Nachruf:Die Kunst der Berührung

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Nachruf: Mit Issey Miyake verliert die Modewelt einen weiteren großen Visionär. Am 5. August starb der japanische Designer im Alter von 84 Jahren.

Mit Issey Miyake verliert die Modewelt einen weiteren großen Visionär. Am 5. August starb der japanische Designer im Alter von 84 Jahren.

(Foto: IMAGO/Starface)

Er war der "Meister der Falten", Hiroshima-Überlebender - aber natürlich noch so viel mehr. Zum Tod des genialen japanischen Designers Issey Miyake.

Von Silke Wichert

Gerade in den letzten Monaten musste man wieder häufig an ihn denken. Die Anfrage für ein Interview lief bereits. Nicht, weil die Designs von Issey Miyake in den Vintage-Shops gerade ein Revival erleben - so zeitlos wie sie sind, waren sie sowieso nie wirklich weg. Auch nicht, weil seine unverwüstlichen Plissees, Triangel-Taschen, Kleider aus einem Stück und andere visionäre Ideen von Marken wie Jil Sander oder JW Anderson neu interpretiert werden. Ebenso wenig, weil Innovation und Nachhaltigkeit heute ein großes Thema in der Mode sind, was der 84-Jährige schon früh hatte kommen sehen und woran er mit seinem Design-Studio in Tokio bis zuletzt forschte.

Der Grund war ein ganz anderer. Mit dem Ukraine-Krieg und der plötzlich sehr realen Angst vor dem erneuten Einsatz von Atomwaffen wäre Issey Miyake auch abseits der Mode ein wertvoller Gesprächspartner gewesen. Der Japaner wurde in Hiroshima geboren, als die Amerikaner dort am 6. August 1945 die erste Atomwaffe abwarfen, war Miyake sieben. Er und seine Schwester kamen gerade von der Morgenversammlung in der Schule und sahen aus dem Klassenzimmer "ein grelles rotes Licht, kurz danach die dunkle Wolke, Menschen, die verzweifelt in alle Richtungen rannten, um zu entkommen", wie sich Miyake einmal erinnerte. Seine Mutter schickte die Kinder daraufhin aufs Land, sie starb drei Jahre später an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Miyake selbst hinkte sein Leben lang und versuchte, die Erlebnisse so gut es ging zu verdrängen.

Seine Vergangenheit verschwieg Miyake und gab wenige Interviews. Weder nach seinem Aufstieg in den Siebzigerjahren noch zu seiner großen Erfolgszeit Anfang der Neunziger, als sein Duft "L'Eau d'Issey" durch jede Kreisstadt-Parfümerie schwappte, lüftete er sein Geheimnis. Nicht einmal, als er selbst gar nicht mehr wirklich in das Design der einzelnen Linien involviert war und sich auf Projekte mit seinem Studio konzentrierte. Er habe eben nicht nur der Designer sein wollen, "der die Bombe überlebte", wie er später erklärte. Erst 2009, als Barack Obama die weltweite Abrüstung von Atomwaffen forderte, brach Miyake in einem Gastbeitrag für die New York Times sein Schweigen. Als Überlebender habe er nun das Gefühl, eine persönliche und moralische Verantwortung zu tragen. Wenn man Atomwaffen je abschaffen wolle, müsse man über das Geschehene reden.

Das Hiroshima-Trauma macht ihn zum großen Optimisten der Mode

Mitte der vergangenen Woche sagte sein Studio die Interviewanfrage schließlich ab, am Freitag verstarb der Designer an den Folgen einer Leberkrebs-Erkrankung und wurde kurz darauf im kleinen Kreis an seinem Wohnort Tokio beigesetzt. Erst am Dienstag erfuhr die Öffentlichkeit von seinem Tod, und spätestens jetzt lässt sich mit Sicherheit sagen: Seine Sorge war vollkommen unbegründet, Miyake wird nicht ansatzweise als "der, der die Bombe überlebte" in Erinnerung bleiben. Aber dieses Detail seiner Biographie rückt seine Arbeit noch einmal in ein anderes Licht. Weil seine Vergangenheit derart traumatisch war, konzentrierte er sich so unbedingt auf die Zukunft, auf "Dinge, die erschaffen, nicht zerstört werden. Und die Schönheit und Freude vermitteln", wie er es formulierte. Mode erschien ihm sowohl modern als auch "optimistisch."

Nachruf: Kleider, die wie eine Ziehharmonika am Körper auf- und abwippten. Entwurf aus der Sommerkollektion 1995.

