bedeckt München 25°

Mode:Oma geht's gut, danke!

Felix Haselsteiner für Krawattengeschichte

Beinahe seriös: der Autor als junger Krawattenträger.

(Foto: privat)

Weil unser Autor ein aus der Mode gekommenes Kleidungsstück trägt, muss er ständig dieselben Fragen beantworten. Eine Ehrenrettung der Krawatte.

Von Felix Haselsteiner

Kurz zusammengefasst tragen Don Draper, mein Vater, Paul Smith und Lothar Matthäus eine Mitverantwortung dafür, dass Menschen mich manchmal mit einem Blick anschauen, der alles von Anerkennung (selten) über Verwunderung (meistens) bis zu Verachtung (zu häufig) ausdrückt. Ob ich später noch in die Oper gehe, ob ich konfirmiert werde oder gar, ob jemand gestorben sei: Das sind die Fragen, die ich mir als Träger einer Krawatte häufig anhöre. Ich entgegne dann mit einem freundlichen Lächeln, der Vergewisserung, dass es Oma gut gehe, danke, oder aber dem nicht ganz ernst gemeinten Hinweis, dass ich erst morgen Abend Karten für "Turandot" habe. Mit Vorurteilen muss man spielen, und leider ist kaum ein Kleidungsstück so vorurteilsbehaftet wie eine Krawatte. Daher: Eine persönliche Gegenrede.

Um dieses Klischee gleich vorab auszuräumen: Ich kann sowohl "Nessun dorma" als auch "Numb/Encore" von Jay-Z und Linkin Park auswendig zitieren, ich hoffe, das reicht als Beleg für fehlenden Konservatismus aus. Warum Krawatten? Erstens: Weil mein Vater in meiner Kindheit immer Krawatte trug und ich, wie so viele Kinder, immer schon meinem Vater nacheifern wollte und mir seine Krawatten umband. Meine Mutter fand das immer schon furchtbar, aber fügte sich meinem starken Willen zur frühkindlichen Seriosität. Zweitens: Weil Don Draper aus "Mad Men" mit seinem Sechzigerjahre-Look aus hervorragend geschnittenen Brooks-Brothers-Anzügen und extradünnen Krawatten mir später als Jugendlicher imponiert hat. Drittens: Weil der britische Designer Paul Smith genau diesen Look ebenso verehrt, laufend reproduziert und es schafft, mit kleinen, unscheinbaren Farbakzenten Lockerheit reinzubringen. Viertens: Weil ich Lothar Matthäus widersprechen möchte, wenn er mein liebstes Kleidungsstück entehrt.

TV-Experten brauchen sie, aber wofür eigentlich?

Der Ex-Fußballer Matthäus nämlich sitzt wöchentlich als Experte des Fernsehsenders Sky in einem Studio und trägt dort folgende Kombination an Kleidungsstücken: weißes Hemd, schwarze, extradünne Krawatte, schwarze Hose - und entsetzlich hippe, verzweifelt nach Jugendlichkeit schreiende kunterbunte Schuhe. Hierin liegt das elementare Problem, das die Krawatte hierzulande hat: Sie ist die zwanghafte Methode, um seriös zu wirken, wo Seriosität - wie bei Matthäus und seinen bunten Sneakern - gar nicht mehr möglich ist.

Die Krawatte ist das Kleidungsstück der TV-Experten, weil sie irgendeiner ungeschriebenen Konvention nach Krawatte zu ihrem mit Sponsorennamen besprenkelten weißen Hemd tragen müssen. Der Politiker, wenn sie ernste Dinge verkünden, und der Politiker, wenn sie Donald Trump sind, dann in extrabreiter Version. Und ja, auch der Politikersöhne wie Joe Laschet, der seine breiten Krawatten auf seinem Instagram-Account auf derart prollige Weise trägt, dass selbst ich als Krawatten-Fan ihm gerne die Frage stellen würde, wo denn im Februar-Lockdown die abendliche Campari-Cocktailparty stattfindet, auf der er sandfarbene Chino, hellblaues Hemd und dunkelblaue Streifen-Krawatte kombiniert.

In Wahrheit ist die Krawatte jedoch kein aufreizendes Stilmittel der Instagram-Schönlinge, sondern ein Akzent im sonst häufig entsetzlich uniformen Look der heutigen Männermode, der irgendwann mal mit der Einführung des Casual Friday begann und heute zum Casual All Week mutiert ist. Natürlich sind Krawatten daher heute ein Statement, auf das vor allem diejenigen mit Argwohn blicken, die sonst Offenheit für alle Gedanken, Sexualitäten und Kleidungsstile fordern - offenbar aber nur, solange man keine Kleidungsstücke trägt, die als elitär gelten.

Ich jedenfalls müsste lügen, wenn die Krawatte nicht jedes Mal auch ein kleiner Protestakt gegen fehlende Offenheit für alle Stilformen wäre. Und auch gegen diejenigen, die es sich aus meiner Sicht zu leicht machen mit der Mode: der Reiz der Bequemlichkeit, der in meiner Generation dazu geführt hat, dass auch Lederschuhe per se als unbequem und unpraktisch gelten, während weiße Sneaker die scheinbar perfekte Wahl für Regenwetter, Sonne, Eiswind und jegliche anderen Wettersituationen geworden sind. Der durchschnittliche 25-Jährige trägt seine unscheinbaren, uniformen Sneaker heute mit solcher Überzeugung in allen Lebenslagen von Nobelrestaurant bis Klettersteig, dass der Gedanke an einen etwas einschnürenden Bund um den Hals, der im Wind flattert und aus dem Flecken kaum zu entfernen sind, selbstverständlich für Schweißausbrüche sorgt. Krawatten werden als schnöselig abgetan, in Wahrheit ist es bei vielen simpler: Sie passen einfach nicht in eine Modewelt, in der Komfort immer Trumpf ist und in der man zwar "cool" sein will, aber lieber nicht hervorsticht.

Krawatten sind insofern weder Klassik- noch Rapmusik, sondern vielmehr: Jazz. Nicht nur der Eleganz wegen, sondern auch der Geschichte. Es ist einige Jahrzehnte her, da wurde im Laufe einer Generation beschlossen, dass Jazz aus der Zeit gefallen ist. Auch damals wurde das großspurig dargestellt: Wandel der Zeit, Wandel der Werte, Rebellion gegen die Elite und so weiter. In Wahrheit war Popmusik (die weißen Schuhe dieser Metapher!) einfach nur komfortabler als ein dreiminütiges Klaviersolo von Bill Evans. "It's not relaxing", sagt Ryan Goslings Figur Sebastian in "La La Land" über Jazzmusik: "And it's dying. And the world says: Let it die, it had it's time. Well, not on my watch." Und exakt dasselbe würde ich über Krawatten sagen.

© SZ/chrm
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB