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Kaffeekultur:Wacher als wach

Coffee owl; Eule

Death Wish Coffee, Shock Coffee, Military Coffee: Wettrösten um den höchsten Koffeingehalt. Damit auch der müdeste Mensch zur Nachteule wird.

(Foto: Shutterstock)

In den USA wetteifern Hersteller darum, wer "den stärksten Kaffee der Welt" liefert. Der Ultra-Koffeinkick für Arbeitswütige und Schlafmuffel kann gefährlich werden.

Von Kathrin Werner, New York

Dieser Kaffee ist tiefschwarz, ein wenig zähflüssig, schmeckt erdig und macht wach, sehr wach. Das Herz schlägt schneller. Ein großer Becher hat 702 Milligramm Koffein, behauptet Black Insomnia, die Firma hinter den Bohnen. Ein unabhängiges Schweizer Labor habe das nachgewiesen. 702 Milligramm Koffein sind mehr, als in sechs Dosen Red Bull oder zwei Riesenbechern der Riesenbecherkette Starbucks enthalten sind.

Angeblich ist dieser Kaffee der stärkste der Welt. Mit dem Anspruch steht die Firma allerdings nicht allein da. Ein Start-up nach dem anderen beansprucht den Weltmeistertitel des Koffeinkicks für sich. Ein Labortest nach dem anderen kommt auf einen Koffeingehalt pro Tasse, der dem durchschnittlichen Konsumenten die Hände schon beim Lesen erzittern lässt. Dazu kommen martialisch klingende Namen: Death Wish Coffee, Radioactive Coffee Company, Military Grade Coffee, Shock Coffee. Alle drucken auf ihre tiefschwarzen Etiketten: "Stärkster Kaffee der Welt". Banned Coffee aus Los Angeles hat auf der Firmenwebsite den "Krieg des stärksten Kaffees" ausgerufen. In den USA ist Ultrakaffee ein riesiger Trend, es wird aufgeröstet.

Am liebsten gar nicht mehr schlafen

Bei all dem Wetteifern um den Siegertitel stellt sich die Frage nach dem Warum. Die Amerikaner arbeiten hart, beantworten auch nachts noch Arbeitsmails und jonglieren oft mehrere Jobs gleichzeitig. Der Druck, perfekt zu sein, steigt - und dafür muss man wach sein. Oder besser: wacher als wach. Manch einer wünscht sich, gar nicht mehr zu schlafen.

"Es sieht so aus, als bräuchten die Menschen mehr und mehr Koffein, um die zunehmend komplizierten Aufgaben zu lösen, die jeden Tag auf sie einprasseln", heißt es bei Banned Coffee aus Kalifornien. Biohazard Coffee wirbt: "Erreiche Nonstop-Produktivität." Und: "Werde unaufhaltsam." Was hier geschieht, ist eine Art legales Doping für die Höher-schneller-weiter-Gesellschaft, immer on, immer online, immer wach. Die Verwandlung des Menschen in eine Maschine mittels Kaffee. Der ist das schwarze und flüssige Gegenprodukt zur Entschleunigung.

"Manche Leute brauchen einfach einen Extrakick", sagt Alyssa Hardy von Death Wish. "Manche Leute sind eben härter als andere." Die Etiketten und Webseiten der Hersteller sind schwarz und hypermaskulin, vollbärtige Männermodels und das Motto: Schlafen ist für Weicheier. Ein Selbsttest ergibt: Die Wirkung von Black Insomnia hält stundenlang an.

Schwarz, hypermaskulin - der Inbegriff von cool

Kaffee ist schon seit einigen Jahren ein Trendprodukt, es geht um die perfekte Röstung der perfekten Bohne aus dem perfekten Anbaugebiet. Hipster reden vom Kaffee wie andere über Wein, und sind entsprechend bereit, dafür viel Geld auszugeben. Die Zeiten, in denen in den Vereinigten Staaten Kaffee schmeckte wie bräunlich verfärbtes Heißwasser sind vorbei, und das seit Jahren schon. Kleine, spezielle Kaffeesorten sind der Inbegriff von cool. Und der Koffeinkick-Wettstreit ist endgültig der Überzüchtungsbeweis.

