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Mode in Zeiten von Corona:"Was wir brauchen, sind Visionen"

"Wir sollten unser Konzept von Wachstum überdenken, nicht nur in der Mode": Kaat Debo.

(Foto: Kevin Faingnaert)

Wie soll die Modebranche durch die größte Krise ihrer Geschichte kommen? Kaat Debo leitet das Modemuseum MoMu in Antwerpen und hat auf diese Frage viele Antworten.

Interview von Tanja Rest

Geschlossene Stores, unverkaufte Kollektionen, leere Laufstege: Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie fragt sich die Modebranche, wie es eigentlich mit ihr weitergehen soll. Man kann darüber wunderbar mit Kaat Debo sprechen. Die 44-jährige Belgierin hat Literatur und Philosophie studiert und leitet seit elf Jahren das Modemuseum MoMu in Antwerpen. Am Tag des Interviews ist sie ins Büro geradelt und an vielen leeren Geschäften vorbeigekommen. Sie sagt: "Die alten Rezepte werden hier nicht mehr wirken. Was wir jetzt brauchen, sind Visionen."

SZ: Madame Debo, die Mode erlebt ihre größte Krise seit Jahrzehnten. Viele sehen darin eine Chance. Was glauben Sie?

Kaat Debo: Die Modeindustrie war schon lange vor Corona in der Krise. Man sieht es jetzt nur deutlicher, und das Bewusstsein, dass sich dringend etwas ändern muss, ist größer als zuvor.

Was muss sich ändern?

Das ganze System. Wie wir Mode produzieren, wie viel wir produzieren, in welcher Form die Kollektionen präsentiert werden, wann wir sie ausliefern, wie wir die Designer von morgen ausbilden.

Sie halten es ernsthaft für möglich, dass sich eine ganze Branche in Frage stellt?

Es wird nicht über Nacht passieren. Was mich aber optimistisch stimmt: Das globale Modebusiness, wie man es heute kennt, ist ein relativ junges Phänomen, kaum 30 Jahre alt. Vielleicht bin ich naiv, aber ich denke, was in dieser historisch kurzen Zeitspanne passiert ist, lässt sich in Teilen auch wieder zurückdrehen.

Wo fängt man an?

Bei der Nachhaltigkeit. Als die jungen Klimaaktivisten vor einem Jahr auf die Straße gingen, war auch die Mode gemeint. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Wann bist du als Designer erfolgreich? Wenn dein Label in 300 Läden auf der ganzen Welt verkauft wird? Ist es wirklich nötig, eine Kollektion um den ganzen Erdball zu verschiffen - oder reicht es vielleicht auch, wenn die Sachen in ein paar Ländern in Europa erhältlich sind? Zu Beginn der Quarantäne habe ich ein Podiumsgespräch mit der Designerin Gabriela Hearst gehört, die nachhaltig produziert. Sie hätte die Zahl der Stores, in denen sie verkauft, verdoppeln können und hat sich dagegen entschieden. Sie sagte: "Bevor ich eine geschäftliche Entscheidung treffe, überprüfe ich, ob sie mit meinen Überzeugungen vereinbar ist oder nicht."

Ein rarer Standpunkt in dieser Branche, die gnadenlos auf Wachstum getrimmt ist.

Wir sollten unser Konzept von Wachstum überdenken, nicht nur in der Mode. Die Vorstellung, dass ein Unternehmen von Jahr zu Jahr wachsen müsse, um zu überleben, halte ich für überholt. Jeder in der Mode weiß, dass zu viele Labels in zu kurzen Abständen viel zu viele Kleider auf den Markt werfen.

Große Frage: Woran erkenne ich Nachhaltigkeit bei einer Marke?

Schwierig. Du kannst ein T-Shirt heute natürlich nachhaltig produzieren. Aber wenn du es dann in hundert Länder verschiffst, was ist damit gewonnen? Freunde von mir, die mit der Mode nichts zu tun haben, klagen immer wieder darüber, wie undurchsichtig das alles ist.

Fast alle großen Häuser haben sich zuletzt ökologisches Bewusstsein auf die Fahne geschrieben. Das meiste klingt wie PR.

Es gibt viel Greenwashing, das stimmt. Aber es gibt auch Kreative, die das Thema ernst nehmen und den Produktionsprozess transparent machen. Leute wie Gabriela Hearst oder auch Stella McCartney, eine Pionierin auf diesem Gebiet: Diese beiden erklären ihren Kunden genau, wie ihre Sachen hergestellt werden und was ihnen dabei wichtig war. Auf der anderen Seite müssen sich auch Konsumenten mehr Gedanken machen. Die Journalistin Dana Thomas schrieb in ihrem Buch "Fashionopolis", dass Shoppen pathologisch sei. Da gebe ich ihr Recht: In der westlichen Welt besitzen wir zu viele Dinge. Ich meine, schauen Sie sich doch mal die Kleiderschränke an!

Einzelhandel leidet in der Corona-Krise

Wem die neue Kollektion zu teuer ist, muss nurmehr zwei Monate warten, bis die Händler ihre Preise senken.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Sehr viele Menschen haben das zuletzt getan und festgestellt: Da hängen mehr Klamotten, als sie jemals tragen können.

Ich denke schon länger darüber nach, eine Ausstellung zu machen über die Evolution des Kleiderschranks. Früher war es eine Truhe, darin einige ausgewählte Garderoben für ganz bestimmte Anlässe. Heute ist es oft schon ein eigener Raum, möbliert mit Kleidungsstücken und Accessoires. Das ist exzentrisch, wer braucht so was?

Die Sommerkollektionen haben sich durch die Pandemie sehr schlecht verkauft. Was passiert nun mit ihnen?

