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Japanisches Handwerk:Die Schönheit der Risse

Kintsugi

Kintsugi heißt die traditionelle Form der Keramikreparatur aus Japan.

(Foto: Humade)

Mit Kintsugi lässt sich der Lieblingsteller aus Porzellan wieder kitten. Die uralte Reparaturkunst wird gerade neu entdeckt, denn sie passt ganz wunderbar in unsere Zeit.

Eigentlich weiß man ja, dass die Lieblingsvase zu wackelig ist, um auf dem Fensterbrett zu stehen. Dass der Teller aus der bretonischen Töpferei immer separat vom Kleinkind aufzubewahren ist. Dass man beim Abwaschen der zarten Teetasse, ein Erbstück von der Oma, ganz besonders aufpassen muss. Aber weil man sich selbst leider nur in den wenigsten Fällen wirklich zuhört, fällt die Vase um, segelt der Teller zu Boden, zerbricht die Tasse in der Hand. Wirklich schade. Mülleimer auf. Scherben rein. Mülleimer zu.

Nicht Abfall, sondern Glücksfall: Der Riss wird zu einem wichtigen Teil des Objekts

Dabei haben diese Scherben durchaus das Potenzial, ihrem Besitzer weiterhin Freude zu bereiten. Finden zumindest die Anhänger des Kintsugi, der traditionellen Form der Keramikreparatur aus Japan. Dafür werden die zersprungenen Teile wieder in ihre ursprüngliche Form zusammengesetzt - die Bruchstellen bleiben allerdings sichtbar. Eine bewusste Entscheidung: Der Riss wird zu einem wichtigen Teil des Objekts, er ist Teil seiner Geschichte. Nicht Abfall, sondern Glücksfall.

Nachdem die Stücke mit Japanlack wieder zusammengeklebt sind, überziehen die Kintsugi-Meister die Naht mit Gold- oder Silberstaub. Das sieht aus, als ob sich zarte Adern über den Teller ziehen oder eine gierige Wurzel versucht, die Vase zu kapern. Weil der natürliche Japanlack, Wundsaft des Lackbaums, wasserbeständig und elastisch ist, kann das Teil nach seiner Reparatur wieder vollständig genutzt werden. Oft sind die neuen Gegenstände kostbarer als zuvor: Schließlich fließen unzählige Arbeitsstunden in die Reparatur, damit das neue Design perfekt ist; der Lack braucht oft Monate, um zu trocknen.

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Diese Variante des Upcycling, also der Wiederverwertung, soll bereits im 15. Jahrhundert entstanden sein, als einem japanischen Feldherrn eine seiner Lieblingstassen zersprungen war. Dies machte den Mann wohl dermaßen traurig, dass er sie extra bis nach China schicken ließ, um sie kitten zu lassen. Das Ergebnis gefiel ihm allerdings gar nicht. Deswegen drangsalierte er japanische Kunsthandwerker so lang mit der Aufgabe, sich was einfallen zu lassen, bis sie darauf kamen, den Spieß einfach umzudrehen und die Zerbrechlichkeit des Gegenstands hervorzuheben. Erst dank ihres Makels konnten sie der Tasse neue Schönheit verleihen.

Krise? Das Prinzip des Kintsugi lässt sich auch auf den Menschen übertragen

Kintsugi, grob zu übersetzen mit "Gold flicken", veranschaulicht damit ein Urprinzip der fernöstlichen Philosophie: Im Wabi-Sabi, dem japanischen Konzept von Ästhetik, steckt das Schöne eben im Fehlerhaften, im Vergänglichen, im Alten, im Kleinen. Schönheit muss nicht gleichgesetzt sein mit Perfektion. Wäre der Teller mit den aufgemalten Bambusblättern heute Teil der Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York, hätten Kintsugi-Meister nicht zuvor seine abgeschlagenen Ränder vergoldet? Manchmal braucht es eben einen lauten Knall, um wahrgenommen zu werden.

Die alte Handwerkskunst findet sich neu interpretiert auch in der zeitgenössischen Kunst wieder: Die Südkoreanerin Yee Sookyung setzt in ihrer Serie "Translated Vase" zum Beispiel ganz unterschiedliche Porzellanstücke mit 24-karätigen Nähten aus Gold neu zusammen, um daraus ungewöhnlich anzusehende und zum Teil riesige Formationen zu schaffen. Rachel Sussman hingegen repariert mit Gold Risse auf den Straßen New Yorks, während Charlotte Bailey aus dem englischen Brighton durchsichtige Stoffe um Vasenscherben wickelt und sie mithilfe von goldschimmerndem Metallgarn wieder in Form bringt.

Kintsugi passt wunderbar in unsere DIY-Zeit, in der aus jeder Weinkiste ein Regal wird, und man in Workshops lernen kann, wie man vegane Wurst herstellt, seine Fingerfertigkeit in arabischer Kalligrafie übt oder eben Scherben kittet. Spezielle Reparatursets ermöglichen es jedem Heimwerker, aus den acht Tellerteilen aus dem Bretagne-Urlaub wieder eines zu machen.

Die japanische Vorstellung, dass im Leben niemals etwas ganz kaputt ist, hat inzwischen sogar den Buchmarkt erreicht. Mit Ratgebern wie "Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen" oder "Wie uns Bruchstellen im Leben stark machen" versuchen die Autoren, das Prinzip des Kintsugi auf den Menschen zu übertragen. Ob Beziehung, Job oder Krankheit: Das Leben kann wie ein Teller in unzählige Teile zerspringen. Dass man sich aber nach Schicksalsschlägen wieder neu zusammensetzen kann und daraus nicht unbedingt schwächer hervorgehen muss, will diese Adaption des Kunsthandwerks vermitteln. Die japanische Form der Resilienz soll zeigen, wie man das Leben mit ein bisschen Lack wieder hinbekommt.

Schönheit muss eben nicht automatisch Perfektion bedeuten. Ein angenehmer Gedanke in unserer Welt der Fotonachbearbeitung. Sehen, was ist. Und sich daran erfreuen. Scherben bringen eben doch auch Glück.

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