Kurt Kister Von Petrus bis Franziskus

Kurt Kister ist Chefredakteur der SZ.

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Keine Angst vor dicken Büchern. Sie sind zwar unhandlich, und man kann sie schlecht auf dem Rücken liegend lesen, weil sie zu schwer sind. Volker Reinhardts "Pontifex. Die Geschichte der Päpste" (C.H. Beck, 38 Euro) sollte man trotzdem lesen, auf der Seite liegend, an einem Tisch sitzend oder an einem Stehpult (schönes Möbel). Vielleicht auch auf einem E-Reader, was gar nicht verwerflich ist.

Das Buch hat 928 Seiten. Eine Menge Holz. Aber der Historiker Reinhardt, der die Renaissance gut kennt und in der Schweiz lehrt, hat nichts weniger als eine Geschichte des Abendlandes geschrieben. Das Abendland ohne das Christentum ist nicht denkbar. Und das Christentum ohne die Päpste auch nicht.

267 von ihnen gab es seit Petrus und bis Franziskus. Reinhardt schreibt über sie alle. Petrus übrigens war gar kein Papst, schon allein weil sich das Verständnis vom römischen Bischof als dem Oberhaupt der (westlichen) Kirche erst vom 4. Jahrhundert an entwickelte. Der nüchterne Historiker Reinhardt schildert zudem, warum man nur glauben kann, dass Petrus in Rom war. Beweise dafür gibt es nicht - auch nicht unter dem Petersdom.

Man findet in dieser detailreichen Geschichtserzählung Bestätigung eigener Vorurteile (der Borgia-Papst, der schändliche Nepotismus, die Weltblindheit). Aber es ist genauso die Geschichte großherziger, vergessener Männer und idealistischer Intellektueller.

Kein anderes, nun ja, Staatswesen in Europa ist langlebiger als der Vatikan; das Werden und Sein vieler Länder hat sich mit ihm oder gegen den Papst entwickelt. Die Geschichte der Päpste ist auch ein Panoptikum der Geschichte Englands und Deutschlands, Frankreichs und Italiens. Wer wissen will, wie wir die geworden sind, die wir heute noch sind, der lese dieses Buch. Man liest es mit Gewinn, egal ob als Gläubiger oder als Atheist.