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Ladies & Gentlemen:Das erste Lebenszeichen auf Instagram

Mit diesem Bild meldete sich Alexej Nawalny zurück ins Leben.

(Foto: Uncredited/Navalny/Instagram/AP/dpa)

Stilkunde für Profis: Wie meldet man sich nach einem Giftanschlag korrekt zurück?

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Auf der guten Seite: Julia Navalnaya

Wenn es einem mies geht, ist einem selbst und allen anderen natürlich völlig egal, was man dabei anhat. Für Personen mit politischer Mission ist das allerdings komplizierter. Es gilt, würdevoll Anzeichen der Besserung anzudeuten, dabei aber eindeutig noch ein wenig mitgenommen auszusehen. Was dem russischen Oppositionsführer Alexej Navalny wahrlich nicht schwer fällt. Aber was trägt man bloß als Rekonvaleszenzbegleiterin, also als Ehefrau? Wer so eine Situation schon mal mitgemacht hat, weiß: man muss Krankenhauspersonal hinterherrennen, Getränke holen und ab und zu mal frische Luft schnappen, sich dem Zustand des Gepflegten aus Solidaritätsgründen optisch anpassen, aber trotzdem Stärke beweisen. Dafür braucht man was Bequemes, aber auf keinen Fall Nachlässiges, denn das würde aufs ohnehin strapazierte Gemüt abfärben. Julia Navalnaya macht alles perfekt: sie trägt schlichtes T-Shirt, Jogginghose und weiße Turnschuhe, außerdem etwas unordentlich zusammengewurschtelte Haare, denn perfekte Frisuren im Krankenhaus wirken stets etwas vulgär. So sieht sie aus wie ein Hipster, der jederzeit die Ärmel hochkrempeln kann, wenn es sein muss. Dass über diesen Look nachgedacht und er nicht einfach so übergeworfen wurde, ist anzunehmen, denn die Fingernägel der Wirtschaftswissenschaftlerin sind perfekt lackiert, und die Nawalnys sind gezwungenermaßen Social-Media-Profis. Und so ist auch dieses Bild eine gelungene Inszenierung, allerdings von etwas ganz normalem: eine Frau wacht über ihren Mann und schaut nach überstandenem Wahnsinn in eine bessere Zukunft.

In der Ruhe liegt die Kraft: Alexej Nawalny

Spätestens seit "Game Of Thrones" wissen wir: Wenn Totgeglaubte zurückkehren, sind sie stärker und überzeugender in ihrer Performance als je zuvor. Ein bisschen Unsterblichkeit ist jedenfalls so ungefähr das attraktivste Gerücht, dass einen Mann umwehen kann. Der rekonvaleszente Rechtsanwalt Alexej Nawalny macht da keine Ausnahme. Kaum in Berlin vom Tropf gelöst, inszeniert er sich so mild lächelnd und sanft überlegen, dass in Wirklichkeit niemand Zweifel an seinem erfolgreichen Comeback haben kann. Auch sonst sind ein paar Sachen an diesem Instagram-Lebenszeichen von vergangener Woche bemerkenswert. Zum Beispiel, dass er in seinem Reha-Outfit nicht aussieht wie alle anderen Reha-Patienten in Deutschland zwangsweise aussehen, also wie desolate Ballonseiden-Frührentner, in deren Adern kein Blut mehr fließt, sondern nur noch natriumarmes Mineralwasser. Nawalany wirkt stattdessen wie ein Kosmonaut auf der ersten Pressekonferenz nach der Rückkehr aus dem All: heldenhaft erschöpft, ein bisschen angedötzt, doch vor allem aber irgendwie von Höherem erleuchtet. Dieser Effekt entsteht hier vielleicht einfach nur, weil die Weichkleidung des Mannes keine albernen Aufdrucke, keine übergriffigen Farben und keine lahmen Markenlogos hat. Das Streichen solcher allzu weltlichen Banalitäten und die Beschränkung auf dunkle Farben gibt der Szene selbst auf einem sterilen Krankenhausbalkon etwas Würdevolles. Nicht auszudenken, wenn er da jetzt mit einem roten Berlin-Bären-Shirt gesessen hätte oder einem Adidas-Sweatshirt, wie man es von kreuzbandkranken Fußballern gewöhnt ist. Nein, in diesem geheimnisvollen, weil verschwiegenem Outfit, mit dieser geheimnisvollen, weil verschwiegenen Tasse in der Hand und der schwebenden Frau auf dem Arm, würde es einen nicht wundern, wenn Nawalny im nächsten Augenblick von einem dunklen Helikopter abgeholt würde. Oder einem verbündeten Drachen. Ach nein, das war ja Game Of Thrones.

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