30 Jahre Photoshop Der Betrachter sehnt sich im hochaufgelösten Pixel-Park zunehmend nach etwas Wärme

Bald "stempelten" alle Hobby-Fotografen fleißig mit, radierten Falten aus, setzten Filter ein. Letzteres wird mittlerweile so exzessiv betrieben, dass sich das Wort beinahe vollkommen von der Kaffeemaschine entkoppelt hat und nur noch auf Instagram laufend Posts aufbrüht. Jene, die sich kürzlich über das offizielle, arg nebulöse Portrait von Melania Trump lustig machten, es sei mit dem "Fog of War"-Filter aufgenommen worden, sind übrigens meist die ersten, die bei den Familienfotos die roten Augen wegretuschieren.

Jede Gesellschaft bekommt die Ästhetik, die sie verdient, sagen Retuscheure. Sie erfüllten ja in erster Linie die Vorgaben der Fotografen oder Werbekunden, die damit wiederum glaubten, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Häufig ist ihr Job jetzt mehr der eines Ausputzers, weil Budgets für Fotoaufnahmen immer weiter zusammengestrichen werden. Statt eines zusätzlichen Tages am Set, bei dem das ganze Team bezahlt werden muss, heißt es heute: "Machen wir später in der Post (-production)." Dann werden die Hände des Models von der einen Aufnahme zum Körper aus einem anderen Bild addiert. Wer nicht den einen perfekten Moment trifft, stückelt ihn sich eben aus verschiedenen digitalen Versatzstücken zusammen. Auch die Farben lassen sich hinterher am Computer angleichen. Ist das Model unvorteilhaft getroffen, wird es eben am Rechner ein bisschen "aufgehübscht". Der Traum vom Fotoladen mit unendlich vielen Schubladen und Möglichkeiten? Nicht jedermanns Sache. Von Altmeistern wie Peter Lindbergh lautet der ewige Vorwurf, Photoshop sei im Grunde "etwas für Loser."

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SZ-Magazin
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Dellen, Cellulite, Dehnungsstreifen - ein großer Online-Mode-Versand verkündet, die Fotos seiner Models nicht mehr zu retuschieren. Zu optimistisch sollte man trotzdem nicht sein.

Die Gegenbewegung gibt es natürlich längst. Junge, erfolgreiche Fotografen wie Harley Weir, Jamie Hawkesworth oder die 26-jährige Deutsche Marie Zucker fotografieren vermehrt wieder analog. "Die Körnung und Tiefe von Film ist einfach eine andere, die Färben haben mehr Wärme. Das ist nicht nur ein Retro-Trend, sondern Fakt", sagt Zucker, die bereits für die italienische und deutsche Vogue sowie für Kunden wie Louis Vuitton arbeitete. Es sei außerdem spannender und herausfordernder, nur ein paar und nicht beliebige "Klicks" zu haben. "Du musst wirklich diesen einen Augenblick einfangen", sagt Zucker. Digitale Fotografie wirkt dagegen häufig oberflächlicher. Auch der Betrachter scheint sich im ewigen, hochaufgelösten Pixel-Park zunehmend nach ein bisschen mehr Wärme in den Bildern zu sehnen. Angeblich sogar nach Realität: Der Online-Shop Asos kündigte kürzlich an, keine retuschierten Modelfotos mehr auf der Seite abbilden zu wollen. Wobei sich der Unterschied bei den ohnehin eher makellosen Mädchen in Grenzen halten dürfte. Auf Instagram gibt es längst die #nofilter-Bewegung. Und natürlich die Filter, die ein Bild möglichst analog aussehen lassen.

Verabschiedet sich Jennifer also allmählich aus dem Paradies, gelangweilt von der schönen neuen Welt?

Nicht, wenn man den "Shop" wieder als Werkstatt begreift, der zwar die Werkzeuge zur Verfügung stellt, in dem jeder Nutzer aber selbst dafür verantwortlich ist, was er daraus macht. Innovative Fotografie zum Beispiel. Der in London lebende Fotograf Daniel Sannwald lernte zwar an der Royal Academy of Antwerp noch in der Dunkelkammer, gehörte aber früh zu den Fotografen, die die technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters visuell ausreizten. Seine Arbeiten erschienen in i-D und Vogue, für Stella McCartneys Adidas-Kollektion fotografierte er Kampagnen, die durch Collagen und das Übereinanderlegen verschiedener Ebenen erstaunlich dynamisch wirken.

Das ewige Photoshop-Bashing nerve ihn manchmal, gibt Sannwald zu. "Meine Arbeiten sind dadurch nicht weniger aufwendig, im Gegenteil." Um das Model Georgia May Jagger für eine avantgardistische Beauty-Strecke zu fotografieren, baute er mehrere Kameras um sie herum auf, die ihr Gesicht per 3-D-Scan aufnahmen. Hinterher fügte er die Aufnahmen am Computer zusammen und illustrierte mit Photoshop darüber. Das Gesicht erscheint so hyperreal, beinahe surreal. Der offenstehende Mund wird zum Gefäß, aus dem Kirschen oder Blumen wachsen. Für Teen Vogue bemalte er die Lippen des Instagram-Models Taylor Hill mit Hashtags, Emojis und Dollarzeichen. "Du kannst dem Bild mit Photoshop neue Ebenen zufügen, Geschichten erzählen", sagt Sannwald.

Um die Abbildung von Wirklichkeit geht es hier dann schon wieder nicht, nicht einmal um ihre Vortäuschung. Oder wie es der Brite Nick Knight, der zu den visionärsten Fotografen unserer Zeit gehört, einmal formulierte: "Wenn du Realität willst - guck aus dem Fenster."

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