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Ladies & Gentlemen:Hände hoch, Überhemd!

Dicke Hemden für sie und ihn markieren das nahende Ende des Sommers und sind die Antwort auf die Frage: Welches Kleidungsstück packt man für die drohende Quarantäne ein?

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Für sie: Die gute Übergangsjacke

Das Ende des Sommers hängt weniger von der Außentemperatur ab als von der persönlichen Entscheidung. Es gibt Frauen, die erst die Strümpfe aus dem Schrank holen, wenn der TV-Wetterfrosch den ersten Bodenfrost androht. Wozu schließlich die ganze Bräunerei, wenn man sie gleich wieder verdecken muss? Ihr Auto hat zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Winterbereifung, ja noch nicht mal einen Wechseltermin. Und es gibt Frauen, die nur auf den Winter gewartet haben. Der Reifenwechsel ist schon seit Juli vereinbart, und bei der ersten Wolke vor der Sonne wickeln sich diese hochempfindlichen Grazien erleichtert in ihre Daunenjacke. Vielleicht schwitzen sie darin ein wenig, aber das ist egal, weil sie auch besser zu den Boots und den Jeans passt, die sie den ganzen Sommer lang nicht tragen konnten. Das Kleidungsstück, mit dem beide Spezies leben können, ist das Shacket, also der Hybrid aus Shirt und Jacket. Die Herbstverleugnerin kann darin in Sandalen so tun, als sei der erste kalte Wind nur eine leichte Meeresbrise, und die Sommerverachterin kombiniert es mühelos zu ihren schweren Stiefeln. Es kann lässig über Jogginghosen geworfen werden oder über Röcken mit einem Gürtel für einen hochseriösen Look sorgen. Dieses schöne Modell ist von Raey (über matchesfashion.com), und es ist in seiner Einfachheit die modernere Variante als das noch im letzten Jahr gehypte, karierte Holzfällermodell (gilt nicht für Kanada). Alos merken: Im Trenchcoat ist immer Herbst, im Shacket alles nur eine Frage der Interpretation. julia werner

Für ihn: Der bessere Cardigan

Ein derart rustikaler Wollstoff, wie ihn Isabel Marant für dieses neue Overshirt (z.B. über Mr. Porter) verwendet hat, wäre noch bis vor Kurzem höchstens als Hundedecke in die Nähe eines Laufstegs gekommen. Aber die Zeiten sind härter geworden und die Textilien auch, das muss jetzt alles nach Technischem Hilfswerk aussehen und nutzwertig sein. Das Teil ist also irgendwie auch die Antwort auf die neuerdings über uns schwebende Frage: Welches Kleidungsstück würde ich für eine drohende 14-tägige Quarantäne an der Grenze zum Burgenland mitnehmen? In der Hinsicht hat das dicke Überhemd überzeugende Argumente - es macht warm, hält allerlei ab, lässt sich über alles drüber ziehen und irgendwie wirkt man darin auch nach ein paar Tagen immer noch etwas besser angezogen als im Wollpulli, der von Protestbürgern womöglich bald in Pullwolli umbenannt wird. Die sich seit ein paar Wintern etablierende Overshirt-Kultur ist also eigentlich eine gute Sache, zumindest sofern Herbst und Winter wie zuletzt einigermaßen trocken ausfallen. Erstens löst so ein Shacket die mittlerweile doch stark ermüdende Cardigansilhouette ab, zweitens kann man damit fast nichts falsch machen, drittens sieht es mit einem feinen Kaschmirrollkragen drunter super aus und viertens egalisiert es garderobenmäßig den Übergang zwischen drinnen und draußen. Gerade für das zweimal tägliche, heilsame Austreten an die frische Luft, das uns diesen Winter statt Skifahren blühen wird, ist es also genau das richtige Kleidungsstück. Max Scharnigg

© SZ vom 05.09.2020

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