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Ladies & Gentlemen:Glamour und Alltag

Die italienische Sängerin Elodie lässt es optisch krachen, der Regisseur Luca Guadagnino zeigt dagegen, welchen modischen Schaden das Home-Office angerichtet hat.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Für sie: Das Leben ist schön

(Foto: Getty Images)

Ja, an gleicher Stelle haben wir schon mal das Ende des Aufbrezelns verkündet. Die lange, dramatische und wie ein Formel-1-Bolide glänzende Robe schien aus der Zeit gefallen - war ja auch eine Menge los, von der Metoo-Bewegung bis zur Welttextilvermüllung. Wieso, fragte man sich damals, sollte sich eine Frau noch als beschleiftes Geschenk vor einer Fotowand präsentieren? Nun, was kümmert uns unser Geschwätz vor der Viruskrise. Denn grade war Filmfestival in Venedig, und die Freude darüber, dass es noch schöne Menschen gibt, die sich schöne Frisuren machen lassen, um schöne Kleider zu tragen, ist grenzenlos. Elodie, ein italienischer Popstar, hat sich glücklicherweise nicht von der ja politisch völlig korrekten Entscheidung der Jurypräsidentin inspirieren lassen. Cate Blanchett trägt aus Nachhaltigkeits- und Demutsgründen alte Designerlooks auf, in denen man sie schon mal gesehen hat. Was natürlich funktioniert, weil sich eh niemand mehr an irgendwelche Looks erinnert. Die verwegene Elodie aber lässt es lieber krachen. Und zwar in einem rattenscharfen Metalllic-Mesh-Kleid von Versace, also einem Label, von dem man noch vor dem Lockdown dachte, dass man das nicht mehr braucht. Wie man sich täuschen kann! Jetzt wirkt der Sirenenlook plötzlich wieder ganz schön frisch, weil er die essenziellen Fragen, die wir uns seit März stellen, mit einem Wumms beantwortet: Werden wir jemals wieder Spaß, vielleicht sogar Sex haben? Werden wir! Solange es solche Kleider gibt. Nicht vergessen, la vita è bella!

Für ihn: Hauch von Clochard

(Foto: Getty Images)

Der Auftritt von Luca Guadagnino beim spät aber tatsächlich abgehaltenen Filmfestival in Venedig lässt nur einen Schluss zu: Home-Office und Quarantäne haben doch schon weitreichenden Schaden angerichtet. Der Mann erschien jedenfalls auf dem Roten Teppich, als würde er nur eben zum Aperitivo gehen - mit einer Kordelzughose, Bequemschuhen und hastig übergeworfenem Sakko. Jeder mittlere Beamte in Italien ist ordentlicher gekleidet. Nun ist Guadagnino natürlich gefeierter Regisseur ("Call Me By Your Name") und gehört damit zu jener Berufsgruppe auf Filmfestivals, die sich stets mit Absicht am schlechtesten anzieht, um ihre Zugehörigkeit zur kreativen Klasse zu unterstreichen. Oder um zu demonstrieren, wie egal ihnen der bunte Rummel der Branche ist. Ein Vorgang, den man übrigens durchaus auch auf heimischen Vernissagen beobachten kann: Männer wollen gerne als Bohemien kommen, missdeuten das aber immer eher in Richtung Clochard. Klar, die Sachen, die Guadagnino trägt sind von Ferragamo und bestimmt sehr hochwertig. Aber was hilft's, wenn die Summe nicht mehr ergibt als die einzelnen Teile? Gerade weil die halbe Welt seit sechs Monaten überdurchschnittlich leger gekleidet ist, muss bei den ersten glamourösen Anlässen doch bitte herzhaft aus dem Vollen geschöpft werden. Wenn schon einmal von einem Roten Teppich tatsächlich Strahlkraft ausgeht, darf man das nicht derart vergeigen.

© SZ vom 12.09.2020

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