Mode & Liebe Oh Vivienne!

Kronthaler ist Creative Director der Firma seiner Frau. Seit zwei Jahren zeigt er seine Kollektionen unter dem Label "Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood".

(Foto: Meinke Klein/Unit)

Als Student verliebte sich Andreas Kronthaler, Modedesigner aus Tirol, in Vivienne Westwood. Heute ist er mit der "Queen of Punk" verheiratet - und der Creative Director ihrer Firma. Die Rollen sind klar verteilt.

Von Elisabeth Gamperl, London

Der Name seiner Frau ist 15 000 Euro wert. "Wer ist seit 1992 mit einem österreichischen Designer verheiratet?" fragte ein Moderator Anfang des Jahres bei der österreichischen Ausgabe von "Wer wird Millionär?". Die Antwortmöglichkeiten: Vivienne Westwood, Jean-Paul Gaultier, Jil Sander oder Stella McCartney. Der Kandidat zögert; befragt das Publikum, tippt auf Antwort A, Vivienne Westwood. Richtig, nächste Runde! Wie der Name des österreichischen Designers lautet, spielt keine Rolle.

Er spielt fast nie eine Rolle. Seit 30 Jahren nicht. So lange ist Andreas Kronthaler inzwischen mit Vivienne Westwood zusammen. Er, der Österreicher aus dem Zillertal, und sie, die britische Modegöttin aus London. Es war Liebe auf den ersten Blick, sagt Kronthaler, wenn man ihn nach dem Anfang fragt. In den Achtzigern lernten sie sich in Wien kennen. Er war Student, sie Gastprofessorin. Er 22, sie 47, ihre Söhne so alt wie er.

Fünf Jahre später war Kronthaler Vivienne Westwoods zweiter Ehemann. Und das ist er in erster Linie auch heute noch. Wie eine First Lady begleitet der 52-Jährige seine Frau zu öffentlichen Events, legt bei Diskussionsrunden die Hand auf ihre Schulter, während sie erzählt oder sitzt mit ihr beim Teekränzchen mit den Royals.

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Kronthaler, 52, sieht aus, als gehöre er auf einen Berg. Groß gebaut, Bart, Hemdknöpfe geöffnet, Kreuz auf der Brust. Er steht aber in der Küchenkoje des Vivienne-Westwood-Studios in der Elcho Street in London und isst Schokoladenkuchen. Das Studio ist unprätentiös, kein Pomp, kein Schnickschnack. An der Wand pinnen Modezeichnungen, auf dem Arbeitstisch zieht schwarzer Tee. Seine Pressesprecherin will, dass er Englisch spricht, damit sie ihn versteht. Es spricht österreichisches Sing-Sang-Englisch. "Love" klingt nach "Laff", "does it" nach "dooze it". Immer wieder wechselt er die Sprache, etwa dann, wenn er von daheim, von Tirol, spricht. Seit drei Jahren baut er dort einen alten Bauernhof um. Er hat ihn von seiner Mutter geerbt. "Ich wollte zu Hause einen Platz haben, der mir gehört."

Die meiste Zeit aber ist er in London, bei Vivienne. Kronthaler ist inzwischen Creative Director der Firma seiner Frau. Seit zwei Jahren zeigt er seine Kollektionen unter dem Label "Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood". Es sei Zeit geworden, in ihre Fußstapfen zu treten, sagt Kronthaler. "Meine Frau ist mittlerweile 77 und hat auch noch andere Interessen als Mode." Sie ist trotzdem stets präsent, im Gespräch ebenso wie in seiner Mode. Seine letzte Herbstkollektion etwa war eine Hommage an Vivienne, "ein Liebesbrief", sagt er. Kronthaler macht keinen Hehl daraus, dass seine Frau der Fixstern in seinem Leben ist. "Es gibt in einer Beziehung die eine Seite: Sex. Aber es gibt auch noch etwas anderes. Sie ist meine Seelenverwandte."

Entwurf von Andreas Kronthaler für Vivienne Westwood: ein Look von den Pariser Schauen für Frühjahr/Sommer 2019.

(Foto: Getty)

So viel Zugewandtheit scheint selbst Vivienne Westwood manchmal nicht ganz geheuer zu sein. Ihr Ehemann würde nur ungern alleine schlafen und Angst haben, alleine zu fliegen, verriet sie einmal in einem Interview mit dem Guardian. Manchmal bedränge er sie auch wie ein Kind. "Die ganze Zeit heißt es ,Vivienne? Vivienne?'"

