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Ladies & Gentlemen:Die Sache mit den Holzfällerhemden

Nachdenken über die Frage, warum derzeit alle ihre Flanellhemden auftragen und ob Kurt Cobain ein Hipster war.

Hailey und der klein karierte Klassiker

Das Holzfällerhemd ist wieder da. In Amerika nennt man es "Flannel shirt", auch wenn es manchmal gar nicht aus dem wärmenden Stoff ist, sondern wegen seines bunten Karomusters nur so aussieht. Die amerikanische Ikone ist ein echtes Stück modischer Gemeinsamkeiten: Sie verbindet seit Jahrzehnten Millionäre auf Ranch-Urlaub, die sich ein gewisses Raubein-Flair wünschen (Ralph Lauren) mit so ziemlich jedem Bewohner des mittleren Westens (Trump-Wähler). Zum internationalen It-Hemd wurde es in den Neunzigerjahren, weil Stilpapst Kurt Cobain es mit seiner unwiderstehlichen Egal-Attitüde trug. Auch heute ist den Leuten ja so ziemlich alles egal, bis auf das, was sie tragen. Weshalb das Joe-Average-Hemd jetzt wieder in allen Varianten von Pop-Stars und Hipstern getragen wird, von der wattierten Wollversion als Jackenersatz bis zum lang flatternden Modell. Selbst der nicht mehr so angesagte Designer Marc Jacobs hat gerade seine berühmte skandalöse Grunge-Kollektion für Perry Ellis noch einmal neu aufgelegt. Die Hemden waren natürlich als Erstes ausverkauft, und selbst Damen, die zu Nirvana-Zeiten noch nicht mal auf der Welt waren, tragen das Arbeiterhemd wieder, so wie hier Hailey Baldwin. Ist Grunge also wieder da, weil gerade alles so zum Verzweifeln ist? Natürlich nicht, denn für Verzweiflung gibt es auf Instagram nicht den passenden Filter. Aber das Hemd verbindet eben immer noch: zum Beispiel flexiblen Klimaanlagenschutz drinnen und paparazzitaugliches Über-die-Schulter-rutschen-Lassen draußen. Julia Werner

Wilson und die Karobuben

Das ist Wilson Gonzalez Ochsenknecht. Ein Kind seiner Zeit und deswegen einerseits hochgradig modeaffin und gleichzeitig immer auch total genervt von Mode. Aus dieser Zerrissenheit, die heute übrigens auch mal den einen oder anderen Spitzendesigner befällt, entstehen solche Looks. Wenn man freundlich sein möchte, ist das also ein All-in-One-Stil, wenn man keine Kraft mehr zum Freundlichsein hat, kann man auch sagen: So gehen verwahrloste Kinder in den Fasching. Aber nein, natürlich, jede einzelne Komponente dieses Outfits ist zuletzt mal angesagt gewesen, allen voran das karierte Flanellhemd. Das gehört als abgewetzter Klassiker natürlich in jede Herrenschublade, vornehmlich wenn sich die dazugehörige Kommode in einem Landhaus befindet und ein sehr schlecht gepflegter Land Rover Defender vor der Tür steht. Denn als Wald-und-Wiesen-Bekleidung ist das Flanellhemd unschlagbar, mit seiner marodierenden Fröhlichkeit und dem ewigen Luis-Trenker-Verwegenheitsbonus. Außerdem sind die Dinger herrlich warm, knittern kaum und halten ewig. Nur schade, dass es schwer ist, ein schönes Muster zu finden. Soll das Hemd in die Stadt, stellt der anspruchsvolle Träger schnell fest, dass es nur wenige harmonische Farb-Karo-Varianten gibt. Der Grat zwischen doll und dull ist jedenfalls gerade beim Holzfällerhemd sehr schmal. Zu viel Farbe, zu viel Stoff, zu große Karos, zu viele Linien - kein Mann hat eigentlich mehr als ein richtig gutes Flanellhemd. Wilson Ochsenknecht hat vielleicht sogar noch weniger. Max Scharnigg

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