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"Power Pottery":Schöner als das Ideal

Berliner Keramikkünstlerin für die Stil3 unten

Nackte Schönheit: Werke der Künstlerin Viola Hänsel.

(Foto: Marie Benaboud)

Die Keramikkünstlerin Viola Hänsel fertigt Vasen, die den weiblichen Körper abbilden - mit allen angeblichen Schwächen.

Von Lara Voelter

Töpfern und kein Ende: Das Revival der selbstgemachten Keramik, vor sehr langer Zeit mal als plumpes Accessoire für Ökofans verschrien, hält an - was kein Wunder ist in Zeiten der Pandemie. Viel Zeit zu Hause, da boomen die guten alten Hobbys. Die Zeitschrift Freundin ließ neulich raunend und mit etwas Verspätung wissen, die Wirkung beim Arbeiten mit Ton sei so "ähnlich wie bei einer Meditation". Und immer neue Bücher nähren die Illusion, jeder könne zu Hause im Handumdrehen zum Kunsthandwerker werden, schicke Instagram-Posts inklusive.

Bei Viola Hänsel liegt die Sache anders. Der Keramikkünstlerin aus Berlin geht es weniger um eingängiges Gestalten, sondern um eine Botschaft: Sie fertigt Vasen aus Ton, die Ausschnitte des weiblichen Körpers abbilden, realistisch oder fantasievoll verfremdet. Meistens sind es Torsi mit Brüsten, die eben nicht den Standards des herrschenden Schönheitsideals entsprechen, sondern so aussehen wie in der Wirklichkeit: mal groß, mal mittelgroß oder klein, straff oder nicht mehr wirklich fest, mit großen oder kleinen Brustwarzen. Mit diesem Projekt namens "Power Pottery" möchte die 30-Jährige zeigen: Frauenkörper sind vielfältig. Und es gibt weit mehr Varianten als das genormte Bild der jungen, weißen, schlanken Frau mit perfekter Figur.

"Darstellungen des weiblichen Körpers zeigen meist ein Ideal. Und selten einen Körper, der anders ist, der davon abweicht. Dabei sehen wahrscheinlich 95 Prozent der Frauen nicht so aus", sagt Viola Hänsel. Wie könne etwas zur ästhetischen Norm erklärt werden, das in keiner Weise dem Aussehen der breiten Masse entspreche? Sie schüttelt den Kopf, "das ist absurd". Bei ihren Vasen steht das Modell mit fülligen Hüften neben dem mit dem rundlichen Bauch, es gibt die hochgewachsene Form genauso wie die gedrungene.

Jedes Stück ist ein Unikat und bewusst unperfekt

Begonnen hat ihr Herzensprojekt als Hobby. In ihrem Beruf als Architektin habe sie gemerkt, dass ihr das Gestalterische fehlte. Bauvorschriften und Brandschutzgutachten zu wälzen, Rechnungen zu prüfen und Terminpläne zu schreiben: Mit der Kreativität, die Hänsel aus der Uni kannte, hatte das nicht viel zu tun. Dass die Baubranche männerdominiert sei und man "immer Stärke zeigen" musste, tat ein Übriges. Nach dem Besuch eines Töpferkurses merkte sie, wie gut es ihr tat, mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen. Als eine ihrer Freundinnen ein Kind erwartete, töpferte sie ihr eine Vase, die eine schwangere Frau darstellte. Das war der Anfang von "Power Pottery".

"Dass bei meinen Vasen keine der anderen gleicht, ist genau der Charme", erklärt Viola Hänsel. "Und das passt gut zu meinem Projekt." Es geht ihr ja gerade darum, die Vielfalt und die Individualität der weiblichen Körper abzubilden. Da sie ohne Töpferscheibe arbeitet, nur mit Werkzeugen wie Schabern aus Gummi oder Metall, ist jedes Exemplar ein Unikat: mit kleinen Besonderheiten und eben nicht perfekt. Außerdem kommen Tonarten in unterschiedlichen Farben zum Einsatz, je nachdem, aus welcher Region das Material stammt. Schwarz, weiß oder braun, das entspricht den verschiedenen Hautfarben der Menschen. Die Oberflächen bleiben unbehandelt oder werden mit transparenter Glasur bestrichen.

Berliner Keramikkünstlerin für die Stil3 unten

Begonnen hat Viola Hänsel ihr Herzensprojekt als Hobby.

(Foto: Viola Hänsel)

Malika, Leonie, Aminata: So heißen die "Damen", wie Hänsel ihre Keramikvasen hin und wieder liebevoll nennt. "Ich taufe jede Vase, wenn sie fertig ist, das macht richtig Spaß", erzählt sie lachend. Nachdem sie eine Vase nach der anderen töpferte und immer mehr Freunde und Bekannte ein Exemplar kaufen wollten, beschloss sie vor einem Jahr, nur noch in Teilzeit als Architektin zu arbeiten. In diesem Mai eröffnete sie schließlich ihren Onlineshop. Inzwischen hat sie sich in ihrer Neuköllner Altbauwohnung auch eine Werkstatt eingerichtet.

Es gibt auch Kritik. Schlaffe Brüste? Zeigt man nicht

Vor allem über den Instagram-Kanal "powerpottery" stoßen die Kunden auf die ungewöhnliche Töpferkunst aus Berlin. Und es sind fast ausschließlich Frauen, die die Vasen in unterschiedlichen Größen kaufen. Die Künstlerin verschickt ihre Einzelstücke europaweit, bisher kommen die meisten Käuferinnen aus Deutschland. Aber auch aus Skandinavien landen immer wieder Anfragen in ihrem Postfach. Mit einer analogen Kamera setzt Viola Hänsel, die ursprünglich aus München stammt und dort auch sechs Jahre studiert hat, ihre Tongefäße dekorativ in Szene: mit bunten Wiesen- oder Schnittblumen, Topfpflanzen, Kakteen oder Kerzen. Sie habe nie damit gerechnet, dass ihre Geschäftsidee so gut laufen würde, sagt Hänsel. Bei Auftragsarbeiten habe sie sogar eine Pause einlegen müssen, weil sie sonst "mit dem Töpfern gar nicht mehr hinterher kommt". Und damit einen Teil der Freiheit verliert, die ihr so viel bedeutet.

"Es ist mein großer Wunsch, meinen Lebensunterhalt komplett als Keramikkünstlerin verdienen zu können", sagt sie. "Aber das braucht noch Zeit." Mindestens 60 Euro kosten die Vasen in ihrem Onlineshop. Auch einige Berliner Läden wie der Concept Store Schepperheyn verkaufen ihre Stücke. Und es gebe, berichtet die Künstlerin, auch immer wieder Frauen, die sie kritisieren. Schlaffe Brüste darzustellen sei schrecklich, heiße es dann, so etwas dürfe doch nicht gezeigt werden - manche haben das Körperidealbild eben tief verinnerlicht.

Am häufigsten verkauft Hänsel das Modell der schmalen, weißen Vase. "Die sind immer sofort weg." Aber das animiere sie keineswegs dazu, immer mehr Exemplare davon herzustellen. Das wäre viel zu einfach. Es geht ihr schließlich darum, etwas zu bewegen. Viola Hänsel erklärt: Man finde häufig das schön, was einem vertraut ist. Und die Mehrheit ihrer Kundinnen habe eben eine weiße Hautfarbe. "Aber ich wünsche mir, dass sich das ändert. Dass meine Kundschaft nach und nach immer diverser wird."

© SZ/vs
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