Manche Sachen landen in Outlets, andere - und das ist ein offenes Geheimnis seit langem - werden nach Afrika verschifft und billig verhökert. Ganze Volkswirtschaften werden so destabilisiert. Die Discount-Mentalität ist ohnehin ein Problem: Die Branche hat ihre eigenen Produkte entwertet, indem sie die Preise für neue Kollektionen schon nach wenigen Wochen senkt.

Sie meinen die Black Fridays und Cyber Mondays mitten in der Saison.

Es ist verrückt! Als ich jung war, kam nach Weihnachten in den Schlussverkauf, was noch übrig war. Heute musst du als Kunde schon dämlich sein, im September 500 Euro für ein Paar Schuhe zu bezahlen, das du im November schon für 300 Euro bekommst. Wir erziehen unsere Kundschaft dazu, auf den Sale zu warten, der immer früher kommt.

Das sind die Probleme, wo aber sind die Lösungen?

Ein Landsmann von mir, der Modemacher Dries Van Noten, hat zusammen mit anderen Designern einen offenen Brief geschrieben. Sie fordern, das Tempo zu drosseln, die Zahl der Kollektionen zu reduzieren und den Rhythmus wieder den Jahreszeiten anzupassen: Sommerkollektionen also tatsächlich im Sommer zu verkaufen und nicht schon im Februar, wenn sie kein Mensch braucht. Etwa zur gleichen Zeit hat Chanel mitgeteilt, dass sie nicht planten, die Zahl ihrer Kollektionen und Fashion Shows zu reduzieren. Tja.

Hat die Fashion Week eine Zukunft?

Viele in der Branche sagen, dass sie ein Phänomen von gestern ist. Dass es nun digitale Lösungen gebe und dieser ganze Tross von Menschen nicht mehr zweimal jährlich nach New York, Mailand und Paris jetten muss, um die Kollektionen zu sehen. Es ist ja auch ein Exzess. Allein die Cruise-Shows, die an all diesen exotischen Orten gezeigt werden, dabei sind es nur Zwischenkollektionen! Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich zustimme.

Warum?

Das Live-Gefühl einer Modenschau lässt sich auf einem Bildschirm nicht herstellen. Das meiste, was ich gesehen habe, war professionell gemacht, aber es fehlte das Gefühl, die Seele. Das konnte man auch vor Corona schon feststellen: Social Media übersetzt die Laufsteg-Inszenierung in eine Dia-Show, man sieht die Kleider nur von vorne und bekommt kein Gefühl für die Stoffe, für das Physische dieser Kunst.

Welche Alternativen wären denkbar?

Da fällt mir Showstudio ein, die Mode-Website des Fotografen Nick Knight: Anfang der Nullerjahre hat er dort seinen ersten Modefilm über John Gallianos Arbeit für Dior veröffentlicht, nur ein paar Minuten lang und sehr experimentell. Es war das erste Mal, dass ein Designer bereit war, seine Ideen in das Medium Film zu übersetzen. Viele Labels sind damals darauf angesprungen und haben Ähnliches versucht. Manche dieser Filme waren relevant, andere unglaublich langweilig. Am Ende könnte es auf eine Mischform hinauslaufen: Der Laufsteg für eine ausgewählte Zielgruppe, die digitale Umsetzung für das große Publikum.

Sie kennen viele Modemacher persönlich. Wie geht es ihnen gerade?

Die unabhängigen Designer kämpfen. Als die Krise startete, lieferten sie gerade die neue Kollektion an den Handel aus und hatten keine Ahnung, ob sie ihr Geld zurückbekommen würden - die Kollektionen werden ja von ihnen selbst vorfinanziert.

Kann man jungen Menschen eigentlich noch raten, Designer zu werden?

Die Frage ist schon, werden die heutigen Modeschüler noch ihr eigenes Label gründen können, wie sollten sie das finanzieren? Braucht man überhaupt noch ein weiteres Label? Aber dieser Beruf war immer hart, das ist nichts Neues. Aus der Designergeneration der Neunziger, die hier in Antwerpen angefangen hat und so vielversprechend war, haben es nur ganz wenige geschafft. Die Karriere von Raf Simons ist da eine absolute Ausnahme. Trotzdem bin ich überzeugt, dass jede Krise neue Chancen schafft. Denken Sie an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: Alles lag in Schutt und Asche, aber die Künste erblühten.

Sie glauben an den Nachwuchs.

Ich glaube an ihre Ideen und das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Während der Pariser Fashion Week, die kurz vor Ausbruch der Corona-Krise gerade noch stattfand, war ich im Showroom der jungen britischen Designer. Was mir auffiel: Mit wem ich auch redete, alle hatten ihre Stoffe bei Modehäusern eingekauft, die keine Verwendung mehr dafür hatten. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, sie wollten keine neuen Stoffe produzieren lassen. Das hat mir Hoffnung gemacht. Außerdem: Wer mit Materialien arbeitet, die schon vorhanden sind, muss erfinderisch sein. Im besten Fall entsteht daraus eine neue Ästhetik.

Also doch: Die Krise als Chance?

Und nicht nur in dieser Hinsicht. Antwerpen hatte früher eine florierende Textilindustrie, aber der Produktionsprozess wurde ausgelagert. Wir dachten, wir hätten ihn für immer verloren. Heute glaube ich, es wird wieder einen Markt geben für lokale Produktion. Ähnlich wie es im Food-Bereich passiert ist mit dem Farm-to-Table-Prinzip. Es mag zynisch klingen, aber wenn die Krise groß genug ist, wenn sie lange genug dauert, werden die Dinge in Bewegung kommen.

© SZ/jael
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