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Ladies & Gentlemen:Golden-Globes-Grotesken

Wiederverwendbare Smokings und andere Zumutungen: Auf dem roten Teppich gab's wieder textile Premiumbotschaften.

Starke Schulter: Olivia Colman

Der meistdiskutierte Look der diesjährigen Golden Globes war an der immer noch engelsgleich schönen Gwyneth Paltrow zu sehen, aber er ist so uninteressant, dass wir ihn hier nur stichwortartig zusammenfassen: Alterspanik, trotzdem perfekter Körper, sehr durchsichtiges Kleid. Viel interessanter ist das Körperteil, das 2020 von vielen Damen aller Altersklassen verdeckt wird: der Oberarm. Er verschwindet dank angesagter "Puff Sleeves" - also gebauschter Ärmel. Die Gewinnerin Olivia Colman brachte den Look auf die Spitze. Sie trug eine dramatische Robe der Londoner Designerin Emilia Wickstead, mit comicartig aufgeblasenen Schultern und hohem Kragen. Solche Kleider, die kein bisschen auf Verführung, sondern nur auf weibliche Stärke hinweisen, sind natürlich nichts für Frauen im Jugendwahn. Es ist noch gar nicht lange her, da waren Abendkleider mit Ärmeln nur was für Damen über 50, wegen der spätestens dann einsetzenden Oberarmscham. Davon kann heute keine Rede mehr sein - die britische Schauspielerin sieht hier schließlich eher aus wie eine stolze Statue! Vor lauter Ärmel wäre ein kleines Detail ihres Outfits dabei aber fast untergegangen - der runde Ring an ihrem Finger, mit der Aufschrift: "50:50 - Equal Representation for Actresses". Aber solange es Frauen gibt, die mit ihrem nackten Hinterteil nach Hilfe rufen, wird das nicht passieren, weder in Hollywood noch sonst irgendwo. Wir sollten also jetzt alle starke Schulter zeigen - den Look gibt's übrigens längst auch bei Zara und Konsorten. Julia Werner

Guter Wille: Joaquin Phoenix

Um es gleich zu sagen: An diesem Smoking gibt es nichts auszusetzen und an seinem Träger, dem Schauspieler Joaquin Phoenix, sowieso nicht. Bemerkenswert ist aber, was nach der Verleihung der Golden Globes über den Anzug in Umlauf gebracht wurde - und zwar vom britischen Modelabel Stella McCartney, das seit einigen Saisons auch Herrenmode feilbietet. Es war offenbar Chefin Stella selbst, die zum Bild des preisschwenkenden Herrn Phoenix auf Twitter klarstellte, dass es sich erstens um einen maßgeschneiderten Smoking aus ihrem Haus handle, dieser alleinige Umstand Phoenix zweitens schon zu einem Mann mit lobenswertem Bewusstsein für nachhaltigen Konsum mache und zwar vor allem auch drittens: weil er sich sensationell bereit erklärt habe, den Smoking auch noch bei den nächsten Preisverleihungen des Jahres zu tragen. Hoppla, da muss die Geschichte der Selbstaufopferung wohl neu geschrieben werden. Ist das nicht gefährlich, mehrmals im selben Anzug? Im Ernst: Bei aller Freude über einen strahlenden Markenbotschafter, aber den Umstand zu loben, dass ein Typ seinen Maßanzug nicht gleich zu Putzlumpen verarbeitet, wirkt schon weit hergeholt bzw. grauenhaft versnobt. Es zeigt aber, wie sehr sich die Mode heute nach jedem gewissenhaften Aspektchen streckt. Tun wir Frau McCartney also den Gefallen und spielen mit: Falls der Klimawandel doch noch gestoppt wird, dann offenbar dank der Mehrfachbenutzung eines Smokings durch Joaquin Phoenix. Und spätestens dann ist wohl auch wieder ein Preis fällig. Max Scharnigg

© SZ vom 11.01.2020
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