Dosen. Und dann wieder schlagen sie ihr neues Zelt von Louis Vuitton auf. Über Haltung auf dem Platz.

(Foto: Liberty/Crocs)

Für sie: Latschen mit Glamour

Camper sind ja völlig unsinnliche Leute. Sie denken zwar, besonders romantisch zu sein, weil über ihnen nur die Sterne und ein paar Campingplatzlaternen leuchten. Aber sie trinken aus Plastikbechern. Sie benutzen Mikrofaserhandtücher, weil die so schnell trocknen. Sie haben keine Zeit für das Einswerden mit der Natur, denn das ganze Outdoor-Equipment will ja verwaltet werden. Und keinen einzigen Gedanken mussten die Camper bisher an das perfekte Schuhwerk verschwenden, die guten alten Crocs. Mit diesen Gummilatschen ging einfach alles: Duschen, vorm Gaskocher stehen und Bohnensuppe rühren, zum Strand schlurfen. Bis jetzt. Denn mit der Version des Londoner Kultkaufhauses Liberty wird natürlich sofort alles viel komplizierter. Der Schuh ist nicht nur mit Liberty-Print bedruckt, sondern auch noch mit einem seidigen Tuch versehen. Seidentücher sind aber das Gegenteil von praktisch, widersprechen also dem alten Zeltplatz-Mantra, dass alles unbedingt einen Zweck haben und abwaschbar sein muss. Diese Kunststoffpantine ist eher was für Glamper, für Leute, die nur so tun, als ob sie campieren. Für den echten Camper ein höchst verdächtiger Menschenschlag, der sein falsches Spiel in Zelten treibt, die mit Möbeln und orientalischen Teppichen ausgestattet sind und in den Luxusbereichen irgendwelcher Festivals stehen. Diese Leute tragen die Sandale zu langen Hippiekleidern und denken den ganzen Tag darüber nach, wie das auf Instagram aussieht. Sie sind zugegebenermaßen auch nicht viel sinnlicher als die echten Camper, aber sie sehen ein bisschen besser aus. Julia Werner

(Foto: Louis Vuitton)

Für ihn: Das Modezirkus-Zelt

Spuren von Zelterfahrung sollte jedes Männerleben enthalten, das wird irgendwie vorausgesetzt und schadet auch nicht. Selbst wenn es nur das Jugendzeltlager der Feuerwehr war - irgendwie sind Nächte auf der freien Wiese immer lange in Erinnerung. Ab einem gewissen Alter lässt die Zeltbereitschaft dann für gewöhnlich nach, denn Hotels und gemietete Chalets mit Weinschrank haben eben doch ein paar Vorteile. Dank Corona kehrt aber die Lust auf Mikroabenteuer an der frischen Luft in allen Altersklassen zurück, und so ist es mal wieder sehr trendbewusst, dass Louis Vuitton ein Zelt in sein Programm mit Sonderanfertigungen aufgenommen hat. Es ähnelt in seiner Form auf angenehme Art jenem klassischen Zelt, das uns vor allem vom Fähnlein Fieselschweif bekannt ist. Die geodätischen Kuppeln der Outdoor-Ausrüster mögen stabiler und praktischer sein, aber sie wirken ja doch immer ein bisschen zu technoid in Gottes freier Natur. Diese Satteldach-Architektur ohne Firlefanz hingegen strahlt Demut aus, und das ist sowieso die einzige Haltung, mit der man sich durch Unterholz und Urwald bewegen sollte. Was nun das LV-Monogram-Muster angeht, so wird auf Zeltbreite doch recht deutlich, was man sich bei den Taschen immer schon halb gedacht hat: Es gibt schönere Muster, wenn auch nicht viele, die wertvoller sind. Vermutlich wird nie ein Mensch dieses Zelt auf einem normalen Campingplatz benutzen, dabei wäre das ein wahres Mikroabenteuer - denn es gibt ja wohl keinen Ort auf diesem Planeten, der weiter von einer Vuitton-Boutique entfernt ist. Max Scharnigg

© SZ vom 11.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite