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Konsum in der Krise:Der Duft der Gegenwart

Wenn praktisch nichts im Leben mehr so ist wie früher, gewinnen plötzlich ganz unerwartete Dinge an Bedeutung. Zum Beispiel ein Fläschchen Parfum, das unsere Autorin in einer Pariser Apotheke findet.

In Paris, wo ich die letzten Wochen war, ist man mit den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus streng. Wann immer man vor die Tür geht, muss man einen Ausgehschein ausfüllen, auf dem anzukreuzen ist, aus welchem der wenigen erlaubten Gründe man rausgeht. Zum Beispiel: körperliche Aktivität. Allerdings nicht länger als eine Stunde am Tag, nicht weiter von der Wohnung entfernt als einen Kilometer und natürlich allein. Ebenfalls erlaubt: die Erledigung der notwendigsten Einkäufe. Was dazu gezählt wird, lässt sich daran ersehen, welche Geschäfte noch geöffnet sind. Neben Supermärkten und anderen Lebensmittelgeschäften sind das Tabak-Kioske, Zeitungsläden. Und Apotheken.

Nachdem sich der erste Schock gelegt hatte und vor dem nächsten und übernächsten Schock angesichts der Nachrichten aus Italien oder den USA eine bange Verschnaufpause war, dämmerte einem bei einem der kurzen Ausflüge nach draußen, was in Paris auf einmal anders war, jetzt mal abgesehen von den offensichtlichen Veränderungen - dass es ruhiger war, die Luft besser und die Vögel lauter sangen: Man war nicht mehr permanent zum Konsum aufgefordert. Was in dieser Stadt wirklich einen enormen Unterschied macht: Im Stadtkern ist Paris ja kaum noch vom Inneren eines Flughafens zu unterscheiden, wenn man von den schönen Gebäudefassaden mal absieht. Selbst in den Museen werden die Shops immer größer. Und auf einmal hatten all die schicken Boutiquen, die großen wie die kleinen, ihre Schaufenster umsonst dekoriert. Man konnte die Waren zwar noch sehen, aber nicht mehr kaufen.

Nach etwa einer Woche stellte sich ein merkwürdiger Effekt ein: Auf einmal weckten selbst Dinge, die einen normalerweise nicht interessieren würden, Begehren. Da war zum Beispiel diese geblümte Porzellandose, ein nicht allzu großes rundes Gefäß mit abnehmbarem Deckel, für das ich keinerlei Verwendung hätte. Doch ich bemerkte, dass ich jedes Mal, wenn ich auf dem Rückweg meiner täglichen Jogging-Runde daran vorbeikam, mein Tempo verlangsamte, um ins Schaufenster zu sehen. Eines Tages blieb ich davor stehen. Und noch einen Tag später fotografierte ich es sogar. 35 Euro steht auf dem Preisschild. So viel sollte diese Dose kosten, wäre sie zu kaufen, aber das ist sie ja nun nicht. Oder der Baststuhl im Fenster eines Ladens für Modeschmuck. Auf einem Zettel stand, dass sie noch online verkauften. Ich ging extra auf die Homepage, um zu bemerken, dass er nur Dekoration gewesen war.

Die Überforderung als Konsument fühlte sich so schön normal an

Und irgendwann entdeckte ich dann die Apotheke. Eigentlich war ich nur hineingegangen, um mal wieder zu fragen, ob es denn immer noch keinen Mundschutz gäbe (nein) oder Desinfektionstücher (nein) oder 70-prozentigen Alkohol (nein). Gut, sagte ich, dann sähe ich mich noch etwas um. Und so fand ich das restliche Sortiment. Regale voller Conditioner für jede, wirklich jede Haarbeschaffenheit. Nagellacke in allen Farben des Regenbogens, dazu Unterlacke, Überlacke. Klärende Detox-Kohlemasken für die fettige Gesichtshaut, Masken gegen Rötungen für die empfindliche Gesichtshaut, feuchtigkeitsspendende 48-Stunden-SOS-Rettungsmasken für die trockene Gesichtshaut. Und während ich unschlüssig vor den Regalen stand und mich fragte, ob ich eigentlich normales oder trockenes, schwächelndes, fettiges, starkes oder empfindliches Haar hatte, wie ich mich das schon so oft in meinem Leben vor einem solchen Regal stehend gefragt hatte, merkte ich, wie sich ein Gefühl meiner bemächtigte, das mir vertraut und zutiefst angenehm war.

Es lässt sich vielleicht am besten als Abwesenheit von Sorgen und Angst beschreiben. In der ganz normalen Überforderung als Konsument fühlte ich mich endlich wieder wie ich selbst. All diese Waren, die ich kaufen könnte, ohne sie wirklich zu brauchen: Diese kleine Macht gab mir Sicherheit, Freiheit und Kontrolle zurück, wenigstens für den Moment. Es fühlte sich tröstlich an.

Ich kaufte schließlich ein Parfum. Für Apotheken-Parfumverhältnisse war es sogar recht teuer, 55 Euro, aber ich habe noch keinen einzigen davon bisher bereut. Der Flakon ist klar, das Glas unten gelb getönt, was ihm etwas Sonniges, Vergnügliches, verleiht. Der Duft ist mir eigentlich zu blumig, es riecht ganz anders als meine sonstigen Parfums, aber genau darum geht es: Ich möchte keines meiner normalen Parfums mit dem Umstand belasten, mich später für immer in meiner Sense Memory an diese Zeit erinnern zu müssen, so nett wir sie uns auch alle zu machen versuchen mit Buchklubs, Pilates-Konferenzschaltungen und jeder Menge Chablis. Mein neues Parfum riecht zuversichtlich. Als ob es trotz allem an das Gute glaubt, bei jedem Aufsprühen neu. Und während ich den Tag herbeisehne, an dem ich es wegpacken werde, um es nie wieder zu benutzen, liebe ich es sehr. Möge diese Liebe möglichst schnell enden.

© SZ vom 04.04.2020
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