Um was es wirklich geht? Der Siegertitel für den stärksten Kaffee ist vor allem wichtig fürs Marketing, gibt Sean Kristafor zu, der Gründer von Black Insomnia, einem Unternehmen aus Südafrika, das seit wenigen Wochen auch in den USA verkauft. "Wenn man aus der Masse herausragen will, muss man ,am x-sten' sein: am größten, am schlauesten, am stärksten, am billigsten", sagte er dem Fernsehsender CNN. Death Wish Coffee ist nach eigenen Angaben Erfinder der Idee, den weltstärksten Kaffee zu rösten, und will Kunden ihr Geld zurückzahlen, die irgendwo stärkeren Kaffee auftreiben. Rivale Banned Coffee hat ein unabhängiges Testlabor beauftragt, das 350 Milliliter Kaffee mit fünf Esslöffeln Kaffeepulver brühte. Und siehe da: Banned Coffee siegte mit 237 Milligramm Koffein. Death Wish Coffee schaffte gerade einmal 151 Milligramm, kaum mehr als Normalkaffee. "Lass die Wissenschaft die Wahrheit sprechen", stänkert nun Banned Coffee im Firmenblog. "Wir suchen die besten Bohnen aus und lassen die schlechteren für die anderen übrig."

Allein im US-Versand des Internethändlers Amazon geben 15 Marken an, die stärksten der Welt zu sein. Der Haken für Kaffeejunkies auf der Suche nach dem weltgrößten Koffeinkick ist allerdings, dass der Koffeingehalt von Test zu Test stark schwankt. Der Kaffee-Blog Caffein Informer sieht Death Wish sowohl vor Black Insomnia als auch vor Banned Coffee, Gesamtsieger des Rankings ist allerdings Biohazard. Die Laborproben sind nicht sehr verlässlich. Kaffeebohnen sind ein Naturprodukt, der Koffeingehalt kann von einer Bohne zur nächsten schwanken, kleine Unterschiede beim Kochen können zu großen Abweichungen im Koffeingehalt führen. Abgesehen davon: Gesund ist das alles wohl nicht, zumindest nicht, wenn man nicht vorsichtig ist.

Die Tagesdosis von 400 Milligramm ist schnell erreicht

Ein wenig schizophren ist dieser Koffeinkick-Wahnsinn schon. Einerseits geben die Röster ihrem Kaffee beängstigende Namen, auf der andere Seite wird der Nutzen für den Körper betont. Fakt ist: Der meiste normale Kaffee, der sich im Laden auftreiben lässt, besteht aus Arabica-Bohnen. Sie sind typischerweise feiner, milder und aromatischer und machen rund 70 Prozent der Kaffeeproduktion der Welt aus. Die Alternativbohnenart Robusta wird meist untergemischt und zu Instantkaffee verarbeitet, sie schmeckt bitterer, satter, erdiger und hat 50 bis 60 Prozent mehr Koffein in kleineren Bohnen. Die Kaffeesorten im Ultrakaffee-Wettrennen bestehen meist größtenteils aus Robusta.

Der Blog Caffein Informer bewertet all die Ultrakaffees als "extrem gefährlich" und rät, man solle sie auf keinen Fall so trinken wie Normalkaffee. Wobei Caffein Informer nicht von "trinken" sondern von "nutzen" spricht - als handele es sich um eine Droge statt um ein jahrhundertealtes Traditionsgetränk. Die Tagesdosis von 400 Milligramm, die ein durchschnittlich empfindlicher Mensch laut der US-Lebensmittelaufsicht FDA ohne Gesundheitsrisiko trinken kann, ist schnell erreicht. Und eine Koffein-Überdosis kann in seltenen Fällen sogar tödlich sein.

© SZ vom 09.06.2017/ees
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