Die Gegensätze könnten kaum größer sein

Sie Stilikone, er der Jüngling - die Rollen scheinen nach Jahrzehnten der Ehe klar verteilt zu sein. Trotzdem, und das ist vielleicht das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Ehe, sind sie noch ein Paar. Eines, das wie kein anderes der Beweis zu sein scheint für eine uralte Liebesweisheit: Gegensätze ziehen sich an. Während sie in den Siebzigerjahren mit ihrem damaligen Ehemann Malcom McLaren, dem Manager der Punkband Sex Pistols, Sadomaso-Kleidung schneiderte und Punk-Mode erfand, wuchs er in einem österreichischen Tal mit ein paar Tausend Einwohnern auf und nähte seinen Puppen Kleider. Seine Mutter war Antiquitätenhändlerin, sein Vater Kunstschmied. "Ich wusste, da gibt es irgendetwas außerhalb dieser Berge. Ich bin gegangen, so schnell ich konnte", erzählt Kronthaler. Mit 14 zog er nach Graz ins Internat, machte Abitur und eine Ausbildung zum Goldschmied. Er studierte erst Industriedesign, dann Mode in Wien. Eine seiner Gastprofessorinnen war Vivienne Westwood oder wie Kronthaler sagt: "die bestangezogenste Frau, die ich je gesehen hatte".

Westwood erkannte sein Talent. Seine Arbeiten waren damals von der Renaissance inspiriert und so geschneidert, dass die Kleider auf verschiedene Arten getragen werden konnten. Sie nahm ihn mit nach London. Er sollte dort weiter an diesem Stil arbeiten. "Es war alles sehr aufregend", sagt Kronthaler.

Entwurf von Andreas Kronthaler für Vivienne Westwood: ein Look von den Pariser Schauen für Frühjahr/Sommer 2019.

(Foto: Getty)

Der junge Liebhaber schlief anfangs im Studio, arbeitete hart, bewies sich. Als er das erste Mal in Viviennes Boutique ging, fand er die Klamotten irre. Er dachte sich: Das kannst du dir nicht kaufen, die Kleider sind nicht schön genug. Das war ein Schlüsselerlebnis. "Ich sah, dass ich einen Teil dazu beitragen könnte, und das habe ich einfach in die Hand genommen", sagte er in einem Interview. Bereits seine ersten Arbeiten wurden Teil der Kollektion. Er blieb in London und prägt seither den Stil des Labels mit. Unter den Augen seiner Frau begann er, Mode zu machen. Seine Kreationen sind schrill, bunt, exzentrisch. Nur eines sind sie nicht: politisch.

Das ist wohl der größte Unterschied zwischen ihm und seiner Frau. Provokation und Aktivismus sind ihr Repertoire. Westwood demonstrierte bereits auf einem Panzer gegen die umstrittene Fracking-Methode zur Erdöl- und Gasgewinnung, tauchte ohne Höschen bei der Queen auf und ließ sich vor ein paar Jahren einmal eine Glatze rasieren, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Außerdem soll sie regelmäßig den Wikileaks-Gründer Julian Assange in seinem Exil, der ecuadorianischen Botschaft in London, besuchen.

Kronthaler hingegen ist "not particular political". "Ich mache mir schon Gedanken, aber ich äußere sie nicht so extrem wie Vivienne. Ich halte mich da lieber raus." Von vielen Themen verstehe er auch einfach nicht genug. Er interessiert sich für andere Dinge. Religion fasziniert ihn zum Beispiel, auch wenn er lange Zeit mit seiner eigenen katholischen Herkunft haderte. Überhaupt scheint es, als habe er lange gebraucht, sich selbst zu finden.

Und der große Altersunterschied? "Nie ein Problem"

Fragt man Andreas Kronthaler, ob es ihn denn nie stört, immer nur der "Ehemann von" oder in der Klatschpresse auch gerne der "Toyboy" von Vivienne Westwood genannt zu werden, schüttelt er den Kopf. "Sie war immer schon meine Stilikone. Sie ist für mich das Ultimative."

Und als würde er die nächste Frage schon vorausahnen, fügt er hinzu: "Auch unser Altersunterschied war nie ein Problem." Alter war nie eine Kategorie in ihrer jahrzehntelangen Beziehung. Bis jetzt, zumindest. Denn an einer Sache merkt er den Altersunterschied dann doch: "Sie springt morgens nicht mehr so fit aus dem Bett wie früher." Allerdings begreift sich Andreas Kronthaler auch hier wieder als Erweiterung seiner Frau. "Wir sind alt geworden", sagt er. Dabei hat er als Kronprinz des Modelabels seine Zeit noch vor sich.

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