Kleider, die wie eine Ziehharmonika am Körper auf- und abwippten. Entwurf aus der Sommerkollektion 1995.

(Foto: AFP)

Also machte er sich daran, Stoffe und Kleidungsstücke zu entwerfen, die den Körper nicht einengten, sondern nur sanft umspielten. Die so leicht waren, dass man sie kaum spürte. Die vollkommen neu wirkten, am besten sogar überraschten. So wie seine Kleider, die mit eingearbeiteten Ringen wie eine Ziehharmonika am Körper auf- und abwippten und dabei auf dem Laufsteg nicht nur etwas sehr Lustiges, sondern fast Meditatives entwickelten. Ihm selbst schienen seine Entwürfe ohnehin den größten Spaß zu bereiten. Nach seinen Modenschauen stand der ewig jugendlich wirkende Mann mit dem Schnauzer strahlend im Kreise seiner Models. Für das Cover zu einer Ausstellung seiner "Paris Collections" malte ihn der Künstler Tadanori Yokoo mit buntem Schal und seinem ebenso typischen breiten Lächeln.

Er war einer der ersten Japaner in Paris, noch vor Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto

Miyake studierte zunächst Grafikdesign in Tokio. Anschließend zog er nach Paris und arbeitete für Hubert de Givenchy und Guy Laroche. Doch nach der Achtundsechziger-Revolution erschien ihm die Haute Couture plötzlich wahnsinnig rückwärtsgewandt. Also ging er zunächst nach New York und kehrte 1970 nach Tokio zurück, um seine eigene Marke zu gründen. Bereits 1971 präsentierte er die erste Kollektion bei den Pariser Schauen. Seine Außenseiterstellung begriff er als Chance, zumal er nun im doppelten Sinne keine Vergangenheit besaß: keine eigene und vor allem keine modische, mit der man ihn ständig vergleichen würde. Kenzo hatte seine Marke erst im gleichen Jahr gegründet, Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo kamen viel später nach Europa. Auch deshalb konnte er so befreit eine radikal neue Ästhetik entwickeln.

Nachruf: "Meister der Falten": Die Plissees von Issey Miyake sind so berühmt und erfolgreich, dass daraus sogar die eigene Linie "Pleats Please" entstand.

"Meister der Falten": Die Plissees von Issey Miyake sind so berühmt und erfolgreich, dass daraus sogar die eigene Linie "Pleats Please" entstand.

(Foto: AFP)

Miyake begriff sich ohnehin weniger als Couturier, sondern als Kreativer, der in allen Bereichen nach Inspiration und Austausch suchte. Technologie, Bewegung und Kunst faszinierten ihn. Er entwarf Arbeitsuniformen für Sony, womöglich kaufte Steve Jobs seine schwarzen Rollkragenpullover deshalb nur von ihm. Eine Corsage seiner "Body Works"-Kollektion aus Raffia-Stäben landete 1982 als erstes Kleidungsstück überhaupt auf dem Cover von Artforum. Von Anfang an kooperierte er regelmäßig mit japanischen Künstlern, lange bevor Marc Jacobs für Louis Vuitton anfing, Taschen mit Takashi Murakami zu designen und damit den "Art Boom" in der Mode auslöste.

Zu Miyakes bekanntesten Erfindungen gehört natürlich das "Micro Pleating", das er zusammen mit einem Ingenieur entwickelte: Polyester, das von einer speziellen Maschine plissiert wird und dann einfach immer in Form bleibt, egal, wie oft man es trägt, wäscht oder im Koffer zusammenknüllt. Später ließ er die Stücke an verschiedenen Stellen unterschiedlich stark falten, um geometrische Formen und Volumen an Schultern, Ärmeln oder der Taille zu erzeugen. "Meister der Falten" wurde Miyake deshalb oft genannt, wobei ihn dieser Begriff nun ebenso unzureichend definiert.

Wenn Miyake sich selbst beschreiben sollte, sagte er stets: "Ich mache Kleidung." Oder, noch schlichter, "I make things." Das war nicht nur Ausdruck von Bescheidenheit, sondern vor allem genau so gemeint - "fashion", das hatte für ihn zu wenig mit dem echten Leben zu tun. "Mich interessieren vor allem Menschen und die menschlichen Formen", hat Miyake in einem Interview gesagt. "Nichts kommt dem Menschen so nah wie Kleidung." So berührt wie bei ihm hat sie selten.

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