Kopien in der Mode:Der Zara-Rock überlebt die nächste Saison nicht

Bei den meisten Kleidungsstücken ist die Kopie ohnehin nur auf dem Papier oder aus sicherem Abstand eine Kopie. Noch in der Umkleidekabine entzaubert sich der Polyester-Klon, spätestens nach dem ersten Waschen. Der Schnitt des Plisseefaltenrocks für 49,95 Euro von Zara ist überraschenderweise doch nicht so aufwendig wie der des 1300-Euro-Exemplars, der nicht elektrisch aufgeladen an den Beinen klebt, sondern das sanfte Umherflattern mit eingebaut hat, weil die Plissees oben aus leichtem Organza und am Saum aus schwererem Georgette-Satin sind.

Im besten Fall hat das Designerteil noch ein Stoßband in den Bund eingearbeitet, damit es sich auch Jahre später nicht weitet. Bei dem Zara-Rock ist das egal. Der erlebt, wie eine ähnliche Plissee-Kopie von H&M, die nächste Saison sowieso nicht.

Um die Unterschiede noch deutlicher zu machen, setzen viele Modehäuser auf immer aufwendigere Verarbeitung, hochwertigere Materialien, mehr Details. Abschrecken lassen sich die großen Ketten davon nur bedingt. Dann werden eben statt Swarovski- ein paar Strasssteinchen auf das Sweatshirt geklebt. Gleichzeitig wird auch Zara ambitionierter. Die "rund 200 eigenen Designer", die das sonst so kommunikationsscheue Unternehmen gern erwähnt, wenn es wieder mal des Abkupferns beschuldigt wird, sind vor allem junge Leute, die ihr Handwerk durchaus verstehen.

Das echte Leder wird durch künstliches ersetzt

Manchmal wagen sie sich sogar an komplizierte Teile heran: etwa das nudefarbene Trägerkleid in Leder, das an das Valentino-Modell vom vergangenen Sommer erinnert. Extravagantes Detail war hier der "À Jour Stitch" an Taille und Rock, eine Haute-Couture-Technik.

So etwas kann Zara nicht irgendwo zusammenschneidern lassen, trotzdem sieht die aufwendige Naht erschreckend ähnlich aus. Dafür wird das weiche Leder von Valentino bei Zara durch Kunstleder aus 100 Prozent Polyurethan ersetzt und das "Futter", nennen wir es Rückseite, besteht aus Polyester. Hauptsache, die Fassade steht.

Was Designer viel mehr plagt, ist die Schnelligkeit, mit der vor allem Zara in der Regel kopiert. Die Spanier benötigen nur zwei bis drei Wochen von der Idee bis zur Ankunft im Laden. Und sie müssen dafür nicht einmal mehr bei den Schauen gewesen sein.

Für die Designer ist das neue Tempo ein Albtraum

Die Fotos auf Seiten wie style.com genügen, um festzulegen, von welchen Trends man sich "inspirieren" lässt. Die Teile hängen lange vor den Designerkleidern im Laden, der Klon überholt das Original, das aufwendiger und langwieriger produziert wird. Tom Ford, der es "hasst", von Zara kopiert zu werden, sperrte deshalb bei seinem Comeback 2010 alle Fotografen und Kameras aus.

Weil Zara und H&M nicht nur schneller, sondern rund zweimal pro Woche neue Ware liefern, erwarten die Kunden jetzt überall ständig neuen Stoff. Deshalb sind die Pre-Collections so wichtig geworden, ein Designer muss nun mindestens vier Kollektionen pro Jahr entwerfen. Und das führt zu: richtig, noch mehr Kopien.

Für die Designer ist das neue Tempo mitunter ein Albtraum. John Galliano gestand nach seinem volltrunkenen Ausraster mit antisemitischen Äußerungen, der ihn den Job bei Dior kostete, das Pensum sei schlicht unerträglich gewesen. Wo sollen laufend neue Ideen herkommen? Selbst Phoebe Philo wurde bei ihrer Winterkollektion 2013 beschuldigt, einen Mantel von Geoffrey Beene abgekupfert zu haben. Die Idee mit den vorn geknoteten "falschen Ärmeln" war tatsächlich sehr ähnlich, Karl Lagerfeld sagte medienwirksam, er sei "ein bisschen geschockt gewesen".

Der ganz große Aufschrei blieb dennoch aus. Denn solche " Zufälle" gibt es immer wieder. Der Illustrator Alexandro Palombo stellte auf seinem Blog unlängst Pradas Blümchen aus dem Sommer 2013 neben alte, ähnliche Entwürfe von André Courrèges aus den Sechzigern, ein Dior-Kleid von Raf Simons verglich er mit einem Kleid der Kostümdesignerin Edith Head für Grace Kelly. Vielleicht fordert auch deshalb niemand mehr vehement ein Copyright für Mode: Jeder könnte gegen jeden klagen.

© SZ vom 05.04.2014
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