bedeckt München 23°
vgwortpixel

Ladies & Gentlemen:Englische Wochen

Premierministerin Theresa May und der Tory-Abgeordnete Jacob Rees-Mogg.

(Foto: Getty Images, REUTERS)

Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren. Zumindest beim altenglischen Mantel von Oberbrexiter Jacob Rees-Mogg stimmt das irgendwie.

Theresa May

Es gibt zur Zeit ein paar Menschen, die keine Stimme mehr haben. Die einen leben im Rheinland und haben zu viel Karneval gefeiert. Die andere residiert in der Downing Street in London und hat eigentlich dieselben Fehler gemacht, nämlich Ansammlungen von Spinnern beigewohnt und dort mit Anstrengung gegen den Krach angeredet. Hier wie dort gleich ist auch die Frage: Was bloß überwerfen über das Kostüm, um gegen den Frost gewappnet zu sein? Klar, als Zielperson der weltweiten Aufmerksamkeit braucht man erst mal einen lächerlich korrekt geschlungenen Schal. Und dann ein dickes Fell! Da Pelz aber nicht mehr in Frage kommt, setzt Theresa May auf den Lagenlook. Unter einem konservativen Wollmantel mit verkürzten Ärmeln, der im Land der Queen eigentlich nach farblich abgestimmten Lederhandschuhen verlangt, trägt die Premierministerin eine Daunenjacke. So, glaubt sie, wahrt sie korrekte Haltung, ist aber ebenso gut gepolstert gegen Schläge in die Magengrube. Erfunden haben diesen Wintertrick allerdings andere Meister der Wandlung am Abgrund - die Italiener. Früher trugen sie immer Daunenjacken unter ihren eleganten, dünnen Mänteln. Es ging darum, so zu tun, als könne einem die Kälte keinen Zacken aus der Krone brechen. Der aktuelle Zeitgeist, der das Grobe feiert, hat heute aus Daunenjacken aber längst ein It-Piece gemacht. Weswegen das italienische Label Herno den Doppellook schon länger gleich in einem Kleidungsstück verkauft. Vorteilhaft ist das für eine Frau unter Druck nicht. Vor allem in Kombination mit dem suggestiv getragenen Ordner wirkt May, als habe sie eben noch im Bademantel über den Akten gebrütet und sich dann in einem Moment der Schwäche das Nächstbeste übergeworfen. Es liegt natürlich in der Natur des Narren, dass er nie weiß, wann es genug ist. Aber die Profis unter ihnen (also die Mitglieder von Karnevalsvereinen) wissen: ein eher militärisch inspirierter Mantel kaschiert den Wahnsinn zumindest halbwegs. Julia Werner

Jacob Rees-Mogg

Eine Portion Anglophilie stand Männern bisher eigentlich recht gut zu Gesicht. Schließlich - im Umgang mit Anzügen, Hemden, Schuhen, Geländewagen, Schrotflinten, Wachsjacken und stilvoller Verarmung sind die Engländer taugliche Vorbilder. Und die angelsächsische Exzentrik, die man stets zwischen Clubhaus, gebügelter Times, Cricket und dem Bär Paddington vermutete, schien ja auch eine unterhaltsame Spielart der Männlichkeit zu sein. Im Laufe des Brexit-Gewürges haben sich Gentleman-Ideale und romantische Zuschreibungen aber ziemlich verflüchtigt. Denn gerade die englischen Traditionalisten gefallen sich ja als Brexit-Hardliner und offenbaren dabei, wie dysfunktional sie eigentlich sind - wenn sie das Clubhaus verlassen, um mit dem Land zu spielen. Posterfigur der Albion-Clique ist der superkonservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg. Sein Vater war Herausgeber der Times, Rees-Mogg selbst natürlich Schüler in Eton und am Trinity College, er hat in der Kathedrale von Canterbury geheiratet und sitzt im House of Commons. So ein Lebenslauf lenkt im Grunde das Land seit 500 Jahren. Seine politischen Ansichten sind so scharf wie sein Kinn und so altmodisch wie seine Outfits. Die maßgeschneiderten Anzüge (er trägt fast ausschließlich Doppelreiher) sind in der Manier früher Aristokraten absichtlich zu weit gemacht. Sie schlottern um den schlaksigen Mann, wirken betont unmodisch und so, als wären sie aus dem Schrank eines Vorfahren übernommen. Dieses leicht lächerliche Auftreten steht, ähnlich wie die wirren Haare von Boris Johnson, wohl im Dienste einer Verharmlosungs-Strategie. Im Mantel mit altmodisch abgesetztem Klappkragen aber präsentiert sich Jacob Rees-Mogg als das, was er ist: Das menschgewordene Ausrufezeichen hinter dem "Leave!". Selbstgefällig und rückwärtsgewandt - vielleicht wird es Zeit für neue stilistische Vorbilder. Max Scharnigg

  • Themen in diesem Artikel: