bedeckt München 28°

Insolventes Modelabel aus Hamburg:Vom Lumpensammler zum perfekten Anzug

"Da drüben", sagt Jensen und weist aus seinem Laden auf die andere Straßenseite. Das Haus ist eingerüstet, wird wohl gerade teuer saniert, wie es eben so ist in Szenequartieren wie dem Karoviertel, wo in Hamburg die Künstler wohnen, die Kreativen, Alternativen. 1996, als 19-Jähriger, hat Jensen hier mit einem Freund sein erstes Geschäft aufgemacht: einen Second Hand Shop. Hier verkaufte er vor allem Herrenanzüge aus den 1920er- bis 1980er- Jahren, die er in den Sortierbetrieben der Altkleidersammler zusammenklaubte. Was originell und noch brauchbar war, nahm er mit, steckte es zur Not neu ab und bot es nach Dekaden sortiert im Karolinenviertel an. Er hatte schnell Erfolg damit, aber es reichte ihm auch schnell nicht mehr. "Ich wollte nicht nur Lumpensammler sein", sagt er, "ich wollte eigene Modelle entwerfen." Den "perfekten Anzug", darunter ging es für ihn nicht.

Bent Angelo Jensen, 35, ist Perfektionist, Exzentriker, Dandy. Er trägt an diesem warmen Julitag in Hamburg Lederschuhe mit Gamaschen, ein geblümtes Hemd, schwarz manikürte Nägel, goldene Ohrringe. Die Haare sind kurz geschnitten, der Bart über der Oberlippe scharf rasiert, alles sitzt perfekt, nur die Augen wirken müde. Sein Smartphone klingelt pausenlos, Freunde rufen an, Geschäftspartner, Lieferanten. 51 Prozent seiner Gläubiger müssen dem Insolvenzplan zustimmen, dann kann Herr von Eden weitermachen.

Bent Angelo Jensen übt sich in Zuversicht: Der vorläufige Insolvenzverwalter Nils G. Weiland hat Unterstützung für das Sanierungsvorhaben signalisiert. "Die beiden größten Stofflieferanten haben auch schon zugesagt", sagt Jensen. Das Telefon vibriert noch einmal, eine SMS, Jan Delay schreibt: Er wünsche Bent jetzt viel Kraft.

Jan Delay war der erste Prominente, der sich bei Herr von Eden einkleiden ließ. Viele der karierten, gemusterten, bunten Maßanzüge, in denen man den Rapper kennt, kommen aus der Hamburger Marktstraße. Anzüge machten "nicht unlinks", hat Jan Delay einmal in einem Interview mit der Entertainment-Plattform Monsters and Critics gesagt, wider den Spießer-Banker-Beamten-Ruf, den die Kombination aus Jackett und Bundfaltenhose lange in Deutschland hatte. Es hat viel mit Jan Delay zu tun, dass der Anzug jetzt wieder cool ist. Es hat viel mit Herr von Eden zu tun, dass Jan Delay Anzug trägt.

Autodidakt, Wunderkind, aber kein Rechengenie

Wo er das Geschäft gelernt hat? Da erzählt Jensen von seiner älteren Schwester, die Schneiderin war und später Modedesign unterrichtet und ihm bei den ersten Schnitten geholfen hat. "Ansonsten habe ich mir alles selbst beigebracht", sagt er, durch die viele Arbeit mit Klamotten aus Altkleidersortierbetrieben habe er sich in Schnittführungen und Passformen ausgekannt. Dass Jensen Autodidakt ist, hat die Legendenbildung um das Wunderkind aus dem Second-Hand-Laden immer genährt. Er lacht bitter. "Das Rechnen hätte ich mir wohl besser beibringen müssen." Er hat sich verkalkuliert.

Das Geschäft mit den perfekten Anzügen ging so blendend, dass Jensen bald einen zweiten Laden in Berlin aufmachte, in Kopenhagen, in Köln, noch einen in Hamburg und einen in München. Aber München und Kopenhagen liefen nicht, allein in Bayern machte er 300.000 Euro Verlust. "In Städten, in denen es keine Wildplakatierung gibt, funktioniert Mode nicht, die mit Subkultur spielt", sagt er heute, im Rückblick. Die Geschäfte in München, Kopenhagen und die zweite Filiale in Hamburg hat er längst dicht gemacht, aber hinterher saß er trotzdem noch da, mit seiner viel zu großen Verwaltung und den viel zu hohen Lieferantenverbindlichkeiten.

Todesstoß Damenkollektion

Am schwersten aber wogen seine Fehler mit der Damenmode-Kollektion. Die lief von Anfang an nicht so richtig, zu kühl waren die Entwürfe, zu geradlinig, zu androgyn, zu viel Marla Glenn und Marlene Dietrich. "Den Frauentyp, den ich mir vorgestellt habe, gibt es so als Kundin nicht in Deutschland", sagt er. "Ich habe an den Frauen vorbeiproduziert." Die Damenkollektion hat ihm letztendlich das Genick gebrochen. Er wird sie komplett abstoßen. Er hat insgesamt 600 000 Euro Schulden.

Aber er hat auch noch drei Geschäfte, Herr von Eden in Hamburg, Berlin und Köln, die schwarze Zahlen schreiben, und er hat sein Maßatelier am Hamburger Großneumarkt. Er hat den "perfekten Schnitt", an dem er jetzt weiter feilen will, mit einer Passform, die auch kräftigere Männer tragen können. Alle sechs Wochen wird Herr von Eden künftig die Ware in den Läden erneuern - lieber weniger produzieren und wendiger bleiben. "Wir wollen überleben", sagt Bent Angelo Jensen. Mitten in der größten Krise des Unternehmens erwartet Herr von Eden an diesem Freitag eine Großlieferung. 300 Anzüge kommen neu in die Läden. Der Lumpensammler von früher flieht nach vorn.

© SZ vom 05.07.2013/leja
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB