bedeckt München 22°
vgwortpixel

Ladies & Gentlemen:Am Rande der Oscars ...

... gab es doch ein paar Überraschungen. Klassisch guten Stil, zum Beispiel, wie man ihn gerne häufiger sehen würde. Und einen seltsamen Arbeiteroverall.

Für sie: Aura des Zufalls

(Foto: Eric Gaillard/Reuters)

Na, auch robenmüde nach der ganzen Preisverleiherei? So sahen auch viele Stars bei der Oscar-Verleihung aus, die ihr Pulver schon auf anderen Branchentreffs verschossen hatten. Weswegen wir hier nur auf den Look der Gattin von Alexandre Desplat (einem oscarprämierten Komponisten) eingehen wollen: Dominique Lemonnier. Nicht nur der Name zeichnet vor dem geistigen Auge ein Schloss irgendwo vor den Toren von Paris, wo die Hausdame japanische Hausmäntel trägt, mit spitzen Fingern aus Martinigläsern trinkt und Gästen mit Mayonnaise gefüllte Eierhälften von Boho-Porzellan reicht. Der dramatisch bemalte Abendmantel über schlichter weiter Hose und Bluse verstärkt diesen Eindruck noch. Früher war das ja mal genau der Effekt, nach dem man Stilnoten vergab: diese Aura von zufälligem Gutangezogensein. Man nimmt der Violinistin hier total ab, dass sie den Mantel kurz vor der Verleihung mal eben aus dem Schrank gezogen und sich übergeworfen hat: Er ist dem festlichen Anlass angemessen, aber nicht übertrieben aufgeregt, und im Notfall könnte man damit sogar noch in eine Bar gehen, ohne sonderlich barbiemäßig aufzufallen. Sie ist damit ein angenehmer Kontrast zu all den von Luxuslabels perfekt ausstaffierten Hollywood-Anziehpuppen, denen man keinen Werbediamanten wirklich glaubt. Es kann natürlich sein, dass Lemonnier von Valentino ausgestattet wurde und uns die Sache einfach lässiger verkauft. Egal, es geht bei Mode um den oben erwähnten Schlosscharakter, nicht um die Wahrheit. Julia Werner

Für ihn: Zu viel der Lässigkeit

(Foto: Frazer Harrison/AFP)

Trotz seines jugendlichen Alters ist der Schauspieler Timothée Chalamet schon ein erfahrenes Trüffelschwein, was die eigene Inszenierung angeht. Und er hat längst genug Stilbewusstsein, um immer wieder lustvoll mit den Erwartungen zu brechen. Stand er also zuletzt immer in interessanten Anzug- und Smokingvariationen auf dem roten Teppich, strolchte er bei den Oscars in einem Prada-Jumpsuit herum, der zumindest auf Twitter umgehend Fragezeichen und Heiterkeit zur Folge hatte. Er sehe aus wie sein Großvater in der Werkstatt, schrieb ein Beobachter, ein anderer fragte sich, wie viele Autoschlüssel Chalamet an dem Abend wohl schon überreicht wurden - mit der Bitte um Valet Parking. Tatsächlich wirkt der industrielle Arbeiteraufzug zwar cool, aber für die wichtigste Nacht Hollywoods doch ein bisschen zu tief gegriffen. Irgendwie muss man dabei an ein Dilemma denken, das wohl jeder Mann kennt: Vor einem wichtigen Auftritt oder Termin hadert man plötzlich mit der Gesamtsituation am Kleiderschrank und im Spiegel und entscheidet sich, genervt von Seidentuch und engem Schuh, schließlich für eine saloppe Outfit-Variante. Dazu spricht man sich selbst hundert Mal das Mantra vor: "Ist doch ganz egal. Heutzutage kann man doch alles anziehen." Sicher, oft trifft das zu. Aber die Anlässe, an denen einem doch auffällt, dass man lieber etwas Mühe auf die Garderobe verwendet hätte, werden zu umso schmerzhafteren Lebensereignissen. Wohl dem, der dann wenigstens Prada die Schuld geben kann. Max Scharnigg

© SZ vom 15.02.2020
Zur SZ-Startseite