Instagram-Opa Vom Rentner zum Hypebeast

Alojz Abram in einem silbernen Outfit von Kopf bis Fuß.

(Foto: Jannik Diefenbach/@Jaadiee)

Elf Jahre lang genoss Alojz Abram seine Rente. Dann hat sein Enkel eine Idee - und plötzlich ist der hippe Großvater mit den Markenklamotten eine Instagram-Sensation.

Von Max Sprick

Einmal pro Woche verwandelt sich Alojz Abram in ein Hypebeast. Die Jugendsprache beschreibt so einen Jugendlichen, der überwiegend sehr teure, weil sehr begehrte Kleidung und Schuhe sammelt, einzig zum Zweck, seine Mitmenschen zu beeindrucken, finanziert meist von Eltern, die davon nicht ganz so beeindruckt sind. Alojz Abram ist kein Jugendlicher. Er ist 72 Jahre alt und Rentner. Er hat auch jemanden, der seine Klamotten finanziert, aber das sind nicht seine Eltern, und er beeindruckt 220 000 Mitmenschen.

Auf der Fotoplattform Instagram ist Alojz Abram, der Hypebeast-Opa, unter dem Pseudonym @Jaadiee berühmt. Seine Verwandlung dauert nur rund zehn Minuten: Abram, wenige graue Haare auf dem Kopf und viele freundliche Falten im Gesicht, zieht sich zunächst bunte Turnschuhe an, enge Jeans oder Jogginghosen, Kapuzenpullover und Mützen. Dann setzt oder stellt er sich auf Straßen oder vor bemalte Häuserwände, wo ihn sein Enkel fotografiert. Ein paar Hashtags und Klicks besorgen den Rest.

Das Internet ist groß, es ermöglicht die kuriosesten, interessantesten und skurrilsten Geschichten, und es macht Menschen zu Berühmtheiten, gerade wie es ihm gefällt. Das Leben von Alojz Abram war eigentlich als followerfreies Leben angelegt; dass gerade er jetzt zu denjenigen gehört, deren Fotos von anderen angeklickt werden, ist Zufall. Ein seltsamer Zufall, aber auch ein schöner. Bei dem Regen, den der Wind an diesem November-Abend über den Stadtteil Hechtsheim im Mainzer Süden peitscht, hat Abram keine Lust, sich zu verwandeln.

Er lädt lieber in seine Erdgeschoss-Wohnung mit dem kleinen Garten, um zwischen Massivholz-Möbeln von seinen Verwandlungen zu erzählen. Er trägt einen schwarzen, vom Enkel designten Pullover, und ja, tatsächlich Turnschuhe, aber sonst deutet nichts auf sein Doppelleben hin. An den Wänden hängen Bilder seiner Familie oder klassische Öldrucke, in der Ecke steht ein gemütliches Großeltern-Sofa. Starker Kaffee steht auf gestickten Untersetzern auf dem Glastisch. Nur auf einer Kommode findet sich ein einziger Hinweis: Ein kleines, mit Buntstiften gefertigtes Gemälde von Abram. "Ein Fan hat das nach einem meiner ersten Fotos gemalt", sagt Abram. Er blickt noch eine Weile auf das Werk, fast andächtig.

Auf dem allerersten Foto, das von ihm im Internet hochgeladen wurde, lehnt er lässig an einer Backsteinwand. Den rechten Arm in die Hüfte gebeugt, das linke Bein angewinkelt, so blickt er aus dem Bild heraus. Abram sieht aus, als wüsste er nicht so recht, was er da tut, und vor allem: warum. Warum er sich in rot-weiße Turnschuhe seines Enkels gezwängt hat, die ihm zu klein sind. Warum er Tennissocken trägt, warum er seine Cordhose bis über die Knöchel hochgekrempelt hat und warum dieser Brustbeutel quer über seinem weißen Kapuzenpulli spannt.

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"Das war meine Idee", sagt Jannik Diefenbach, Abrams 23-jähriger Enkel. Diefenbach, rasierte Schläfen unter dichten Haupthaar-Locken, dicke Silberringe an seinen Fingern, wollte sich an Weihnachten vor zwei Jahren einen Spaß erlauben. Für seine Freunde wollte er seinen Großvater fotografieren, den er dafür in seine eigene jugendliche Kleidung steckte. Was auf dieses eine Foto folgte, konnte keiner ahnen. Diefenbach nicht, weil er ja eigentlich nur einen Spaß machen wollte, und Abram und seine Ehefrau nicht, weil sie nicht wussten, was Instagram ist. Jetzt verdient Aloiz Abram mit einer zehnminütigen Verwandlung mehr als in seinem früheren Leben in mehreren Wochen.

Wenn Alojz Abram erzählt, dann ist das Hypebeast weit weg. Er wirkt schüchtern, er spricht nur kurze Sätze, lächelt und lacht fast mehr, als er redet. Bis er auf sein altes, analoges Leben zu sprechen kommt. Da war er Glasmacher. So wie sein Vater, dessen Vater und dessen Vater. Abram geht an eine Glasvitrine und holt eine kleine Glasfigur heraus. Sie zeigt ihn beim Blasen, nach vorne gebeugt, mit langem Rohr im Mund. Die Kollegen fertigten sie ihm beim Abschied als Erinnerung an. Alojz Abram redet jetzt von seiner Heimat nahe der slowenischen Hauptstadt Ljubliana, wo er Weißbiergläser geblasen hat, die er für Blumenvasen hielt, "wir kannten ja kein Weißbier". Davon, wie er vor 50 Jahren mit seiner Ehefrau nach Mainz kam, wo er weiter Glas blies, eine extreme Belastung sei das gewesen, weil er immer wieder dem krassen Kontrast aus glühend heißem, flüssigen Glas und eiskaltem, abschreckendem Wasser ausgesetzt gewesen sei. Er hat lange und hart gearbeitet. Als er mit 59 das Angebot bekam, in vorzeitigen Ruhestand zu gehen, nahm er es an.

Seinen Ruhm erlebt und genießt er lieber analog

Langweilig ist ihm seitdem nie geworden. Drei Mal die Woche geht er ins Fitnessstudio, kümmert sich mit seiner Ehefrau Angela gerne um den Garten und noch lieber um seine Enkelkinder. Deshalb habe er damals in den Spaß eingewilligt: "Ich wollte Jannik eine Freude machen." Obwohl das schon eigenartig war, sagt er, also das mit den Turnschuhen, weil die "kannte ich ja nur vom Sport, im Alltag habe ich nie welche getragen", und warum auch? Aber nicht, dass das jetzt falsch rüberkommt: Das Internet war kein Neuland für ihn, Abram liest schon seit Jahren Tageszeitungen online, er fragt Google, wenn er etwas nicht weiß, er verschickt Emails und Whatsapp-Nachrichten. Bloß soziale Medien, die hat Abram nie genutzt. Macht er immer noch nicht.

Seinen Ruhm erlebt und genießt er lieber analog. Im Supermarkt, wo plötzlich Jugendliche auf ihn zukommen und Selfies mit ihm schießen wollen. Im Fitnessstudio, wo ihm die starken Männer auf die Schulter klopfen und ihn um seine Followerzahlen beneiden. Und auf internationalen Turnschuh-Messen, zu denen ihn die Veranstalter einladen, weil sie sich dadurch eine gesteigerte Aufmerksam versprechen. "Neulich, bei einer Messe in Amsterdam, kamen jede Menge giggelnde Mädchen auf mich zu", sagt Abram, er staunt noch immer: "Aus China, Indonesien und von den Phillipinen." Dass ihn Menschen vom anderen Ende der Welt erkennen, macht ihn durchaus stolz. Und das Geld? "Pro Foto kassieren wir einen vierstelligen Betrag", sagt Jannik Diefenbach. Sie bekommen Geld, wenn der Großvater neue Videospiele spielt und sich dabei filmen lässt. Dafür, dass er sich in die Ecke seiner Wohnzimmer-Couch setzt und einen Turnschuh in die Kamera hält. Oder ein bestimmtes Getränk trinkt.

Kooperationspartner schicken ihm ihre Produkte samt Wunschmotiven, die die beiden dann inszenieren - was nicht selten skurrile Ausmaße annimmt. "Einmal sollte ich mir einen Schal quer über den Kopf legen", sagt Abram, "ich verstehe bis heute nicht, warum." Das gar nicht mal so wenige Geld will Alojz Abram gar nicht, jedenfalls nicht für sich selbst, er sagt, er habe doch alles, was er brauche. Was @Jaadiee verdient, bekommt Enkel Jannik. Unter einer Bedingung: Er darf sein Studium nicht vernachlässigen, da ist der Instagram-Opa ganz konservativ. Denn sonst, sagt er, ist schnell Schluss mit den Verwandlungen.

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